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Deutschlands schlaueste Schüler

Es geht um Potenzen. Gebrochene Exponenten, Wurzelgesetze und Beweise, den ganzen Grusel, an den sich viele Erwachsene nur noch mit Schaudern aus der Schulzeit erinnern.

Es geht um Potenzen. Gebrochene Exponenten, Wurzelgesetze und Beweise, den ganzen Grusel, an den sich viele Erwachsene nur noch mit Schaudern aus der Schulzeit erinnern. Doch die 20 Achtklässler werfen ihrem Lehrer Lösungen zu, locker wie Federbälle. Zwei hoch einhalb, wer hat eine Idee?, fragt der Lehrer, und tatsächlich, jeder Schüler hat eine. Auch die fünf Mädchen. Keiner hampelt. Keiner guckt aus dem Fenster in den grünen Garten da draußen. Die Zahlen fließen durch den Klassenraum wie Wasser. Oder Luft zum Atmen. Am Ende der Stunde wird der Lehrer sagen: "Was mir hier Spaß macht, ist das enorme Tempo, in dem die Schüler Beweise finden und Fragen aufwerfen."

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Carl-Zeiss-Gymnasium, Jena: "Ganz normale Schüler" lernen hier, sagt der Direktor Carsten Müller. Ganz normal, bis auf die Tatsache, dass die 460 Fünft- bis Zwölftklässler hier Zahlen lieben, nicht fürchten. Dass sie komplizierte Fragen nicht nur gern lösen, sondern am liebsten selber stellen. Dafür kommen viele von weit her, 62 Schüler ab der 9. Klasse leben unter der Woche sogar im Internat. Doch wer hier weltfremde Eigenbrötler erwartet, irrt. Gut, die Fünftklässler mit den aufgeschlagenen Heften schreiben nicht Hausaufgaben ab, sondern rechnen um die Wette. Die älteren begrüßen sich höflich mit "Guten Morgen", für cooles Gehabe hat hier kaum einer Zeit. Sie diskutieren lieber ihre Seminarfacharbeiten.

Dritte Stunde, Informatik, 11. Klasse. Kann man Mathematik sehen? Klar. Drei Jungs arbeiten an der "Visualisierung" von Zahlenreihen, über ihre Bildschirme laufen Balken unterschiedlicher Länge, bleiben stehen, der Größe nach geordnet. Die drei klickern stolz an ihrem selbstgeschriebenen Sortierprogramm. Musik läuft. Die Gruppe nebenan erfindet gerade ein Rechenspiel fürs Handy. Das können die Kleinen dann später in der Straßenbahn spielen. Bis abends hocken sie oft an ihren Laptops, um Aufgaben zu lösen oder Programme zu schreiben wie gerade jetzt. Sie beteiligen sich damit an einem Wettbewerb, Hauptpreis: Eine Reise nach San Francisco. Zu einem Treffen mit Informatikspezialisten.

2006 wurde das Carl-Zeiss-Gymnasium für sein pädagogisches Konzept mit dem Siemens-Award ausgezeichnet. Nicht weiter ungewöhnlich. Schüler und Lehrer sind oft unterwegs zu Siegerehrungen. Zur Mathematikolympiade in München im vergangenen Mai reisten gleich neun Schüler aus Jena an - alle von seiner Schule, erzählt Direktor Müller, "obwohl pro Bundesland nur maximal 14 zugelassen waren". Die neun errangen gleich sieben Medaillen, mehr als Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Danach bat die TU München gleich 50 Carl-Zeiss-Zöglinge zum Gespräch. Kommen die schlauesten Schüler Deutschlands also aus Jena? Müller, promovierter Mathematiker, schüttelt den Kopf und lächelt. Statistisch könne er das nicht belegen, es gebe in Deutschland viele gute Schulen.

Mittags eilen zwei schlaksige Jungs, mit mehreren Laptops bepackt, hektisch durch die langen Flure. Der eine trägt einen dunklen Anzug unter der Parka, der andere einen Blumenstrauß in der Hand. Die jüngeren Schüler toben den Großen hinterher. Der Unterricht endet heute schon um zwölf statt wie sonst um drei oder fünf am Nachmittag. Die Schüler sind das Fachpublikum bei den "Verteidigungen", wie jeden Winter. Alle Schüler des Carl-Zeiss-Gymnasiums erforschen ab der 11. Klasse eineinhalb Jahre lang ein Problem. Das Ergebnis legen sie am Ende schriftlich vor und "verteidigen" es mündlich. Ganz wie im richtigen Leben eines Akademikers.

An der Tafel im Vortragsraum stehen zwei Pilzköpfe und basteln hektisch an einem Computer, dessen Inneres sphärisch blau schimmert. Lars, 18, wischt mit dem Schwamm die Tafel und beherrscht sich im letzten Moment, sich bloß nicht die Kreidefinger an der Anzughose abzuwischen. Turnschuhe quietschen, während er zusammen mit seinem Kollegen Benjamin zwischen Computern, Beamern und einem Mini-Server hin- und herhuscht. Dann betreten die Prüfer den Raum: Schuldirektor Müller, mehrere Lehrer und Mitarbeiter eines externen Instituts.

Lars' und Benjamins Verteidigung beginnt im Halbdunkel als professionelle Präsentation. Vor lustig gezeichneten Bildern umreißen die Schüler die umstrittene Gesundheitsreform und die Notwendigkeit, Patienten effizienter ins Krankenhaus zu überweisen. Das Programm dafür haben sie zusammen entwickelt. Auf der Leinwand erscheint ein leuchtendes Logo: "Health Net", Gesundheitsnetz. Das Programm der Schüler entlastet den Hausarzt, gewährt Datenschutz und bietet sogar Krankenhaus-Wahlmöglichkeiten für die Patienten. Applaus.

Im Publikum sitzen Fünftklässler, die aussehen, als gehörten sie eher auf den Spielplatz, blonde Mädchen und pickelige Jungs in dem Alter, in dem sich andere nur für Handys, Musik oder für gar nichts interessieren. Am Ende drehen sich ihre Fragen um Details, die bestenfalls ein Computerfachmann verstehen würde. Einer ist tatsächlich anwesend und hört zufrieden zu: Der Informatiker arbeitet in einer Firma für Krankenhaustechnik und hat Lars und Benjamin während ihrer eineinhalbjährigen Arbeit betreut. Nach dem Abi können die beiden in der Firma jobben. Erstmal wollen sie studieren.

So wie Lars und Benjamin haben alle Prüflinge mit Wissenschaftlern aus externen Instituten, Firmen oder der Universität gearbeitet. Die einen erfanden ein Messverfahren für die Radioaktivität der Umwelt 20 Jahre nach Tschernobyl. Andere befassten sich mit Brückenbau, mit Phantomschmerzen oder der Leichenpräparation des Gunther von Hagens. Eine Gruppe hat ein Programm entwickelt für mehr Gerechtigkeit bei Würfelspielen. Alle halbe Stunde hören Schüler und Lehrer sich neue, komplizierte Probleme an - und verrückte, oft geniale Lösungen.

Worte wie "Talent" oder "Hochbegabung" mag Direktor Müller trotzdem nicht. "Wir prüfen ja schon im Eingangstest zur fünften Klasse nicht nur mathematisch-naturwissenschaftliche Kenntnisse, logisches Denkvermögen und räumliche Vorstellungskraft", sagt er, "sondern auch Ausdruck, Konzentration und soziale Kompetenzen." Erst danach beginnen die eigentlichen Spezialklassen - mit einer weiteren Prüfung. In den Klassen sitzen nur um die 20 Kinder, in den Leistungskursen manchmal nur acht. "Spezis" nennen die Schüler sich selbst, ein wenig stolz, auf eine Schule mit ihresgleichen zu gehen. Und ein wenig verwundert, dass es Menschen gibt, die nicht so schnell so viel begreifen können wie sie.

Denn eine der schwierigsten Aufgaben für die Schulleitung sei, heutzutage die geeigneten Schüler zu finden, sagt Müller. Das Carl-Zeiss-Gymnasium wurde 1963 gegründet, um naturwissenschaftlichen Nachwuchs für das gleichnamige Kombinat auszubilden, der immer dringender benötigt wurde, je mehr gut ausgebildete DDR-Bürger auf die andere Seite eisernen Vorhangs verschwanden. Damals war das Schulsystem straff organisiert, die Grundschulen leiteten begabte Schüler an die Talentschmieden weiter.

Heute hat das kleine Land Thüringen mit seinen 2,3 Millionen Einwohnern neun solcher Spezialgymnasien unterschiedlichster Fachrichtungen. An anderen Schulen gebe es zwar Kontaktlehrer, sagt Müller. Doch um einen Großteil des Nachwuchses kümmert sich die Schule selbst, durch freiwilligen Einsatz. In Arbeitsgemeinschaften geben Lehrer nachmittags externen Grundschülern Aufgaben und Betreuung, etwa 120 bekommen Aufgaben sogar auf schriftlichem Weg. Sie erhalten sie korrigiert zurück und neue Fragen gleich mit. Am Ende des Jahres lädt die Schule zu einem "Mathe-Camp" ein - Mathematik zum Anfassen, sozusagen. Unter rund 600 externen Schülern pro Jahr wird so nach Talenten geforscht.

Es geht nicht allein um den Nachwuchs der Schule. "Wenn begabte Kinder nicht rechtzeitig gefördert werden, kann das schlimme Folgen haben", sagt Müller. Begabte Kinder, die in ihrer Schule gemobbt wurden, seien auf seinem Gymnasium keine Seltenheit. "Wenn Kinder auf ihre Fragen keine Antworten bekommen, vielleicht, weil sie ein wenig seltsam klingen, dann sind sie oft schnell frustriert. Manche langweilen sich, stören den Unterricht, bringen schlechte Leistungen, und keiner erkennt den wahren Grund." Ziel seiner Schule sei es, "ganz normale Schüler" auszubilden, "wenn auch auf hohem Niveau". Kleine Albert Einsteins, Direktor Müller lächelt, seien nicht sein Ziel. Das Physik-Genie hatte 1894 die Schule aus Protest gegen die kaiserlichen Erziehungsmethoden ohne Abschluss verlassen.

Praktisch alle Carl-Zeiss-Schüler schaffen das Abi, wenn sie die Oberstufe erreicht haben. 90 Prozent studieren dann, sagt Müller. An der Friedrich-Schiller-Universität setzt sich für viele die Zusammenarbeit fort, die sie der Schule begonnen haben, bei den Semesterfacharbeiten, oder sogar in Vorlesungen, die manche schon während der Schulzeit besucht haben.

Die Uni gilt in Jena heute als größerer Standortfaktor als der Technologiekonzern Jenoptik. Die 20 000 Studenten prägen das Stadtbild der Mini-Großstadt mit ihren 102 000 Einwohnern. Rundum siedeln sich mittelständische Technologiefirmen an. Der leuchtend gelb-blau-rot verputzte Plattenbau des frisch sanierten Carl-Zeiss-Gymnasiums fällt im Stadtbild nur deshalb nicht auf, weil die meisten anderen Häuser inzwischen ebenso bunt sind. In den wintergrauen Hügeln am Stadtrand wachsen ständig neue Reihenhäuschen. Buntstiftfarben natürlich, als ginge es auch hier um Visionalisierung. Was soll man sehen? Vielleicht die Zukunft Deutschlands. Sie sieht eben doch nicht so grau aus, wie viele denken.

Anm. d. Red.: Zwei hoch einhalb ist übrigens die Wurzel aus Zwei. Und die Wurzel aus Zwei ist eine irrationale Zahl. Aber fragen Sie uns bitte nicht, warum.

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