Garten

Wie im Paradies

Vor 200 Jahren schuf Preußens Gartenkünstler Peter Joseph Lenné einen der schönsten Orte Berlins: den Rosengarten auf der Pfaueninsel. Ein Ausflug.

Pfaueninsel / Rosengarten / Gärtner Oliver Kolle

Pfaueninsel / Rosengarten / Gärtner Oliver Kolle

Foto: Reto Klar

Im März 1821 tätigte Preußens König Friedrich Wilhelm III. einen spektakulären Kauf. Er erwarb die Rosensammlung des Berliner Arztes Dr. Böhm und zahlte dafür 5000 Taler – viel Geld, wenn man bedenkt, dass diese Summe einem Zehntel des Kaufpreises für das Schloß Klein-Glienicke entsprach. Die Sammlung war schon aufgrund ihres Umfangs einzigartig. Sie umfasste 2100 Hochstämme und 9000 Sträucher – alles historische Rosen, die bis 1870 bekannt waren.

Peter Joseph Lenné, damals bereits am preußischen Hof als Garteningenieur und Mitglied der Gartendirektion angestellt, hat diese außergewöhnliche Rosensammlung zuvor begutachtet und dem König zum Kauf geraten. Im Februar 1821 schrieb Lenné: "Sanssouci leidet bisher gänzlich Mangel an diesen Prachtpflanzen, welche unstreitig zum Schmuck eines Gartens ein wesentliches Bedürfnis sind."

Ein Ort für den Sommeraufenthalt des Königs

Der König handelte nach der Empfehlung und kaufte die Rosen. Er hatte allerdings eigene Vorstellungen davon, wo sie einen Platz finden sollten. Lenné wollte die Rosen in den Garten des Schlosses Sanssouci pflanzen. Friedrich Wilhelm III. indes ordnete an, auf der Pfaueninsel einen Rosengarten anzulegen. Er nutzte die 67 Hektar große Insel im Südwesten Berlins zuweilen als Sommeraufenthalt. Wir wissen nicht, wie Lenné diese Anordnung aufgenommen hat. Vielleicht hat er die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, angesichts der ungünstigen Bodenverhältnisse, die auf der Insel herrschten. Es gab dort vor allem Sand, für Rosen ungeeignet.

Auch fehlte ein Bewässerungssystem. Gießwasser musste umständlich aus dem See geschöpft werden. Als Bediensteter des Königs hat Lenné natürlich trotzdem dessen Anweisungen befolgt. Er hat den gewünschten Garten geplant und damit auf der Pfaueninsel den ersten Rosengarten Preußens geschaffen. Dort inszenierte er vor allem die Hochstammrose. Strauchrosen hingegen waren seiner Meinung nach für die königlichen Gärten ungeeignet.

Heute ist Gärtner Oliver Kolle (33) für die Anlage verantwortlich. Er hat seinen Beruf auf der Pfaueninsel gelernt, war dann eine Zeit lang im Alt Ruppiner Lenné-Garten tätig, um 2011 als Rosengärtner auf die Insel zurückzukehren. Seinen Arbeitsplatz bezeichnet er als den schönsten der Welt und erzählt, wie gut es sich anfühlt, jetzt im Sommer morgens mit der Arbeit zu beginnen, "wenn noch Nebel über dem Park liegt, dann langsam die Sonne hervorkommt und die Rosen mittags wunderbar duften".

Der Garten gleicht einem Labyrinth, die Eingänge sind nur schwer zu finden

Gästen erklärt Kolle gern, wie Lenné den 90 Meter langen und maximal 28 Meter breiten Rosengarten auf dem sanften Hügel der Schlosswiese angelegt hat. Mit seinen y-förmigen Wegen gleiche er einem Labyrinth, sagt er. Die Eingänge seien nur schwer zu finden. Meist würden Besucher den Garten zwar wahrnehmen, aber erst einmal an ihm vorbeilaufen, den breiten geschwungenen Weg entlang Richtung Inselmitte. Interessierte würden dann umkehren oder auf dem Rückweg wieder vorbeikommen und einen Eingang suchen, um sich die Rosen genauer anzuschauen und an ihnen zu riechen. Denn anders als die modernen Rosen haben die historischen Sorten einen intensiven Duft. Dafür blühen sie meist nur einmal im Jahr.

Gegenwärtig sind im Rosengarten 506 Hochstämme und noch einmal so viele Rosenbüsche zu bewundern. Das sind zwar längst nicht mehr so viele Pflanzen wie 1821, aber immer noch genug, um viele verschiedene Sorten kennenzulernen. In diesen Tagen sind die meisten Rosen fast schon verblüht. Das sei früh, sagt Kolle, liege aber daran, dass der Winter mild und das Frühjahr sehr trocken gewesen sei. Beides habe die Rosen zur frühen Blüte animiert. Ein Besuch des Gartens lohnt sich trotzdem. Einzelne Blüten sehen noch wunderschön aus und es riecht auch noch betörend. Besonders in den frühen Morgenstunden aber auch abends, wenn die Sonne tief steht, liegt ein ganz eigener Zauber über den Beeten. Um diese Zeit stolzieren auch gern die Pfauen durch den Garten und machen den Rosen mit ihren schillernden blau-grünen Federn Konkurrenz.

Kolle erzählt, dass es sich natürlich nicht mehr um den ursprünglichen, einst von Lenné geschaffenen Garten handelt. Der sei bereits 20 Jahre nach seiner Eröffnung zugrunde gegangen. Eine Maikäferplage zerstörte die empfindlichen Pflanzen. Hinzu kam, dass der Garten damals in kürzester Zeit angelegt werden musste und deshalb kaum Wert darauf gelegt worden war, den Boden entsprechend vorzubereiten.

Er plante in dieser Zeit den Berliner Tiergarten

Was Lenné zum Sterben seines Rosengartens gesagt hat, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich hat er sich nicht lange damit aufgehalten. Er hatte zu tun. Längst war er Gartendirektor der Königlichen Gärten und mit der Schaffung weiträumiger Parks und Landschaftsgestaltungen befasst. Er plante in dieser Zeit unter anderem den Schlossgarten Caputh, den Berliner Tiergarten, den Zoologischen Garten, sowie den Park Babelsberg.

1871, da war Lenné bereits fünf Jahre tot, wurde der Rosengarten allerdings wieder hergestellt. Dieses Mal unter Lennés Nachfolger, dem Gartendirektor Ferdinand Jühlke. Die Pläne dafür stammten vom damaligen Hofgärtner Adolf Reuter. Er hat auch die eiserne Rosenlaube in den Garten aufgenommen, die noch heute erhalten ist. Doch auch dem erneuerten Rosengarten war nur eine Lebensdauer von knapp 25 Jahren beschieden. Der Nachfolger von Friedrich Wilhelm III. kümmerte sich kaum um die Pfaueninsel. Er ließ sich nur gelegentlich für einige Stunden im Sommer dorthin rudern, das Schloss bewohnte er aber nicht. Bald richteten undisziplinierte Ausflügler im Rosengarten und in den übrigen Anlagen schwere Schäden an. Die Rosen gingen ein. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Gartenfläche schließlich als Baumschule genutzt. Man pflanzte dort seltene Koniferen an.

Mehr als 300 Rosensorten sind zu bestaunen

Lange war Lennés Rosengarten dann vergessen. Erst anlässlich des 200. Geburtstages des Landschaftskünstlers 1989 wurde beschlossen, den ersten Rosengarten Preußens wieder auferstehen zu lassen. Die aufwendige Rekonstruktion der Anlage ist vor allem dem Gartenhistoriker Michael Seiler zu verdanken, der damals für die Pfaueninsel verantwortlich war. Seiler legte 1989 sogar noch einen weiteren Rosengarten auf der Insel an. In diesem so genannten Rosenergänzungsgarten wurden die bis 1870 verfügbaren Rosen nach Klassen und Züchtungsjahr jeweils paarweise als Hochstamm und Busch gepflanzt. Heute sind dort mehr als 300 Rosensorten zu bestaunen. 2007 kam eine Wildrosensammlung von mehr als 50 Arten hinzu. Sie soll die Vielfalt der Vorfahren der heutigen Kulturrosen zeigen.

Gärtner Oliver Kolle führt Besucher gern auch in diesen neuen Rosengarten. Leidenschaftlich erzählt er von dessen Entstehung und zeigt besonders schöne Exemplare wie die gestreifte Wildrose "Rosa gallica Versicolor". Deren hellrosa Grundfarbe bekommt ihren fantastischen Effekt durch breite karminrote und unregelmäßige Streifen. Die halbgefüllten Blüten verfügen über einen kräftigen, fruchtig süßen Duft. Oder den Hochstamm "madame legras de st germain". Die weißen Blüten dieser Rose haben eine elfenbeinfarbene Mitte, sind groß, dichtgefüllt und bilden flache Blütenschalen. Auch sie duften gut.

Wer einen eigenen Rosengarten hat, weiß, wie viel Arbeit darin steckt. Vor allem die historischen Rosen und ganz besonders die veredelten Hochstämme sind empfindlich und brauchen intensive Pflege. Kolle kümmert sich mit Hingabe um "seine Rosen". Ihm liegt viel daran, dass die Anlage gepflegt aussieht. So wie jetzt. Kein Unkraut ist zu sehen. Zwei Tage habe er von morgens bis abends geschuffelt, erzählt er. Das sei schon Schwerstarbeit. Lenné hätte seine Freude an dem jungen Gärtner gehabt, der soviel Einsatz zeigt. Besonders aufwendig sei der Rosenschnitt im Frühjahr, sagt Kolle.

Vor dem Winter hüllt Kolle jeden Hochstamm mit einer Strohmatte ein

Es gehe darum, nach innen wachsende und sich kreuzende Äste zu entfernen. Auch krankes oder erfrorenes Holz müsse weg. Die Äste der zierlichen Hochstämme dürften nicht zu schwer werden. Bei heftigem Regen würden sie sonst brechen. Darüber hinaus habe jede einzelne Pflanze spezielle Bedürfnisse, die er herausfinden müsse. Vor dem Winter hüllt Kolle jeden Hochstamm mit einer Strohmatte ein. Und das alles für eine Blütezeit von drei bis fünf Wochen. Lohnt sich dieser Aufwand überhaupt? Kolle lächelt. Rosen sagt er, hätten nun mal die edelste Form der Blüte. Und dann noch dieser Duft.

Doch auch wenn die Schönen bald gänzlich verblüht sein werden, ist im Rosengarten einiges zu sehen. Kolle ist gerade dabei, Schnüre von einem Hochstamm zum nächsten zu ziehen, an denen zarte Rankpflänzchen empor klettern sollen: Purpurglöckchen, Schwarzäugige Susanne oder Glockenrebe. In die Mitte des Gartens hat er verschieden farbige Dahlien gepflanzt, auch Wunderblumen, Verbenen und Heliotrop. So wie Lenné das einst geplant hat.

Der Gartenkünstler schuf 1821 übrigens nicht nur den Rosengarten, sondern begann eine grundlegende Umgestaltung der Pfaueninsel. Sein Konzept sah im Westen eine Partie mit Schloss, Rosengarten und Palmenhaus vor, mit Schwerpunkt also auf Gartenanlagen und Pflanzen, und im Osten einen vorwiegend ländlichen Bereich mit der Meierei, wobei die Ausdehnung der Ackerflächen zugunsten von Wiesen deutlich reduziert wurde. Die Stiftung Preußische Schlösser und Garten Berlin-Brandenburg hat 2016 zum Lenné-Jahr ausgerufen und eine Reihe von Veranstaltungen anberaumt, die sich mit der Kunst des Gartenmeisters beschäftigen. Am 24. August zum Beispiel sind Interessierte zu einem Sommerspaziergang auf der Pfaueninsel eingeladen. Gartenmeisterin Daniela Kuhnert wird dann zwischen 17 und 19 Uhr viel von der Insel erzählen.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.