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Frau Keseling stapft durch Stadt und LandSeltene Tierart unter dem Sofa

Meine Verwandten haben eine bahnbrechende Entdeckung gemacht. Sie haben unter ihrem Sofa eine der seltensten Tierarten der Welt entdeckt und sie gezähmt. Zumindest nach heutigem Forschungsstand lässt sich die Art, die sie nach langer Beobachtung dort schließlich mit dem Handy fotografieren konnten, bisher nur sehr selten öffentlich blicken.

Was war geschehen? Zuerst waren es nur kleine Geräusche, die im Wohnzimmer zu hören waren. Abends, wenn alles still war, verriet ein leises Scharren oder auch Schniefen, dass die große Schublade unter dem Schlafsofa offenbar bewohnt war. Wenn meine Verwandten allerdings nachschauten, sahen sie jedes Mal nichts. Als sich die Geräusche wiederholten, gingen sie schließlich mit Taschenlampen zu Werke. Auf dem Boden liegend gelang ihnen ein erster Eindruck. Ganz hinten in der Ecke hockten zwei haarige Gestalten, in deren Mitte zwei argwöhnische Augenpaare blinkten.

Meine Verwandten waren erleichtert. Das Haarige in der Ecke nämlich waren keine Ratten oder Mäuse, die sich ja um diese Jahreszeit auch gern drinnen einnisten. Es waren die zwei neuen Kater. Einige Tage zuvor waren die Tierkinder in den Haushalt eingezogen. Aus einem Tierheim adoptiert, sozusagen – und postwendend verschwunden. Zumindest hatten meine Verwandte das geglaubt, nachdem sie von ihnen tagelang nichts gesehen hatten.

Die nächsten Tage wurden anstrengend. Tagsüber war von den Katerkindern nichts zu sehen, nur die Wohnung sah morgens immer etwas anders aus. Offenbar räumten die Kater nachts auf. Oder um. Oder taten etwas, was sie für aufräumen hielten. Auch das Füttern war schwierig. Während herkömmliche Hauskatzen keine Mahlzeit auslassen, weder ihre eigenen noch die ihrer Menschen, fraßen die neuen Gäste nur heimlich. Der Mensch hatte bitteschön höflich den Raum zu verlassen, während das Tier aß.

Nach zwei Wochen wurde das Zusammenleben noch komplizierter. Denn nun sagten sich Besucher an. Nicht für meine Verwandten allerdings, sondern für die niedlichen Katzen, deren Ankunft meine Verwandten in ihrer unbändigen Katzenvorfreude unvorsichtigerweise schon in den sozialen Netzwerken angekündigt hatten, bevor sie die Tiere auch nur fotografiert hatten. Catcontent klickt gut, das weiß man ja. Aber No-Cat-Content? Das könnte dagegen zu einem Shitstorm führen, befürchteten die Verwandten.

Wie erklärt man, dass man zwei Katzen hat, die nie da sind? Auf den sozialen Netzwerken brach Unruhe aus. Die virtuellen Katzengemeinde verlangte Beweisfotos. Es war klar, es musste etwas passieren. Man möchte ja auch nicht des Münchhausen-Katzen-Syndroms verdächtigt werden. Besessen von Katzen, die gar nicht da sind? Das wäre dann irgendwie auch peinlich.

Erste Idee für die Social-Media-Strategie: Die Kater wurden nachträglich zur seltenen Tierart erklärt. Seltene Tiere sind eben selten sichtbar, das klingt logisch. Man denke nur an die verwischten Wolfsbabybilder, die seinerzeit ganz Brandenburg wahlweise verschreckt oder verzückt haben. Am Wolf zweifelt heute ja auch keiner mehr.

Wie aber sollte es im analogen Doppelkaterleben weitergehen? Eine Sofaschublade ist schließlich kein Sozialisationsraum. Mein Verwandter war es dann, der sich als Kommunikationsexperte erwies. Eines Abends erschien auf Facebook endlich das ersehnte Beweiswild: Tatsache, zwei Katzen saßen da vor dem Sofa meiner Verwandten. Sie fraßen aus zwei Näpfen, mitten im Raum, und das offenbar vollkommen angstlos. "Süüüüüß!" – "Ein Wunder! Wie habt Ihr das geschafft?", postete die Katzenfacebookgemeinde begeistert. Die Antwort meiner Verwandten war ebenso kurz wie profan: "Hackfleisch". ​

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