"Der Klang hat sich verändert"
Dienstag, 10. Juni 2008 08:04 - Von Axel BrüggemannBeim Vorspiel hatte Friedrich Witt immer den gleichen Trick. Wenn die Jury ihm Noten vorlegte, etwa die halsbrecherisch grollenden Baß-Passagen aus den Beethoven-Sinfonien, kullerte er mit den Augen, legte die Züge leichter Überforderung in sein Gesicht, stöhnte ein bißchen und begann zu spielen.
Beim Vorspiel hatte Friedrich Witt immer den gleichen Trick. Wenn die Jury ihm Noten vorlegte, etwa die halsbrecherisch grollenden Baß-Passagen aus den Beethoven-Sinfonien, kullerte er mit den Augen, legte die Züge leichter Überforderung in sein Gesicht, stöhnte ein bißchen und begann zu spielen. So, als hätte er das Werk noch nie gesehen. Aber er machte keinen Fehler, denn Friedrich Witt kannte Beethovens Sinfonien natürlich aus dem Effeff, hatte sie zu Hause geübt, wochenlang, bis ins letzte Detail.
Heute ist der Bassist 76 Jahre alt, sitzt in einem gemütlichen Reihenhaus am Wannsee und ist ziemlich zufrieden. Mit sich. Mit seinem Leben. Und mit seiner Karriere. Seine alte Jury-Masche hat ihm die Türen zu den Orchestern von Oberhausen und an der Frankfurter Oper geöffnet. Erst, wenn er beim Vorspiel von 1951 ankommt, wird seine Stimme ein wenig feierlicher. Denn damals ging es um alles. Nun mußte der Bluff des Musikanten im Heiligtum der deutschen Musik funktionieren - bei den Berliner Philharmonikern. Und auch hier spielte Witt wieder ohne Fehler. Doch nachdem er mit seinem Kontrabaß zu Hause angekommen war, mußte er erst einmal Geduld haben. Nach zwei Jahren fand er endlich ein kleines, unscheinbares Stück Papier in seinem Briefkasten. Schnörkellos war darauf zu lesen: "Die Stelle als Bassist bei den Berliner Philharmonikern, auf die Sie sich beworben haben, ist nun frei."
Friedrich Witt war damals ein schnieker junger Mann. Die schwarzen Haare trug er modisch nach hinten gewachst. Er gab sich gern als Boheme, und die Damen aus Oberhausen klingelten auch nach seiner Abreise nach Berlin noch an der Tür seiner Eltern und wollten ihn heiraten. Das sagt er auf jeden Fall.
Die letzten Kriegsjahre hatte der Musiker in Schützengräben und Bunkern erlebt, sein Instrument strich er mit einem Bogen, den er mit Tesa-Krepp notdürftig repariert hatte. "Ich habe natürlich keine Sekunde gezögert, nach Berlin zu kommen", sagt er, auch wenn sich die Einreise in die zerbombte Stadt unfreundlich gestaltete. "Als ich am Bahnhof-Zoo ankam, waren die Ruinen nur durch eine Pappwand versteckt. Aber es war mir egal - ich wollte Philharmoniker werden."
Ein Berliner Philharmoniker war in den 50er Jahren so etwas wie ein Pionier, ein Abenteurer, ein Hasardeur. Zu Hause in der Frontstadt wurde er mit seinem Instrument für den Kalten-Kultur-Krieg instrumentalisiert, und draußen in der Welt war er ein Musik-Missionar des neuen Deutschlands. Zu Gastspielen nach New York ("und wer kam damals schon nach New York!") flog man 24 Stunden in einer klapprigen DC4, statt Luxus-Hotels erwarteten die Musiker schmuddlige Motels oder Drive-Ins. Extrazulagen gab es nicht, nur Spesen: Zwölf Dollars und 50 Cents - davon gingen sechs für die Bleibe drauf. Friedrich Witt war 45 Jahre lang bei den Philharmonikern. Er ist ein Pionier geblieben.
Wilhelm Furtwängler hat ihn eingestellt, Claudio Abbado ihn pensioniert. Die meiste Zeit spielte er unter Herbert von Karajan, dem Technik-Freak der Musik. Der Maestro liebte schnelle Autos, setzte auf modernste Aufnahme-Ausstattung und revolutionierte den Klassik-Markt, als er die erste CD aufnahm. Würde Karajan heute noch leben, hätte er wahrscheinlich auch das Podcast als Marktnische entdeckt, das Internet-Radio.
Das erste feste Gehalt, das Friedrich Witt bekam, betrug 200 Mark. "Davon habe ich meinen Eltern ein Radio gekauft: ein "Sava-Reporter' mit "magischem Auge', für 420 Mark. Ich habe natürlich in Raten bezahlt. So konnten wir wenigstens zu Hause im Wohnzimmer Musik hören." Heute macht er selbst Radio. Aus dem Wohnzimmer. Zwar ist im Reihenhaus des ersten Podcasters der Philharmoniker nicht einmal ein Computer zu sehen, und seine Memoiren, eine Sammlung wunderschöner Anekdoten unter dem Titel "Ein Kontrabaß spielt selten allein", hat der Bassist mit Stift und Papier niedergeschrieben. Bescheidenheit liegt dem Musiker nicht: "Im Gegensatz zu Süskinds Erfolgsroman "Der Kontrabaß' haben meine Geschichten den großen Vorteil: sie sind wahr." Regelmäßig besucht Witt seinen Sohn, nimmt bei ihm seine Texte auf, streicht seinen Baß und stellt alles zusammen ins Internet. 30 bis 60 Minuten dauert jede seiner Sendungen.
Seine Frau hat indessen Steaks zubereitet und frischen Salat mit Öko-Öl angemacht. Dazu gibt's guten Wein. So sitzen die beiden jeden Abend zusammen. Und manchmal legt Friedrich Witt dann seine Märchenstimme auf und erzählt aus seiner Zeit als Berliner Philharmoniker.
Dabei wäre er fast gar nicht aufgenommen worden. Seine Probezeit wurde verlängert, weil er sich in den Pausen zu lässig nach hinten lehnte und den Bogen mit der Spitze auf den Boden stellte. Außerdem hatte er sich mit dem Quertreiber der Baßgruppe eingelassen. "Aber wissen Sie", sagt Witt heute, "wer Philharmoniker werden will, muß da durch. Wer die Probezeit überlebt, ist gezeichnet fürs Leben: gebrochen oder gestählt." Dann macht er eine Pause und sinniert: "So war das auf jeden Fall früher. Da hat die Probezeit auch schon mal zwölf Jahre gedauert."
Witt erzählt von einer eingeschworenen Gemeinschaft mit einem hierarchischen Geist, aufgeteilt in ältere und jüngere Kollegen. Nach seinem ersten Konzert wagte der Neuling sich zu freuen: "Das war aber wirklich ein wunderbares Konzert." Und er bekam die trockene Antwort: "Das können Sie doch noch gar nicht beurteilen."
Eine der ersten Touren ging nach Paris. Friedrich Witt war stolz, als der Senior-Baß-Spieler, Herr Taubner, ihn fragte, ob er mitkommen wolle auf einen Ausflug nach Fontainebleau. Dort hat der ältere Herr dann allerdings fünf Stunden unter einem Baum geschlafen und geschnarcht. Friedrich Witt traute sich nicht, allein loszugehen. Als Herr Taubner wieder aufgewacht war, freute er sich: "Kleener, det war aber ein schöner Ausflug, wa?". Dann gingen sie zurück ins Hotel.
Auch auf der US-Tournee teilte Witt ein Zimmer mit seinem neuen Freund. Der sagte gleich nach der Ankunft: "Kleener, laß' mal die Rolladen runter, die dummen Musiker müssen ja nicht zuschauen, wenn ich meinen Koffer auspacke." Dann kramte er Hanteln, einen Expander, einen Hammer und einen Nagel aus dem Gepäck und hängte ein Barometer an die Wand: "Ick muß doch wissen, wie der Luftdruck ist." Herr Taubner verschwand mit allerhand Bürsten und Pulver im Bad. Als er seine Wäsche erledigt hatte, sagte er: "Is' doch schön, mit Papa sein Zimmer zu teilen, wa, Kleener?"
Auf der USA-Reise wurden in 28 Tagen 24 Konzerte gespielt, über 10 000 Kilometer in Bussen zurückgelegt, "und zwischendrin gab's nur verkohlte Holzfällersteaks", sagt Witt. Die Tournee war geplant, als Wilhelm Furtwängler starb. Herbert von Karajan wurde zum designierten Nachfolger. Und als das Orchester in der Carnegie Hall auftrat, sorgte berittene Polizei für Ordnung unter den Menschen, die gegen Karajans NS-Vergangenheit demonstrierten. Tauben wurden im Saal freigelassen. Doch das "Tristan"-Vorspiel beruhigte die Gemüter.
Einige Konzerte fanden in Sporthallen statt, in denen die Leute Abonnements für Rugby-Spiele, "Holiday on Ice" und eben für ein Konzert der Berliner Philharmoniker hatten: "Als in der ersten Reihe ein Baby gestillt wurde, hat Karajan auf Autopilot gestellt. Und in der Umkleide wurde der legendäre Satz geprägt: "Zum Weltruhm reicht's'."
"Im Flug zurück", erinnert sich Witt, "waren wir alle in einer merkwürdig albernen und ausgelassenen Stimmung. Klar, es gab Alkohol bis zum Abwinken. Aber wir waren gleichzeitig zu Tode erschöpft. Ich kannte diese Stimmung nur aus den Schützengräben oder Bunkern. Mir schien es so, als waren wir nicht auf einer Konzertreise, sondern auf einem Feldzug."
Im Treppenhaus seines Reihenhauses steht noch der alte Baß von Witt. Das Philharmoniker-Instrument hat er der Orchester-Stiftung vermacht, "um den legendären Klang zu bewahren. "Aber der Klang hat sich längst verändert." Witt mag die neue Generation nicht. Und dann schwärmt er, daß der "geniale Tyrann Furtwängler" durch Karajan, den "genialen Meister der Suggestion" ersetzt wurde. "Er hat bedingungslos an das Orchester geglaubt. Und wenn ein Hornspieler einen Fehler machte, hat Karajan ihm beim Schlußapplaus einen Extra-Handkuß zugeworfen. Am Ende glaubte das Publikum, sich verhört zu haben."
Nach Karajans Tod hat Witt selbst Claudio Abbado als Nachfolger ins Gespräch gebracht - und wurde enttäuscht: "Ich glaube, er war mit uns überfordert, suchte einen weichen Klang, aber wir haben es eben gern krachen lassen." Auch der Umgangston hat sich geändert: "Karajan hat geweint, wenn ältere Mitglieder pensioniert wurden, Abbado hat sich gefreut, daß er eine Stelle neu besetzen konnte und den nächsten Philharmoniker mit "Hallo, ich bin der Claudio' begrüßen konnte." So was kratzt am Team-Verständnis des Bassisten, wenn "schon ein Jungspund in der Probezeit geduzt wird".
Witt spielt heute selten Baß, manchmal empfängt er Schüler. Und abends zieht er sich am liebsten in seine Garage zurück, die er zu einem Atelier umgebaut hat, und malt: Landschaften, Collagen, oder nackte Haut. Seine Frau hat ihm einen "Playboy" mitgebracht, damit er Modelle hat. Und an besonderen Tagen, setzt Witt sich an seinen weißen Flügel im Wohnzimmer, holt eine Mozart-Sonate heraus, kullert mit den Augen, legt Züge leichter Überforderung in sein Gesicht, stöhnt ein bißchen und spielt. Natürlich fehlerfrei.
Witts Podcast im Internet: www.friedrich-witt.de






















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