14.02.13

BER-Debakel

Für Berlin-Tegel gibt es keine "Luxussanierung"

Die Flughafengesellschaft hat bis zu 20 Millionen Euro für die Sanierung von Tegel bewilligt. Schon lange wurde dort nichts mehr investiert.

Von Max Boenke, Thomas Fülling und Gudrun Mallwitz
Foto: dpa
 18 Millionen Passagiere pro Jahr: Tegel aus den Nähten.
18 Millionen Passagiere pro Jahr: Tegel aus den Nähten.

Das Gewusel in der Haupthalle des Flughafens Berlin-Tegel ist groß. Ständig steht irgendwer im Weg. Die Schlangen zum Check-In ragen teilweise bis in den Gang hinein. Die Passagierin am Gate A01 schüttelt nur den Kopf.

Bei der Frage, ob die Flughafengesellschafter Berlin, Brandenburg und der Bund noch Geld in den Flughafen Tegel investieren sollten, fällt ihr nur wenig ein. "Sie sollten einfach zusehen, dass der neue Hauptstadtflughafen in Schönefeld endlich fertig wird", sagt sie und verschwindet mit ihrer Bordkarte hinter der Glaswand.

Längst ist aus Tegel, dem "Flughafen der kurzen Wege" ein "Flughafen der langen Wartezeiten" geworden. Auch am Mittwoch bestimmten wieder Schlangen am Check-In und heftiges Gedränge an den völlig überlasteten Gepäckbändern das Bild. Einst gebaut für gerade einmal fünf Millionen Passagiere, sind an dem alten innerstädtischen Airport im vergangenen Jahr mehr als 18 Millionen Fluggäste abgefertigt worden. Tendenz steigend.

Lange nicht investiert

Die Flughafengesellschaft FBB hat in Tegel lange Zeit nichts mehr investiert, denn der alte innerstädtische Airport sollte unmittelbar nach der Inbetriebnahme des neuen Hauptstadtflughafens in Schönefeld geschlossen werden. Doch die ursprünglich für 2011 geplante Fertigstellung des BER verzögert sich, bereits vier Mal ist die Eröffnung verschoben worden. Ein neuer Termin für die BER-Inbetriebnahme ist auch nach der Aufsichtsratsitzung am Mittwoch ungewiss.

Tegel-Fluggäste wie auch die dort vertretenen Fluggesellschaften können nun aber zumindest auf eine Entspannung der Betriebslage hoffen: Wie der BER-Aufsichtsratschef und brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) am Mittwoch bekannt gab, wird die Flughafengesellschaft noch mal "zehn bis 20 Millionen Euro" in die alten Flughäfen Tegel und Schönefeld investieren. Laut Platzeck soll das Geld zur "Instandhaltung, Optimierung des Flugbetriebs und zur Verbesserung der Sicherheit" eingesetzt werden.

Unter anderem sind Investitionen in die Kälte- und Wärmeversorgung, die Gebäudeleittechnik, in die Gepäckbänder und Rollwege geplant. Um den Service zu verbessern, sollen weitere Monitore zur Fluggastinformation angebracht werden. Außerdem werde das Flughafenterminal grundgereinigt. Als marode gelten auch die Toiletten in den Terminals, die nun saniert werden sollen. Derzeit fehlen nicht nur Haken und Seifenspender. Manche Kabinen sind komplett gesperrt.

Die Flughafengesellschaft werde zudem in den nächsten Monaten ihr Personal in Tegel weiter verstärken. Damit könne sie bei Wartungs- und Instandhaltungsproblemen schneller reagieren. Aufsichtsratschef Platzeck verteidigte die vorgesehene Obergrenze von bis zu 20 Millionen Euro für die alten Flughäfen Tegel und Schönefeld. Wörtlich sagte er: "Das ist viel Geld." Es werde "keine Luxussanierung geben". Der Großteil des Geldes soll in Tegel investiert werden. Die Arbeiten werden bereits in den nächsten Wochen beginnen, kündigte die Flughafengesellschaft an.

Ein Streitpunkt im Aufsichtrat war der Ausbau des Terminals C, das vor allem vom größten FBB-Kunden, der Air Berlin, genutzt wird. Allein dafür waren Kosten von 20 Millionen Euro veranschlagt. Wie die Berliner Morgenpost erfuhr, zog die Flughafengesellschaft den Antrag dafür zurück. In der Diskussion war zuvor erkennbar gewesen, dass der Aufsichtrat diesem Vorhaben nicht zustimmen wird.

Befürchtet wurde, dass während der mehrmonatigen Bauzeit die Kapazität von Tegel sinken könnte. Schon vor der Sitzung hatte Brandenburgs Finanzminister Helmuth Markov (Linke) große Teile des von der Flughafengesellschaft vorgeschlagenen Investitionsprogramms öffentlich abgelehnt. Er machte deutlich: "Ich halte es für nicht akzeptabel, weiteres Steuergeld dort auszugeben, bevor nicht feststeht, wann der neue Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld eröffnet." Markov leitet den Finanzausschuss der Flughafengesellschaft und sitzt im Aufsichtsrat.

Förderbänder aus den 70er-Jahren

Der Flughafen im Norden der Stadt arbeitet täglich an der Grenze seiner Belastbarkeit. Die Airlines hatten in Erwartung des neuen Hauptstadt-Flughafens in Schönefeld ihr Streckenangebot in Tegel stark ausgeweitet. So fliegt die Lufthansa 40 Ziele von Berlin direkt an, bisher waren es elf. Air Berlin wollte am BER ein Drehkreuz aufbauen und verklagt wegen der Einnahmeausfälle durch die geplatzte Eröffnung die Fluggesellschaft. Die in Tegel vertretenen Airlines forderten schon lange vor allem die Modernisierung der veralteten und daher störanfälligen Gepäckförderbänder und Fluggastbrücken am Flughafen Tegel.

Die Förderbänder stammen aus den 70er-Jahren und fallen immer wieder einmal aus. Die Koffer werden vom Personal zudem per Hand sortiert. Auch die maroden Toiletten in den Terminals sollen nun schnell saniert werden. Manche Kabinen sind komplett gesperrt. Platzeck kündigte an, dass im Sanitärbereich investiert werden soll.

"Wir begrüßen, dass jetzt auch vom Flughafen-Aufsichtrat Maßnahmen zur Ertüchtigung von Tegel als notwendig erachtet werden", sagte Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber nach Bekanntgabe der Investitionen. Ob die vom Aufsichtrat bestätigte Summe von maximal 20 Millionen Euro ausreicht, könne er ohne Kenntnis von konkreten Maßnahmen nicht einschätzen. "Wichtig ist uns vor allem, dass das Personal für Reparaturen aufgestockt wird."

Gerade bei den altersschwachen Gepäckbändern und Fluggastbrücken habe es im vergangenen Jahr immer wieder Ausfälle gegeben, die wiederum zu langen Wartezeiten für die Passagiere und zu Störungen im Flugbetrieb geführt hätten. Befragt zu den jüngsten Vorkommnissen auf dem gleichfalls überlasteten Flughafen-Vorfeld sagte FBB-Geschäftsführer Horst Amann: "Tegel ist sicher." Im Januar wurden zwei Air-Berlin-Maschinen beschädigt, weil sie sich auf dem Rollfeld zu nahe gekommen waren. Derartige Vorfälle würde es auch auf anderen Flughäfen geben, sagte Amann.

Bestandsaufnahme am BER

Wie es auf der Baustelle für den BER weitergeht, ist indes weiterhin unklar. Noch immer sind die Probleme mit der Brandschutzanlage nicht beseitigt. Aufgrund fehlender Planungsunterlagen geht es derzeit auf der Baustelle kaum voran. Ein kompletter Umbau der Technik scheint derzeit nicht geplant. Die Brandschutzanlagen sollen aber so umgebaut werden, dass sie den Baugenehmigungen entsprechen.

Technik-Chef Horst Amann kündigte erneut eine gründliche Bestandsaufnahme der Situation auf der BER-Baustelle an. Diese soll bis "Juni oder Juli" abgeschlossen sein. Amann bekräftigte, dass es keinen Abriss von Bauten geben soll, auch keinen Teil-Abriss. "Dies ist nicht notwendig", sagte er.

Laut Platzeck wird derzeit auch geprüft, ob die Nordbahn vorzeitig saniert werden soll. Sie dient derzeit als Start- und Landebahn des benachbarten alten Flughafens Schönefeld. Die Flughafengesellschaft prüft derzeit auch, ob die Startkapazität des BER noch vor seiner Inbetriebnahme erweitert wird. Die Flughafengesellschaft habe hierzu eine neue Verkehrsprognose beauftragt und prüfe die Voraussetzungen. Entscheidungen dazu seien aber noch nicht getroffen. "Klar ist bislang nur: Wir werden keine unnötigen Risiken in Hinblick auf die Eröffnung des BER eingehen", sagte Platzeck.

Außerdem beschloss der Aufsichtsrat, dem früheren Fraport-Chef Wilhelm Bender einen Vertrag als Chefberater der Geschäftsführung zu geben – allerdings ohne eigene Entscheidungsbefugnisse. Er solle solange tätig sein, so Platzeck, bis ein neuer Flughafen-Chef gefunden ist. "Das Prozedere dafür ist im Laufen. Ich gehe davon aus, dass bis Ende des Monats von der von uns beauftragten Personalberatung ein geeigneter Kandidat gefunden ist", gab Platzeck sich optimistisch.

Der Aufsichtsrat könne dann bei seiner nächsten Sitzung am 8. März die Personalvorschläge für eine neue Managementspitze diskutieren. Er rechne damit, dass dies jemand sein wird, "der derzeit noch in einem anderen Arbeitsverhältnis steht". Es werde also noch einige Zeit vergehen, ehe der neue Flughafen-Chef seine Arbeit aufnehmen könne. Bender werde mindestens zwei Tage in der Woche als Berater vor Ort sein, kündigte Platzeck an.

Zusätzlich werde ein externes Unternehmen gesucht, das die Geschäftsführung fachmännisch begleiten soll. Dazu soll eine europaweite Ausschreibung erfolgen. Auf die Frage, wer für eine solche Aufgabe in Frage käme, nannte Platzeck bekannte Wirtschaftsberater wie Roland Berger und McKinsey.

In der Sitzung im März soll auch ein neues Aufsichtsratsmitglied berufen werden. Einen Namen nannte Platzeck noch nicht. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kreditbank, Günther Troppmann, scheidet aus gesundheitlichen Gründen aus. Der Aufsichtsrat will künftig besser von der Geschäftsführung informiert werden. Geplant sind regelmäßige Fortschrittsberichte, auch eine Übersicht der Maßnahmen und Kosten werde verlangt, heißt es.

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