Jung, frustriert und bereit zur Gewalt
Dienstag, 10. Juni 2008 08:45Berliner Illustrirte Zeitung: Frau Spielhaus, in Berlin gibt es Islamisten... Riem Spielhaus: In der Tat.
Berliner Illustrirte Zeitung: Frau Spielhaus, in Berlin gibt es Islamisten...
Riem Spielhaus: In der Tat. Vor allem in Kreuzberg und Neukölln gibt es diese Problematik. Seit dem 11. September wird da nur genauer hingeschaut. Es ist ein Bewusstsein entstanden für die Umstände in Berlin und das ist durchaus gut so.
Hat sich das Problem durch den 11. September verstärkt?
Es hat wesentliche Veränderungen gegeben. Auch andere politische Ereignisse wie etwa der Krieg in Afghanistan, der Irak-Krieg oder jetzt der Krieg im Libanon spielen da eine Rolle. Vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund werden davon beeinflusst und positionieren sich neu.
Was genau passiert da?
Das ist in erster Linie eine Reaktion auf die empfundene Ablehnung des Islam. Die Jugendlichen sehen, dass Terror mit dem Islam gleichgesetzt wird. Den Krieg gegen den Terror empfinden sie also als einen Krieg gegen sich. Wo immer Muslime bekämpft werden, fühlen ihre jungen Glaubensbrüder dann solidarisch. Außenpolitische Ereignisse vermischen sich mit der Erfahrung, in einer Gesellschaft nicht dazuzugehören.
Also geht es auch um eine Art Trotz?
Trotz wäre eine verkürzte Darstellung des Problems. Vielmehr geht es um eine direkte Antwort auf die eigene Fremdheits-Erfahrung. Bei den Einen heißt das, dass sie ein positives Bild des Islams zeichnen, die Anderen werden radikal. Dabei bedienen und bedingen sich die Extremisten und die Hardliner in der Bundespolitik. Wenn Stoiber oder Beckstein etwas sagen, fällt die Antwort entsprechend aus. Die spielen sich gegenseitig in die Hände.
Kann man von dem einen Islamismus sprechen?
Nein, es gibt verschiedenste Gruppen. Die wenigsten darunter sind übrigens gewaltbereit, in Berlin sind das vielleicht 200 Personen. Da lohnt auch ein Blick in den Verfassungsschutzbericht. Gemein ist allen Strömungen, dass sie für einen islamischen Staat eintreten. Und Verschwörungstheorien spielen bei vielen eine Rolle. Sie sind ein großer radikaler Nährboden: Die Geschichten von der semitischen oder kapitalistischen Weltverschwörung.
Warum ist Berlin so stark betroffen?
Diese Frage ist schwer zu beantworten. Möglicherweise haben wir einfach nur bessere Erkenntnisse, denn hier kann genauer hingeschaut werden. Das Gebiet ist überschaubarer als ein großes Flächenland. Ich glaube, daher ist Berlin auch eher besser beschützt als andere Länder.
An welchen Orten treffen sich islamistische Kreise?
Es sind jedenfalls nicht mehr die Moscheen. Dort lernt man sich höchstens kennen. Privaträume und Cafés sind öfter Treffpunkt. Pläne werden kaum in öffentlichen Räumen geschmiedet. Deshalb sollte man die Verantwortung und Einflussmöglichkeit der Imame und Moscheen auch nicht überschätzen. Die können nicht mehr tun als die Leute rauszuwerfen aus ihrem Haus. Damit ist aber das Problem für die Gesellschaft nicht gelöst.
Wer neigt dazu, Terrorist zu werden?
Die Täterprofile zeichnen das Bild vom jungen, persönlich frustrierten Gefährder um die 20. Die 35- bis 50-Jährigen sind dagegen eher in der Planung und im ideologischen Aufbau zu finden.
Experten befürchten, dass es in absehbarer Zeit einen Terroranschlag in Berlin geben könnte.
So etwas sehe ich momentan noch nicht. Man kann sich nie sicher sein, aber bis jetzt erkenne ich keine aus Berlin kommende so starke islamistische Gewaltbereitschaft.
In London wurden in England sozialisierte Männer zu Attentätern.
Genau darin sehe ich einen Unterschied zu Deutschland. Wir haben bisher keine in gleichem Maße politisierten Milieus wie in England. Auch die jüngsten Kofferbomben-Attentäter sind ja nicht hier aufgewachsen. Anderseits kann sich das aber schnell ändern. Man braucht nur auf die Arbeitslosenraten unter jungen Migranten zu schauen, um zu sehen, wie viel Perspektivlosigkeit auch bei uns heranwächst.
Gibt es einen Kampf der Kulturen in Berlin?
Auch hier hat seit dem 11. September ganz klar eine Abgrenzung eingesetzt. Es heißt heute immer öfter: wir gegen die. Muslimische Menschen werden stigmatisiert und distanzieren sich ihrerseits wieder. Im Ganzen ist das ein Aushandlungsprozess in unserer Gesellschaft um die Frage: Wer gehört dazu? Der Ausgang dieses Prozesses ist offen. Aber ich sehe positive Anzeichen zu einem neuen Wir, dass Migranten gleich welcher Religion einschließt.
Die Fragen stellte Christoph Wöhrle
Riem Spielhaus ist Islamwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie forscht seit Jahren zum Thema Islam in Deutschland






















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