Alltag eines Kinderarztes
Zu Besuch beim Onkel Doktor
Kaum jemand außerhalb der Familie begleitet die Entwicklung eines Kindes so lange wie der erste Arzt. Er beobachtet die Fortschritte und versucht Einfluss auzuüben, wo es hakt
Während auf den Spielplätzen draußen noch kein Kind zu sehen ist, ist auf der Rutsche im Wartezimmer schon einiges los. An der Rezeption warten die nächsten Patienten. Der Türsummer geht ständig, das Telefon steht kaum still. Es ist kurz nach neun in einer Kinder- und Jugendarztpraxis in Spandau, Wilhelmstadt. Es herrscht Hochbetrieb. Dr. Ulrich Fegeler hat gerade seinen Dienst begonnen. Der 62-Jährige sitzt in Jeans und weißem Hemd in seinem kleinen Sprechzimmer in einem schlichten 60er-Jahre-Bau. Er schaut in den Computer, wen ihm die Schwestern vorn aus der Rezeption schicken, und ruft seinen ersten Patienten herein.
Fegeler kennt ihn, wie fast alle "seine" Kinder und ihre Eltern. Die meisten wohnen im näheren Umfeld, in Wilhelmstadt. Es ist eine Gegend, die sich in den vergangenen 20 Jahren stark gewandelt hat. Um 1990 noch eher gutbürgerlich, leben hier heute immer mehr Hartz-IV-Empfänger und Migranten. Fegeler spricht von "Bildungsferne", andere vom Abrutschen eines ganzen Viertels. Seit 23 Jahren betreibt Fegeler hier zusammen mit einem Kollegen eine fachärztlich-hausärztliche Praxisgemeinschaft. Die meisten Patienten sind seit ihrer Geburt bei ihm. Auch der Sechsjährige, der jetzt mit seiner Mutter das Sprechzimmer betritt. Er hat Fieber, schon den dritten Tag, die Mutter ist unsicher.
Zwischen Banalität und Drama
Fegeler schaut ihm in den Mund, in die Ohren, greift zum Stethoskop, um ihm den Rücken abzuhören. Routiniert sind seine Bewegungen und doch ganz auf das Kind konzentriert. Es ist Fegelers Alltagsgeschäft. Viele Kinder an diesem Tag kommen mit Fieber, Bauchschmerzen, Ausschlag. Oft sind es kleine Infekte, Lappalien, sagt der Arzt, aber so sei es nun einmal: "In der Pädiatrie liegt die Banalität neben dem Drama."
Eine Mutter bringt ihre fünfjährige Tochter, auch sie hat Fieber und einen Tag zuvor Kontakt zum Nachbarsjungen gehabt, der an Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankt ist. Die Mutter hat Angst, dass ihre Tochter sich angesteckt hat. Fegeler beruhigt sie, kann keine Anzeichen feststellen, letzte Gewissheit gebe es aber erst in einer Woche. Geduldig beantwortet er alle Fragen der Mutter, er hat dabei sein Stethoskop locker um den Nacken gelegt, sitzt neben dem Kind auf der Untersuchungsliege. Er versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass nebenan schon der nächste Patient wartet. Später sagt er, es sei ihm wichtig, dass Eltern und Kinder trotz der knapp bemessenen Zeit beruhigt sein Sprechzimmer verlassen. Auch für den Kinderarzt selbst bleiben nur ein paar Sekunden, um durchzuatmen und sich auf den nächsten Patienten einzustellen. Eine Dreijährige ist inzwischen in seinem Sprechzimmer. Bauchschmerzen plagen sie, das Mädchen weint, klammert sich an seine Mutter. Fegeler spricht ruhig auf sie ein, schafft es schließlich, sie zum Lachen zu bringen, während er ihr den Bauch abtastet. Schließlich entlässt er die Kleine mit einem dicken Lob: "Das hast du prima gemacht."
Ersatz für den Rat der Großmutter
Beruhigen gehört zu Fegelers Haupttätigkeiten. Die Eltern seien oft unsicher, kämen bei der kleinsten Auffälligkeit. "In vielen Familien fehlt der erfahrene Rat einer Großmutter, oft müssen Kinderärzte diese ersetzen", erklärt Fegeler. Die Unsicherheit der Eltern zeige sich auch darin, dass sie am liebsten gleich ein Medikament hätten. Fegeler ist Schulmediziner, er empfiehlt die gängigen Impfungen, aber er hält sich zurück bei Medikamenten. Doch wenn er rät, das Kind in Ruhe seine Krankheit auskurieren zu lassen, anstatt gleich die Symptome zu bekämpfen, gäben sich viele Eltern damit nicht zufrieden. Er hat beobachtet: "Die meisten wollen für jedes Symptom ein Mittelchen, vielen fehlt einfach die Geduld, andere stehen im Job so unter Druck, dass sie Fehlzeiten wegen ihres Kindes vermeiden wollen oder müssen."
In den 23 Jahren als niedergelassener Kinder- und Jugendarzt hat der gebürtige Gelsenkirchener noch mehr beobachtet. Vor allem bereite ihm Sorge, dass die Schere zwischen sogenannten bildungsarmen und bildungsreichen Familien immer größer werde: "Der Lebenslauf eines Kindes ist zunehmend abhängig von seiner Bildungsherkunft", sagt Fegeler, der selbst drei erwachsene Töchter hat. Einerseits wachse die Gruppe der Eltern, die das Leben ihrer Kinder immer weiter optimieren wollen. Jedes Detail werde ängstlich hinterfragt, ob es vielleicht eine Einschränkung, eine Hürde auf dem Weg zum Gymnasium, zum Abitur, zum Hochschulabschluss sein könnte. Diese Eltern seien selbst Akademiker und wollten, dass ihr Kind mindestens genauso weit kommt wie sie.
Andererseits gebe es Eltern, die ihren Kindern zu wenige Anregungen geben. Auch bei der Vierjährigen, die jetzt im Rahmen der U8-Vorsorgeuntersuchung auf einem Schaubild eine Spielplatzszene beschreiben soll, beobachtet Fegeler das. Das Mädchen weiß nicht, wie es die Artikel verwenden soll, sagt "Haus" statt "ein" oder "das Haus" und zeigt noch andere Sprachauffälligkeiten. Der Kinderarzt überzeugt den Vater, dass hier Logopädie helfen könnte. "Aber was nützen 45 Minuten Logopädie oder Ergotherapie in der Woche, wenn die Eltern die Anregungen zu Hause nicht fortsetzen?", sagt er später, als Vater und Tochter sein Sprechzimmer verlassen haben.
Kinder verbringen zu viel Zeit vor dem Fernseher
Viele Kinder würden zu jung und zu lang vor dem Fernseher sitzen, bekämen kaum Bücher vorgelesen, hätten wenig Bewegungsraum, sagt er. Bei vielen Eltern beobachtet Fegeler einen Mangel an Erziehungskompetenz. Der Soziopädiater Hans Georg Schlack hat das einmal als "edukatorische Insuffizienz" bezeichnet. Fegeler erklärt es schlichter: "Es gibt Eltern, die sich nicht mehr verantwortlich für ihre Kinder fühlen und erwarten, dass man als Kinderarzt dazwischengrätscht, wenn etwas nicht richtig läuft." Dabei glaubt Fegeler, nur bedingt etwas ausrichten zu können: "Es ist ja schon gut, wenn ich einen Anlass zur Korrektur geben kann." Leider sei sein Einfluss aber oft nicht nachhaltig, das beobachtet er auch beim Thema Ernährung: "Obwohl Ernährungsberatung inzwischen Bestandteil der Vorsorgeuntersuchungen ist, gibt es immer mehr übergewichtige Kinder." Beim nächsten Supermarkt seien seine Ratschläge oft schon wieder vergessen. Es sind Erfahrungen, die vermutlich nicht nur Fegeler, sondern auch viele andere der etwa 250 Kinder- und Jugendärzte in Berlin beschäftigen. Sie können erklären und raten, aber wie die Familien damit umgehen, liegt nicht in der Hand der Ärzte. Dabei begleiten sie die Entwicklung eines Kindes und seiner Familie wie kaum ein anderer.
Darum ist es Fegeler wichtig, bei den etwa 30 Kindern, die er jeden Tag untersucht, nicht nur Krankheitssymptome zu behandeln, sondern das ganze Familienumfeld zu erfassen. Nur so könne er sich ein Bild machen. Und wenn eine Mutter nebenbei erwähnt, dass sie sich vom Kindsvater getrennt hat, merkt der Kinderarzt auf und wird diese Information in der Krankenakte vermerken.
Inzwischen ist es 12 Uhr, die Schwestern haben dem Arzt eine Viertelstunde Pause eingeräumt. In der kleinen Küche drückt er auf die Kaffeemaschine, macht sich schnell ein Salamibrot. Unterschreibt zwischendurch ein Rezept und eine Überweisung, die die Schwestern ihm reinreichen. Dann geht es schon wieder zurück ins Sprechzimmer.
Dort wartet ein Baby auf ihn. Vorher gibt es aber noch einen Notfall, der im Ultraschallraum liegt. Ein großer Junge, vielleicht zwölf Jahre alt, mit hohem Fieber. Fegeler muss einen Abstrich machen, er schaut besorgt und murmelt: "Dem geht es richtig schlecht." Für einen Moment scheint ihn die Situation etwas aus der Bahn zu werfen, gleich zweimal muss er zurück in sein Sprechzimmer laufen, weil er etwas vergisst. Das Mitfühlen hat er auch nach 40 Jahren Berufstätigkeit nicht verlernt.
Wenig Schutz vor Misshandlungen
Dann endlich kommt das Baby dran. Sieben Wochen ist es alt, die Eltern sind zu zweit zur U3 gekommen. Die Anspannung von eben ist Fegeler wie auf Knopfdruck aus dem Gesicht gewichen. Er macht mit dem Säugling allerlei gymnastische Übungen, der Kleine lässt es geduldig über sich ergehen, lächelt sogar dabei. Die Eltern lächeln voller Stolz gleich mit. Und Fegeler zeigt sich beeindruckt: "Was der schon alles kann! Schauen Sie doch mal, wie er den Kopf mitnimmt!" Der Kinderarzt weiß, wie er Vertrauen schafft, und er weiß auch, dass er sich bei diesem Kind erst einmal keine Sorgen machen muss. Der Kleine ist gut entwickelt und in guten Händen.
Das ist nicht immer so. Auch Fegeler hatte schon misshandelte Kinder in seiner Praxis. Er erinnert sich an ein Kind, das überall blaue Flecken hatte. Die Mutter sagte, die kämen von einem Sturz, aber er habe ältere Hämatome entdeckt. Er sprach seinen Verdacht direkt aus. Das sei nicht leicht gewesen, denn in diesem Moment habe viel Verantwortung auf ihm gelastet. Fegeler muss mit den Eltern ins Gespräch kommen, und wenn sie nicht wollen, muss er das Jugendamt alarmieren. Die Mutter habe abgestritten, der Vater aggressiv reagiert und habe sofort die Praxis verlassen wollen. Fegeler alarmierte das Jugendamt, das mit Blaulicht vorgefahren kam. Ein Bild, das der Kinderarzt lange nicht vergessen konnte. Er weiß, dass dem Kind, wie auch immer entschieden wird, eine schwere Zukunft bevorstehen wird.
Früh Defiziten entgegensteuern
Solche Situationen gab es allerdings selten in Fegelers Praxis. "Misshandler kommen nicht, sie scheuen den Kinderarzt wie der Teufel das Weihwasser", sagt er und glaubt daher auch nicht, dass die inzwischen vorgeschriebene Einladung zu den Vorsorgeuntersuchungen zu mehr Aufklärung bei Kindesmisshandlungen führt. Dennoch begrüße er die Entscheidung, weil jetzt mehr Kinder in die Praxis kommen, die er sonst nicht so regelmäßig sehen würde und bei denen er früh Defiziten entgegensteuern kann.
Und manchmal erlebt er dabei auch Eltern, die seine Anregungen annehmen, deren Kinder sich nach zähem Anfang in eine gute Richtung entwickeln. Das ist es, wovon der Kinderarzt in seinem Alltag zehrt. Und es sind auch die Kinder, die schwer erkrankt sind, an Leukämie oder am Herzen, die später wieder gesund seine Praxis betreten. Sie lassen ihn die wachsende Bürokratie, den wachsenden Druck, dem er sich ausgesetzt fühlt, vergessen, sagt er. Denn nicht die kleinen Patienten, sondern die vielen immerzu neuen Bestimmungen, der aufwendige Verwaltungskram seien es, die Fegeler Nerven und Energie rauben. Es ist auch die Bürokratie, die ihn, nachdem der letzte Patient um 18.30 Uhr gegangen ist, noch immer an seinem Schreibtisch sitzen lässt. Oft erst gegen 21 Uhr ist Dr. Fegeler zu Hause. Erschöpft, aber mit der Hoffnung, manchem Kind, mancher Familie den richtigen Weg gezeigt zu haben.


















