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Sie kommen nach Berlin

 Komik verbindet. In der Grimasse sind wir alle gleich. Deshalb wird sich Berlin Ende des Monats für eine Woche verändern.

So beginnen normalerweise Witze: Ein islamischer Geistlicher, ein Priester und ein Rabbi. Fotografiert von JR, einem 24 Jahre alten Künstler aus Frankreich
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So beginnen normalerweise Witze: Ein islamischer Geistlicher, ein Priester und ein Rabbi. Fotografiert von JR, einem 24 Jahre alten Künstler aus Frankreich

 Komik verbindet. In der Grimasse sind wir alle gleich. Deshalb wird sich Berlin Ende des Monats für eine Woche verändern. Schuld hat wieder einmal die Kunst. Und der Künstler JR, der für diese Veränderungen verantwortlich ist, hat nichts mit dem gleichnamigen Fiesling JR Ewing aus der TV-Serie "Dallas" zu tun - aber ein Spiel mit Worten, Bildern und Wirkungen betreibt auch er, ein junger Mann aus Paris. JR heftet riesige Bilder, 15 mal 25 Meter groß, an freie Wände und Flächen, Bilder von Menschen, die normalerweise nicht miteinander reden, die sich, um genau zu sein, gar nichts zu sagen haben, weil es ihnen verboten ist, weil ein Zaun sie trennt - Bilder von Menschen nämlich aus Israel und den palästinensischen Gebieten. Sie sind normalerweise Gegner oder stehen sich bestenfalls gleichgültig gegenüber. Bei JR allerdings schneiden sie Grimassen. Und das ist das Sensationelle an dieser künstlerischen Idee: dass sie dadurch immer verwechselbarer werden. Grimassenschneiden verbindet; einerseits verfremdet es ein bekanntes Gesicht, unter Umständen bis zur Unkenntlichkeit, anderseits nähern sich wildfremde Gesichter, derart komisch verzerrt, in verblüffender Weise gegenseitig an.

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Der Künstler mit der Leidenschaft für verfremdete Gesichter scheint sein eigenes übrigens auch nicht gern zu zeigen; dazu läuft er zu oft mit Kapuze verhüllt durch die Gegend. Ein unauffälliger Mann mit auffälliger Kamera, die ein riesiges Objektiv hat. Er gilt als scheues Genie, gerade 24 Jahre alt, das seinen Weg über die Straßenkunst genommen hat, aus der Graffiti-Ecke stammt; ein Sprayer, der eines Tages in der Pariser Metro einen Fotoapparat fand, den er offenbar abzugeben vergaß. Das war 2000, als er 17 Jahre alt war. Mit der Kamera in der Hand muss er den Stromstoß erlebt haben, der ihn zum Leben erweckte, seine wahre Begabung offen legte. Schon zwei Jahre später erhielt er den Nachwuchspreis für Junge Talente des Magazins "Photo" mit Bildern zum Thema Sprayer, Breakdancer, Freerider. 2005 bekam er Beifall mit Bildern von Jugendlichen aus den Pariser Vororten Montfermeil und Clichy-sous-Bois, die ein Jahr später zur Hölle wurden und den damaligen Innenminister Nicolas Sarkozy in höchste Erregung trieben.

Wer ist wer auf diesen Bildern, das ist oft genug die Frage, die nicht zu beantworten ist - wenn es sich bei den Protagonisten beiderseits des Zaunes um Menschen mit den gleichen Berufen handelt, um Lastwagenfahrer etwa, Maler, Schauspieler, Taxifahrer, Hausfrauen.

Dem Ganzen liegt ein Zitat des Palästinenser-Scheichs Aziz, zugrunde: "Wenn Du das Abbild Gottes in jedem Menschen siehst, und Du Gott liebst und respektierst, musst Du folglich auch Dein Gegenüber respektieren." Darunter drei Bilder: eines moslemischen Gottesmannes, eines christlichen Geistlichen und eines orthodoxen Juden. Letzterer schielt an sich entsetzlich, was jedoch im Kontext seiner ebenfalls seltsam dreinblickenden Bildernachbarn mit den im wahrsten Sinne des Wortes verrückten Gesichtszügen nur nett und sympathisch wirkt. Aussehen tut es grauenvoll. Auch in dieser Diskrepanz liegt das Geheimnis dieser erfolgreichen Bilderserie. Es nivelliert die Unterschiede durch Heiterkeit.

Motto des ganzen Projekts, das sich von der Idee bis zur Realisierung problemlos entwickeln ließ: Wer sich selbst auf den Arm nimmt, hat schon gewonnen.

So war es nicht schwer, Bewerber für die Aktion aufzutreiben. Weder bei den Israelis noch den Palästinensern. Diese Art der Bildervergrößerung wurde von Anfang an ein Riesenerfolg, zuerst in Jerusalem, dann in Arles, in Amsterdam. Auch in Berlin, wo das Denkmalsschutzamt keine Probleme bereitet hat, reißen sich Hausbesitzer darum, ihre freien Wände zur Verfügung zu stellen. Noch ist die Auswahl der Standorte nicht endgültig gefallen; dass aber der Checkpoint Charlie gut im Rennen liegt, scheint ausgemachte Sache zu sein. Nach der deutschen Hauptstadt geht die Performance weiter nach Paris, in die Geburtsstadt des Künstlers. Nicht zuletzt wichtig für den Erfolg war das doppelsinnig gewählte Thema "Face 2 Face".

Den Fotofreund wird interessieren, dass JR mit seiner Weitwinkelkamera, einem 28-Millimeter-Objektiv, die Menschen aus nächster Nähe porträtiert. Eine entsprechende Ausstellung "28 Millimeter - Porträt einer Generation" ging 2006 um die Welt: Paris, Rom, Berlin, Brüssel, Barcelona, New York. Man könnte die jetzige Ausstellung (während des Artforums vom 28. September an) eine Erweiterung seiner künstlerischen Absichten nennen oder auch Konkretisierung auf den Kern, das Wesentliche des Menschseins.

Checkpoint charlie liegt gut im rennen als standort

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