Ich schenkte Jan den Tod
Dienstag, 10. Juni 2008 02:28 - Von Beate Ney-JanßenDer Tod kann so friedlich sein - und Sterben so grausam. Ich denke dabei an Jan, an meinen kleinen Bruder.
Der Tod kann so friedlich sein - und Sterben so grausam. Ich denke dabei an Jan, an meinen kleinen Bruder. Klein war er mit seinen mehr als 1,90 Metern eigentlich nicht, aber eben jünger als ich. Er hat das erlebt, er hat monatelang erlebt, wie schwer es ist zu sterben, wie furchtbar das Leben sein kann, und dass irgendwann nur noch der Tod Erlösung bringt. Ich habe ihm beim Sterben geholfen. 16 Jahre sind seitdem vergangen.
Es war August, wundervolles Sommerwetter. Jan und ich hatten eine Wohnung in Hannover. Er fuhr nach Schottland, um Urlaub zu machen, ich nach Spanien. Das Leben war schön. Bis zu dem Morgen, als ich nach durchfahrener Nacht zurückkam. Ein Griff zum Telefon: "Hallo Mama, hallo Papa, ich bin wieder da!" Am anderen Ende der Leitung nur Schluchzen. "Jan ist im Krankenhaus - Leukämie."
Wie, warum, wo? Das kann doch nicht sein! Hilflosigkeit, Ratlosigkeit, Sprachlosigkeit. Mein erster Besuch im Krankenhaus. "Nein, du darfst mich nicht in den Arm nehmen, die Ärzte lassen das nicht zu." Eine Erkältung kann tödlich sein, wenn die Chemotherapie das Immunsystem ausschalten soll. Trösten konnte nur mit Worten geschehen, aus der Entfernung, über den Tisch hinweg. Dabei waren Berührungen doch so nötig, um Kraft zu geben, um Liebe zu zeigen, um zu sagen, dass man füreinander da ist.
Jan war damals 23 Jahre alt. Erst Abitur, dann Zivildienst, eine eigene Wohnung, sein Studium hatte er gerade aufgenommen. Mit seiner Freundin Tina war er schon seit Jahren zusammen. Das Leben sollte doch erst beginnen, sollte in vollen Zügen genossen werden. Da kann doch so etwas wie Krebs nicht passieren.
Die Monate, die folgten, waren eine Berg- und Talfahrt der guten Prognosen und der schlechten Nachrichten.
Leider wurden die Täler immer tiefer, die Berge immer niedriger. Die erste Therapie schlug fehl, die zweite Chemo kam, immer stärkere Dosen. "70 Prozent" bescheinigten die Ärzte ihm zu Beginn. So groß war die Chance, das Krankenhaus geheilt zu verlassen, zu überleben. Die nüchterne, kalte Zahl machte Hoffnung. Doch schnell wurden die Zahlen kleiner und die Beschwerden größer. Übelkeit, Schmerzen im ganzen Körper, nicht zu lokalisieren, aber immer und überall da. So ist das, wenn das Blut verrückt spielt.
Dann Strahlentherapie - "als ob in meinem Kopf etwas verbrennt", weinte er. Den angesengten Geruch bekam er nicht aus der Nase. Die Ärzte boten wenig Hilfe an. Zahlen, Spritzen, Untersuchungen, Tabletten. Im Nachbarzimmer eine junge Frau, die durch Leukämie blind geworden war. Wann sie denn wieder sehen könne, wollte sie wissen. "Seien Sie froh, dass Sie überhaupt noch leben", lautete die Antwort.
Dazu die Bettnachbarn. Tag für Tag, rund um die Uhr mit zwei älteren Herren auf einem Zimmer. Alle menschlichen Bedürfnisse wurden geteilt, nichts blieb intim. Keine Gelegenheit zum Rückzug, keine Chance allein zu sein, mit sich, mit seinen Gedanken, mit der Angst, der Unsicherheit, mit den Fragen nach Leben und Tod.
In diesen Wochen muss Jans Zuversicht zu schwinden begonnen haben. "Gestern Abend hat sich der Tod zu mir ins Bett gelegt. Zu mir, in mein Bett, in dem ich Abend für Abend nicht einschlafen kann." Das schrieb er in sein Tagebuch, las es mir vor. Ich war noch nicht soweit. Tod war etwas, das ich weit von mir wies. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, lachte verlegen, begriff nicht, wie ernst es ihm war.
Das verstand ich erst, als seine Überlebenszahlen auf zehn Prozent geschrumpft waren. "Noch ein Versuch", hieß es auf der Station. Aber Jan war müde - des Lebens müde. "Ich will nicht an einem Schnupfen sterben", sagte er. Was tat er da? Das konnte doch nicht sein! Er sagte, dass er nach Hause wolle, die Therapie abbrechen. Er wollte uns wieder in den Arm nehmen, er wollte bei uns sein. Er wollte nicht mehr leben. "Ein paar Wochen noch", sagte er. Dann sei das erledigt.
So, wie er aussah, mein großer, mein schöner, mein lieber kleiner Bruder, konnte ich mir das gut vorstellen. Nicht mehr schlank, sondern ausgemergelt. Das Gesicht kugelfischgleich angeschwollen vom Cortison. Dunkle Ränder unter den Augen. Gebeugt von der Krankheit.
Wir redeten auf ihn ein: "Aufgeben gilt nicht. Bleib bei uns. Für uns." Da wurde er zornig. "Warum für Euch?", fragte er, "Für mich sollte ich bleiben." Was sollten wir darauf sagen? Wir hatten kein Anrecht auf sein Leben. Aber wir wollten ihn behalten. Doch kein Argument griff. Hilflos, ratlos - wieder einmal. Noch heute denke ich darüber nach. Was hätte ihn umstimmen können? Eine Antwort habe ich nicht gefunden.
So verließen wir das Krankenhaus. Novemberregen prasselte auf die Scheiben. Schwere Tropfen rannen am Glas herab, der Herbst war da. Wir gingen nach Hause.
Dort erlebten wir noch einen Frühling. Unseren eigenen Frühling, während der Winter schon nah war. Keine Chemo-, keine Strahlentherapie. Keine Medikamente, wir umarmten uns jetzt wieder. Warum nicht? Und wenn wir ihn ansteckten, das machte jetzt gar nichts mehr. Es tat so gut, sich nah zu sein. Wir redeten, wir gingen gemeinsam zum Asiaten um die Ecke. Im Kino sahen wir "The Commitments". Vieles war anders. Jan rief der Eisfrau im Kino zu, dass wirklich keiner bei ihr kaufen wolle. Der Film sollte nur endlich beginnen, Zeit war kostbar.
Ehrlicher, offener, kompromissloser war das Leben. Schließlich ging es nur noch um Leben und Tod. Vom ersten sollte soviel genossen werden, wie noch übrig war. Das zweite würde dann ganz von allein kommen.
So dachten wir. Falsch gedacht. Den Wochen, in denen wir lebten, wie nie zuvor, folgten Monate, in denen wir litten, wie nie zuvor. Sterben ist nicht einfach. Und es geht auch nicht unbedingt schnell. Das mussten wir lernen. Denn nun machte sich die Krankheit wieder bemerkbar.
Schmerzen, immer mehr Schmerzen hatte Jan. Das Aufstehen wurde bald so gut wie unmöglich. Immer seltener griff er zu seiner geliebten Gitarre. Essen? Wie sollte er essen, wenn ihm ständig übel war, die Spuckschale, der Eimer immer neben dem Bett bereit standen.
Also wieder Krankenhaus. Wir konnten ihn doch nicht verhungern lassen. Das wollte er auch nicht. Ein Port wurde gelegt, ein Schlauch, der aus dem Brustkorb ragte. Daran ein Beutel, der täglich einmal mit allen wichtigen Nährstoffen gefüllt wurde. Wieder zu Hause lernten wir die komplizierte Prozedur, den Beutel aus vielen kleinen Flaschen und Spritzen zu füllen.
Gegen die Schmerzen half das nicht. Um die Weihnachtszeit wurde es schlimmer. Einen Hausarzt hatten wir nicht, wir lebten schließlich noch nicht lange in Hannover und waren nie krank gewesen. Der erste Arzt, zu dem ich ging, lehnte dankend ab: "Nein, da müssen doch wohl Hausbesuche gemacht werden. Wo wohnen Sie? In der City? Da gibt es doch keine Parkplätze!"
Mit dem nächsten Arzt hatten wir mehr Glück. Vertrauen setzte er gegen Vertrauen. Wir wüssten wohl am Besten, wie viel Schmerzmittel notwendig seien. Er war bereit uns auf unseren Wunsch Morphium in ausreichender Menge zu verschreiben. Ein Segen für uns. Die Nächte zuvor, in denen wir teilweise dreimal den Notarzt riefen, waren uns noch gut in Erinnerung.
"Jetzt bin ich fast glücklich", sagte Jan, als wir ihm die erste Morphium-Spritze setzten und die Schmerzen für eine Weile weniger wurden.
Silvester kam. Wir waren trotzig, luden Freunde zu uns ein, feierten in das Neue Jahr. Auch Jan wollte das, obwohl er nur noch im Bett liegen konnte. Mitten in dieser Nacht rief er mich zu sich. Ich solle ihm "etwas besorgen", mit dem er seinem Leben ein Ende setzen könne.
Das hatte ich nicht erwartet. So weit waren meine Gedanken nicht gewandert. Er würde sterben, ja. Aber doch nicht durch mich. Ich habe es trotzdem versprochen.
Ich erzählte es einem Freund, noch in dieser Nacht. "Warum hat er nicht selbst vorgesorgt - noch vor Wochen, als es ihm besser ging?" Zornig war ich, wie nie zuvor.
Ich vergaß mein Versprechen nicht, verdrängte es aber. Wochen, Monate vergingen. Jan sprach nicht mehr davon. Ich hoffte, nicht handeln zu müssen.
Dann der Morgen, als ich in sein Zimmer kam und er mir zeigte, wie er sich büschelweise Haare vom Schädel rupfen konnte. Sein schönes, dunkles, langes Haar. Ständige Diskussionen hatte er mit unserer Mutter darüber gehabt. "Lass dir die Haare schneiden" war ein geflügeltes Wort in der Familie. Ich brach in Jubel aus: vielleicht eine Spätwirkung der Therapie, die nun doch anschlägt. Illusion. Vergebliche Hoffnung.
Seine Freundin Tina machte ihm eine Irokesen-Frisur. Ein Streifen Haar zog sich von der Stirn bis in den Nacken. Humor war immer noch wichtig. Wir lachten. Es blieb uns im Halse stecken.
Die Zeit schlich und raste zugleich. März. Es ging nicht mehr. Immer mehr Morphium. Dekubitus - durchgelegen, offene Wunden bis auf die Knochen. Jan merkte es nicht. Das zumindest ersparten ihm die Schmerzmittel. Wir aber sahen es.
Dann kam wieder die Frage: "Besorgst du mir etwas?" Jetzt konnte ich nicht mehr Augen und Ohren verschließen. Freunde, Krankenschwestern, Ärzte - keiner wusste Rat oder wollte Rat geben. Ein stiller Sonntag folgte. Im Telefonbuch stand eine Adresse: DGHS - Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben. Argwöhnisch wurde dieser Verein schon damals beäugt. Setzen sie sich doch für selbstbestimmten Tod ein und hatten sie doch schon Menschen, die sterben wollten, kleine Kapseln mit Zyankali in die Hand gedrückt. Doch was blieb mir anderes übrig?
Ich schrieb ihnen, mit blutroter Tinte, zum Telefonieren fehlte mir der Mut. Schilderte, was wir erlebten und bat um Hilfe. Warf den Brief in den Kasten.
Wenige Tage später klingelte das Telefon. Eine Frau, die Stimme nicht mehr ganz jung, meldete sich. Sie habe meinen Brief bekommen, sei beeindruckt von der plastischen Schilderung. Ein Treffen sei sinnvoll. Ihr Präsident, Hans Henning Atrott, würde in wenigen Tagen nach Hannover kommen. Den sollte ich treffen.
Ein Hochhaus in Hannover. Ein Büro, nüchtern, kühl. Die Frau vom Telefon und der Präsident der DGHS saßen mir gegenüber, hörten sich meine Geschichte an. Helfen wollten sie, konnten unsere Beweggründe nachvollziehen. Wie Jan aus dem Leben scheiden konnte, war die Frage. Die beiden waren erfinderisch, spielten viele Möglichkeiten durch. Giftmischer. Das Wort spukte mir im Kopf herum. Ich musste Mitglied in dem Verein werden, Jan besser nicht. Das würde es der Polizei schwerer machen. Er müsse meinen Bruder sehen, sagte Atrott. Müsse sich überzeugen, dass er wirklich sterben wolle und dass keine Rettung für ihn mehr möglich sei.
Wieder einige Tage später saß Atrott in unserer Küche. Jan hatte sich aus dem Bett geschleppt, wollte auf Augenhöhe mit ihm sein. Wir redeten. Schließlich öffnete der Mann von der DGHS seine Aktentasche und nahm eine Schmuckschatulle heraus. Eine kleine weiße Kapsel lag darin, gefüllt mit Zyankali. "Genug, um innerhalb von Minuten zu sterben", sagte Atrott. Seinem Wunsch, beim Sterben dabei zu sein, es möglichst zu Dokumentationszwecken zu filmen, widersprachen wir alle vehement.
Ich brachte den Mann, der uns diese Kapsel geschenkt hatte, zum Zug. Zu Hause brach ich zusammen. Jan war es, der mich tröstete: "Noch ist es nicht soweit!" Auf seinem Nachttisch lag die Kapsel fortan in einer Streichholzschachtel. "Große Freiheit" stand darauf, an einem Sommerabend auf der Reeperbahn nahmen wir sie mit.
8. April 1992 oder, wie Jan es schreiben und wie es auf seinem Grab stehen würde "8. IV 92": Tina weckte mich. Es war soweit. Sie hatten die ganze Nacht geredet. Jan konnte nicht mehr. Und er wollte nicht mehr. In seinem Tagebuch hatte er - Monate zuvor - geschrieben: "... werde ich in aller Ruhe der letzten Entscheidung harren können. Jener letzten Entscheidung, die so unverhofft für mich getroffen wurde, die ich aber tröstlicherweise zu einem großen Teil auch selbst treffen kann. Das letzte und vielleicht einzige Stückchen Freiheit, das jedem von uns zu Eigen ist."
Wenige Stunden später ging die Sonne an einem strahlend-blauen Himmel auf, Kriminalpolizisten wollten von uns wissen, ob Jan Mitglied in der DGHS war. Eine Nachbarin lehnte sich aus dem Fenster und rief einem Bekannten die Neuigkeiten zu: "Heute Morgen haben sie hier eine Leiche raus getragen!"
Jan schluckte die Kapsel, als wir in sein Zimmer kamen. Ich leugnete: "Das ist alles nicht wahr." Er sagte: "Vielleicht sehen wir uns bald wieder." Dann schlief er ein.
Einmal habe ich von Jan geträumt. Eine Sommerwiese, Blüten in allen Farben, Sonne, ein sanft ansteigender Hügel. Er kommt über die Kuppe gelaufen, gesprungen. Gesund und glücklich. "Es ist so schön hier", hat er mir zugerufen, "komm doch auch her." Kann es dann falsch gewesen sein, ihm dorthin geholfen zu haben?
So ist das, wenn das Blut verrückt spielt
Erschienen am 25.11.2007
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