Die Phantome von Mittweida
Dienstag, 10. Juni 2008 02:30 - Von Uta KeselingIhren Namen kennt keiner, doch jeder in der sächsischen Kleinstadt Mittweida bewundert sie: Die 17-Jährige, die sich am frühen Abend des 3. November mutig gegen vier glatzköpfige Männer stellte.

Ihren Namen kennt keiner, doch jeder in der sächsischen Kleinstadt Mittweida bewundert sie: Die 17-Jährige, die sich am frühen Abend des 3. November mutig gegen vier glatzköpfige Männer stellte. Die vier schubsten und drangsalierten ein sechsjähriges Mädchen vor einer Kaufhalle im Neubaugebiet. Das Kind stammt aus einer Spätaussiedler-Familie. Die 17-Jährige kam zufällig vorbei - und mischte sich ein. Doch die Männer griffen sie und ritzten ihr ein Hakenkreuz in die Haut, bevor sie fliehen konnte.
Neun Tage rang sie mit sich, bevor ihre Mutter sie überzeugen konnte, bei der Polizei Anzeige zu erstatten. Warum sie so lange zögerte? Und warum sie bis heute ihren Namen nicht öffentlich machen will, obwohl sie nun landauf, landab gelobt wird? Sogar einen Ehrenpreis soll sie bekommen, den ihr das "Bündnis für Demokratie und Toleranz" aus Berlin verleihen will.
Doch die Heldin schweigt. Aus Angst vor den Tätern, sagen die meisten der Leute, die rund um die Kaufhalle wohnen, vor der die Tat geschah. Oder geschehen sein soll - manche zweifeln daran, obwohl die Polizei sich auf ein gerichtsmedizinisches Gutachten beruft und zudem die Sechsjährige den Vorfall bestätigt hat. "Natürlich gibt es hier Nazis", sagen die Jugendlichen aus der Nachbarschaft. Eine junge Verkäuferin aus einem kleinen Geschäft gegenüber fügt hinzu: "Ich kenne die Rechten, auch deren Anführer habe ich hier schon gesehen. Aber zu uns sind die friedlich." Es klingt, als sei das eine persönliche Auszeichnung.
Die älteren Kunden der Kaufhalle vermuten, die Heldin schweige aus Scheu vor den lästigen Journalisten, die seit Tagen den Platz fotografieren und Passanten interviewen. "Was gibt es denn hier zu sehen?", fragt ein älterer Herr. Die 17-Jährige hat ausgesagt, es hätten mehrere Personen von den umliegenden Balkonen zugeschaut, wie die Tat geschah. Die Polizei sucht immer noch vergeblich nach Zeugen. Der Bürgermeister von Mittweida, Matthias Damm, hat über 100 Briefe an Anwohner geschrieben. Nichts. "Schlimm, was sie mit dem Mädchen gemacht haben. Früher hätte es so etwas nicht gegeben", sagt eine 80-jährige Dame. Dann fügt sie hinzu, wie um Missverständnisse zu vermeiden: "Ich meine, früher unter Hitler."
Neben ihr steht ein Mann, vielleicht 30 Jahre alt, eine Baseballkappe auf dem kahl geschorenen Kopf, der kurz den Blick hebt. Irritiert, als würde er den Satz am liebsten zurückspulen wie ein Tonband. Dann senkt er den Blick wieder. Vor einigen Jahren habe von Rechtsradikalen "eins auf die Nase" bekommen, seitdem verhalte er sich ruhig, um nicht noch mehr draufzubekommen, murmelt er und verfällt wieder in jenes beredte Schweigen, das viele Menschen hier pflegen.
Bürgermeister Matthias Damm ist der einzige Vertreter der Öffentlichkeit, der die 17-Jährige Heldin getroffen hat. "Sie ist eine sehr aufgeweckte junge Frau", berichtet er, "und sie ist überwältigt von all dem Zuspruch, den sie erhält". Es sieht aus, als habe seine Stadt diese Heldin gebraucht. Als sei es nicht nur die Weihnachtsbeleuchtung, die den mittelalterlichen Marktplatz plötzlich zum Strahlen bringt. Am Dienstagabend sind Leute mit Kerzen in den Händen Richtung Hochschule gelaufen, wo die Studenten zum Gedenken und Mutmachen aufgerufen hatten. 400 Menschen versammelten sich. Gekommen waren nicht nur die üblichen "linken" Demonstranten aus Leipzig und Dresden, die zwei Tage zuvor mit Transparenten und Protestparolen durch den Ort gezogen und manche Mittweidaer missfallen hatten. "Diesmal waren mindestens die Hälfte ganz normale Erwachsene", sagt einer der jüngeren Redner der Kerzen-Veranstaltung. Stolz.
Der Marktplatz von Mittweida, 2003 in frischen Pastellfarben saniert, diente jahrelang als Treffpunkt von kahl geschorenen Jugendlichen mit einschlägiger Kleiderordnung. Im vergangenen Frühjahr dann die Schlagzeilen: Der sächsische Innenminister verbietet die rechtsradikale "Kameradschaft Sturm 34" von Mittweida. Eine Gruppe von 40 bis 50 Personen hatte dahin die 17 000 Bürger der Stadt terrorisiert. Immer wieder waren Ausländer belästigt und Döner-Imbisse angegriffen worden, 2006 ein Dorffest überfallen. Sachsen, Mittweida, waren auf dem Weg, zum Synonym für "Dunkeldeutschland" zu werden, wo Rechtsradikale regieren und die Leute dazu schweigen. Die Kameradschaft habe versucht, aus der Gegend eine "national befreite Zone" zu machen, sagte der sächsische Innenminister damals. Worthülsen wie diese haben sich bis heute hier etabliert, auch wenn Neonazis in Mittweida seit dem Verbot weniger in Erscheinung treten.
Der Hakenkreuz-Vorfall, sagt der Bürgermeister, bringe nun die Angst wieder zurück. Wie diese aussah, beschreiben Erkan Onat, der einen Döner-Laden mit Pizzaservice nahe dem Rathaus betreibt, und seine deutsche Aushilfe Kerstin Schulze. "Die Straßen wurden immer leerer, abends waren fast nur noch rechte Typen unterwegs", sagt Onat. "Als sich selbst die Studenten nicht mehr hertrauten, haben wir überlegt, ob wir den Imbiss schließen sollen." Bei Onat wurden an Ostern die Scheiben eingeworfen. Angezeigt hat er die Tat nicht. "Es wäre doch nichts dabei herausgekommen", meint er. Er sagt aber auch: "Inzwischen geht es uns hier wieder besser, seit dem Verbot von "Sturm 34' - und seit Tom W. festgenommen wurde."
Diesen Namen kennt hier jeder. Tom W. - der volle Name darf aus juristischen Gründen nicht genannt werden - ist gerade 19 Jahre alt, gilt aber als einer der Rädelsführer des "Sturm 34". Auf dem kahlen Schädel hat er ein einschlägiges Wort eintätowiert. Zurzeit muss er sich vor Gericht wegen des Überfalls auf eine Schülergruppe verantworten. Wegen eines weiteren Übergriffs auf einen Döner-Imbiss ist er bereits zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, zurzeit sitzt er in Untersuchungshaft.
Eine Razzia bei den mutmaßlichen Mitgliedern von "Sturm 34" hatte im Frühjahr ein ganzes Arsenal an Butterfly-Messern, Wurfsternen und massenweise Propaganda-Material zu Tage gefördert. Die Nazi-Bande hatte laut Staatsanwaltschaft feste Treffpunkte, einer der Verdächtigten habe ein Haus gekauft und Wohnungen an rechtsgerichtete Jugendliche vermietet. Als er Jugendlichen eine Garage als Musikkeller anbot, schritt die Gemeinde ein.
Bürgermeister Matthias Damm braucht ungefähr zehn Minuten, um zu erklären, wie das braune Gedankengut unter die Jugend von Mittweida kommt. Wie gezielt an Förderschulen und Berufsschulen um die Jugendlichen geworben wird, die am wenigsten Chancen haben. Wie die NPD, die im Landtag sitzt, gezielte Briefe verschickt, wie über Nachhilfe und Musik-CDs Propaganda gemacht wird. Was Damm nicht verstehen kann, ist, wieso Tom W. inzwischen ein halbes Jahr in Untersuchungshaft sitzt, ohne wegen der Sache mit Sturm 34 verurteilt zu sein. "Peinliche Verfahrensfehler häufen sich", empört sich Damm, "und jetzt könnte es sogar passieren, dass W. aus dem Gefängnis entlassen wird". Im Januar soll in Dresden der Prozess wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung endlich beginnen. Anfang dieser Woche muss das Dresdener Landesgericht über Tom W.s Haftverlängerung entscheiden. "Kommt er raus", sagt Damm, "wäre das ein fatales Zeichen".
Damm, selbst CDU-Mitglied, fühlt sich allein gelassen. Nicht nur, weil die NPD nicht verboten wird. "Auch die Mitglieder von "Sturm 34" sind nach wie vor da", sagt Damm, "sie haben sich nur Haare wachsen lassen und tragen dezentere Kleidung". Was das für Folgen hat, kann Kerstin Schulze, die Döner-Aushilfe, beschreiben. Ihr jüngster Sohn ist zwölf, der mittlere 16 Jahre alt. "Der 16-Jährige kennt die rechtsradikalen Jugendlichen natürlich auch", sagt sie, "wir diskutieren täglich darüber". Vor einiger Zeit habe der Sohn gesagt, einige der Rechten seien doch "nett". Sie fragte ihn, ob er die Sache mit dem Hakenkreuz auch "nett" finde. "Er antwortete dann, dass diese Täter seien bestimmt nicht von hier", sagt seine Mutter, "und ich gab zurück, das spiele keine Rolle". Man mag solche Gespräche für selbstverständlich halten, aber das sind sie wohl nicht. Sie sind bitter notwendig, ebenso wie die vielen anderen kleinen Dinge, die sich in Mittweida tun.
Etwa die Arbeit der zwei Initiativen, die zusammen mit der anonymen Heldin ausgezeichnet werden sollen: das "Bündnis für Menschenwürde gegen Rechtsextremismus im Landkreis Mittweida" sowie die "Aktion Noteingang" der Sächsischen Landjugend. Das Bündnis vereint seit Jahresbeginn rund 60 Vereine, Organisationen und Personen - und traf zunächst auf erbitterten Widerstand. Noch größer als die Angst vor den Rechtsradikalen war offenbar die, politisch vereinnahmt zu werden. Auch die "Aktion Noteingang" hat bisher wenig Erfolg. Jugendliche aus zwei Jugendclubs baten 50 Gewerbetreibende in der Innenstadt, Aufkleber ins Fenster zu hängen, um zu symbolisieren, dass es hier Schutz von rechter Gewalt gibt. "Nur acht Läden machen bisher mit", sagt Björn Redmann, der die Aktion als Jugendsozialarbeiter begleitete.
Neben der Kaufhalle im Neubaugebiet hängt am fünften Tag nach Bekanntwerden der Hakenkreuz-Tat ein Plakat. Ein weißer Din-A-4-Zettel. "Bürger von Mittweida", steht darauf, "wir distanzieren uns klar und deutlich von dem mehr als feigen Angriff auf ein 17-jähriges Mädchen und ein kleines Kind". Das klingt gut. Sehr mutig. Doch "wir" sind in diesem Fall die "Nationalsozialisten, der "nationale Widerstand" aus den Gebieten Mittweida, Burgstädt und Rochlitz", so der Text.
Die meisten Passanten gehen achtlos daran vorbei.






















Stellenmarkt
Wohnungen
Branchenbuch
Stadtplan
Veranstaltungen
Kinoprogramm


































Versicherungen
Ärzte & Kliniken
Hotelsuche
Tickets
Abo
Newsletter
epaper
Archivsuche
Zeitung Heute
RSS
Newsticker
Video
TV-Programm
Wetter
Gehaltsrechner
Börse
Hilfe
Handelsregister
Leserbrief
Kontakt