Flugrouten-Radar

In Tegel ist in der Nacht mehr los als in Schönefeld

Im Norden Berlins wird zwischen 22 und 6 Uhr mittlerweile mehr geflogen als in Schönefeld - und das, obwohl es in Tegel ein Nachtflugverbot gibt. Flüge werden vermehrt spätabends abgefertigt.

Am Flughafen Tegel werden nachts mehr Flieger abgefertigt als in Schönefeld. Vor allem in den Randzeiten zwischen 22 Uhr und 23 Uhr ist das Verkehrsaufkommen stark gestiegen, wie eine Auswertung von Daten des Flugrouten-Radars der Berliner Morgenpost ergab. Zwar gab es auch in früheren Jahren einzelne Monate, in denen nachts mehr Betrieb in Tegel als in Schönefeld war. Doch das blieb immer die Ausnahme. Geändert hat sich das Verhältnis erst im Juni vergangenen Jahres.

Grund ist die abgesagte Eröffnung des neuen Hauptstadt-Airports BER. Dieser hätte am 3. Juni 2012 in Betrieb gehen sollen. Für diesen Tag hatten die Airlines ihr Streckennetz teils deutlich ausgeweitet. Dieser zusätzliche Verkehr muss nun von Tegel aus abgewickelt werden. "Der Flugplan für Tegel ist so voll, dass zu viele Flüge in die Randzeiten geschoben werden", kritisiert Jörg Stroedter, SPD-Abgeordneter aus Reinickendorf. Das sei für die Anwohner kaum mehr zumutbar. Er fordert, das Nachtflugverbot in Tegel um eine Stunde auf 22 Uhr vor zu ziehen.

Dass in Tegel spätabends und in der Nacht mehr Flugbetrieb herrscht als in Schönefeld, ist insofern bemerkenswert, als für den innerstädtischen Flughafen ein Nachtflugverbot gilt. Zwischen 23 Uhr und 6 Uhr morgens dürfen dort nur bestimmte Flugzeuge wie Regierungsmaschinen und Postflieger starten und landen. Bis Mitternacht können auch Passagierflieger eine Ausnahmegenehmigung erhalten. In Schönefeld gilt dagegen gar kein Nachtflugverbot.

Postflüge nach Tegel verlagert

Laut dem Flugrouten-Radar war der Unterschied zwischen den beiden Flughäfen im Juli 2012 besonders ausgeprägt. In diesem Monat wurden in Tegel zwischen 22 und 6 Uhr rund 930 Flüge abgefertigt. Das waren etwa 130 Flüge mehr als in Schönefeld. Im Winter schwächt sich das Verkehrsaufkommen zwar regelmäßig ab, aber auch im März diesen Jahres änderte sich an dem Verhältnis nichts. Spätabends und nachts starteten und landeten im vergangenen Monat rund 640 Flugzeuge in Tegel und somit fast 100 mehr als in Schönefeld. Insgesamt wurden 2012 in diesen Stunden in Tegel rund 20 Prozent mehr Flüge durchgeführt als im Jahr 2011. Gleichzeitig ist die Zahl der Passagierflieger in Schönefeld nachts zurückgegangen. Zudem wurden auch Postflüge nach Tegel verlagert.

Proteste der Anwohner

Viele Anwohner empfinden diese Situation als unerträglich. Erst am vergangenen Sonnabend kam es zu einer Demonstration am Flughafen Tegel. Zudem gründete sich vor wenigen Wochen die erste Bürgerinitiative BI Fluglärm Tegel im Norden der Stadt. Die Mitglieder fordern, dass die Hälfte der derzeitigen Flugbewegungen an den deutlich geringer ausgelasteten Flughafen in Schönefeld verlagert wird. Dieses Anliegen unterstützt auch Frank Steffel, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Reinickendorf. Bislang weigern sich allerdings die Airlines, nach Schönefeld auszuweichen. Die Flughafengesellschaft kann sie auch nicht dazu zwingen.

"Falls hier der Wille fehlt, sollten zumindest die Transport-, Post- und Regierungsflieger nach Schönefeld verlagert werden", sagt Steffel. Außerdem setzt er sich für ein "Sofortprogramm Lärmschutz" ein, das den Anwohnern eine gewisse Entlastung bringen soll. So könnten sie einen Zuschuss für Schallschutzmaßnahmen wie etwa bessere Fenster bekommen.

Freiwillig werden sich die Airlines nicht bewegen. Die Lufthansa hat erst vor wenigen Monaten die Flüge ihrer Tochtergesellschaft Germanwings von Schönefeld nach Tegel umgesiedelt. Air Berlin will in Berlin ein Drehkreuz aufbauen, bei dem Passagiere innerhalb kurzer Zeit umsteigen und zu ihrem Endziel weiterbefördert werden. Sie können nicht für ihren Weiterflug zwischen Tegel und Schönefeld hin- und herfahren, sondern müssen vom selben Flughafen aus weiterfliegen.

Der SPD-Abgeordnete Stroedter schlägt daher vor, die Airlines durch einen kompletten Erlass der Start- und Landegebühren nach Schönefeld zu locken. Auch der Abgeordnete Martin Delius (Piraten), der den Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses zur Aufklärung des BER-Debakels leitet, bezeichnet es als "schwierig, aber nicht unmöglich", die Airlines zu einem Umzug zu bewegen. "Wenn es nicht allein über die Gebühren funktioniert, sollte die Flughafengesellschaft einzelne Airlines gezielt ansprechen und mit ihnen verhandeln."

Der Flugrouten-Radar ist eine interaktive Online-Anwendung der Berliner Morgenpost. Darin werden Flugbewegungen von 96% aller Flüge der Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld in 3-D dargestellt und statistisch ausgewertet.

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