26.06.12

Hauptstadtflughafen

Architekt – "BER zu klein, zu spät und zu teuer geplant"

Der renommierte Flughafen-Planer Dieter Faulenbach da Costa hat starke Zweifel am neuen Eröffnungstermin des Berliner Großflughafens BER.

Foto: DAPD
Flughafen Berlin Brandenburg BER
Trügerisch: Aus der Ferne betrachtet ist der Bau des Flughafens BER so gut wie fertig. Im Detail ergeben sich dagegen riesige Probleme

Das Debakel um den künftigen Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg (BER) ist am Mittwoch Thema im Haushaltsausschuss des Bundestages. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der auch Vorsitzender des Flughafen-Aufsichtsrates ist, wird sich dort äußern. Dabei geht es um die Finanzierung des Flughafens und die wahrscheinlichen Mehrkosten, die auf die drei Gesellschafter, Berlin, Brandenburg und Bund, zukommen.

Der Aufsichtsrat hat dem neuen technischen Geschäftsführer, Horst Amann, bis zum August Zeit gegeben, sich einen Überblick zu verschaffen. Kritiker stellen aber schon jetzt den neuen Eröffnungstermin infrage. Einer von ihnen ist Dieter Faulenbach da Costa, seit 18 Jahren mit der Planung von Großflughäfen beschäftigt.

Er arbeitete an mehr als 40 Neubauprojekten mit. Als Manager bei Hochtief war er auch an der Ausschreibung für den Bau des BER-Terminals beteiligt. Jens Anker sprach mit Faulenbach da Costa über die Schwierigkeiten der Flughafenplanung, den Entscheidungen der Flughafengesellschaft zum Bau des Terminals und darüber, ob die Planungen zu halten sind.

Morgenpost Online: Herr Faulenbach, der neue technische Geschäftsführer, Horst Amann, will sich bis August einen Überblick verschaffen, ob der neue Öffnungstermin für den Großflughafen BER im März gehalten werden kann. Ist das ein realistischer Zeitplan?

Dieter Faulenbach da Costa: Es ist richtig, sich erst einmal einen Überblick zu verschaffen. Ich kenne Herrn Amann seit zwölf Jahren. In dieser Zeit ist er aber weder durch Termintreue aufgefallen, noch dadurch, dass er die Kosten gehalten hat. Aber im Gegensatz zu Berlin hat Frankfurt offenbar das Geld, diese Kostensteigerungen zu bezahlen.

Morgenpost Online: Was meinen Sie genau?

Dieter Faulenbach da Costa: Er hat eine Milliarde Euro schon vor Baubeginn in den Sand gesetzt, unter anderem, weil sie die Verlegung einer Chemiefirma nicht berücksichtigt hatten. Das allein hat zu 670 Millionen Euro Mehrkosten geführt. Außerdem wollte Herr Amann den Planfeststellungsantrag in sechs Monaten erledigen. Gedauert hat es am Ende mehr als vier Jahre. Die neue Landebahn und Terminal 3 sollten zur Weltmeisterschaft 2006 fertig sein, tatsächlich war die Bahn erst 2011 fertig. Und die Inbetriebnahme des neuen Terminals 3 ist noch nicht absehbar.

Morgenpost Online: Heißt das, Sie sind skeptisch, dass der Neue der richtige Mann für Berlin ist?

Dieter Faulenbach da Costa: Meiner Einschätzung nach hat er sich nach zwölf Jahren in Frankfurt in das Thema eingearbeitet. Aber er ist eher ein Mann für die Überwachung der Arbeit und den Bau einer Landebahn. In Berlin liegen die Probleme aber beim Terminal. Da habe ich meine Zweifel. Aber vielleicht überzeugt er mich ja eines Besseren.

Morgenpost Online: Sie sprechen das Terminal an. Sind die Schwierigkeiten aus Ihrer Sicht in den Griff zu bekommen?

Dieter Faulenbach da Costa: Das Problem ist doch, dass der Flughafen zu klein, zu spät und zu teuer geplant wurde. Der Anbau eines Satelliten, um mehr Passagiere durchschleusen zu können, verschärft das Problem nur, er löst es nicht. Wenn der Flughafen eröffnet, hat er zu wenig Kapazitäten. Allein die heutigen Passagierzahlen kriegen Sie da nur zu unterirdischen Standards durchgeschleust.

Morgenpost Online: Gibt es dafür überhaupt eine realistische Lösung?

Dieter Faulenbach da Costa: Man muss die Arkaden auf der Landseite abreißen, das Terminal ausbauen und den Check-in-Bereich und die Gepäckausgabe deutlich erweitern. Bei Inbetriebnahme eines Flughafens müssen sie die Passagierzahlen der nächsten zehn Jahre ohne weitere Ausbauten bewältigen können. Mit dem, was nun da steht, ist das nicht möglich. Dieses Terminal kommt fünf Jahre verspätet. Notwendige Erweiterungen brauchen etwa fünf Jahre. Deshalb müssen die Verkehrszahlen der kommenden 15 Jahren bewältigen werden können. Zusätzlich müssen die Flugbetriebsflächen dramatisch erweitert werden. Dafür und für die Terminalerweiterung muss man insgesamt mit 1,5 Milliarden Euro Mehrkosten rechnen.

Morgenpost Online: Aber ist der Märztermin vor dem geschilderten Hintergrund realistisch?

Dieter Faulenbach da Costa: Ich sehe den Märztermin äußerst kritisch. Eile kann zu bösen Überraschungen bei Inbetriebnahme und im laufenden Betrieb führen. Man sollte lieber ordentliche Inbetriebnahmeszenarien proben, statt auf den Termin fixiert zu sein.

Morgenpost Online: Was kann der Aufsichtsrat unternehmen, damit es klappt?

Dieter Faulenbach da Costa: Für einen Aufsichtsrat ist es immer schwierig zu kontrollieren. Auch wenn er mit Fachleuten besetzt wäre, ist noch nicht gesagt, dass die die Probleme richtig erkannt hätten. Es ist gut, wenn Fachleute dabei sind, trotzdem bleibt es eine schwierige Aufgabe. Als Aufsichtsrat muss man der Geschäftsführung vertrauen, wenn nicht, muss man sie rausschmeißen.

Morgenpost Online: Welche Fehler sind dem Aufsichtsrat vorzuwerfen?

Dieter Faulenbach da Costa: Die Fehler sind vor fünf oder sechs Jahren gemacht worden, als der Wechsel vom Generalunternehmer zu Einzelunternehmern stattfand. Da hätte man fragen müssen, ob das alles noch so klappt wie geplant und ob die Kosten tatsächlich einzuhalten sind. Außerdem hätte man schon damals eine unabhängige Projektsteuerung einführen müssen. Mittlerweile gibt es auch Beratungsfirmen, die darauf achten, dass es nicht zu Nachforderungen der beteiligten Baufirmen kommt. So etwas wurde in Berlin auch nicht installiert.

Morgenpost Online: Würden Sie am geplanten Märztermin festhalten?

Dieter Faulenbach da Costa: Das wäre nur mit großen Risiken machbar. Und man muss mit chaotischen Zuständen rechnen, weil Passagieraufkommen und Flugverkehr nicht ordentlich abgewickelt werden können. Das bedeutet viel Frustrationen und Kosten.

Morgenpost Online: Was also raten Sie?

Dieter Faulenbach da Costa: Man muss zuerst das Terminal fertigstellen und sich dann ausreichend Zeit lassen zu prüfen, ob alle anderen Elemente im Zusammenspiel miteinander funktionieren, ob der Brandschutz in Ordnung ist und die Passagierabfertigung in hoher Servicequalität klappt. Mann muss die vorhandenen Schwachstellen analysieren und dann in Ruhe beseitigen.

Morgenpost Online: Ist Berlin ein Sonderfall, oder gibt es bei allen derartigen Flughafenbauten solche Probleme?

Dieter Faulenbach da Costa: Probleme mit der Gepäckförderanlage und bei Großprojekten gibt es eigentlich immer. Das Besondere in Berlin ist, dass schon 2005 erkennbar war, dass das geplante Terminal zu klein ist und trotzdem weitergebaut wurde, ohne auf die Passagierzahlen zu achten. Es wurde nicht geprüft, ob für die richtige Kapazität gebaut wird. Flughafenchef Rainer Schwarz spricht immer davon, dass es einen Wachstumsschub für den Flughafen gibt, wenn er denn eröffnet. Den wird es aber nicht geben können, weil er zu klein ist. Das ist der Skandal.

Die Pannenserie des Berliner Flughafens

Dezember 1991: Gründung der Berlin Brandenburg Flughafen Holding (BBF). Gesellschafter sind die Länder Berlin und Brandenburg.

Januar 1992: Beginn der Planungen für den Flughafen mit dem Projektnamen Berlin Brandenburg International, BBI.

Juni 1996: Die Gesellschafter entscheiden sich für den Ausbau des Flughafens Schönefeld und die Schließung der Flughäfen Tegel und Tempelhof.

August 2004: Zum Abschluss des Genehmigungsverfahrens gibt der Planfeststellungsbeschluss grünes Licht: Der BBI darf unter Auflagen gebaut werden. Im Oktober reichen tausende Gegner beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig Klagen ein.

April 2005: Das Gericht gibt Eilanträgen mehrerer Anwohner statt und verhängt einen weitgehenden Baustopp bis zu seiner endgültigen Entscheidung. Zulässig sind nur Bauvorbereitungen.

März 2006: Das Gericht genehmigt in letzter Instanz den Bau des BBI unter verschärften Lärmschutzauflagen.

Juli 2008: Erster Spatenstich für das Flughafen-Terminal.

Oktober 2008: Nach 85 Jahren schließt der Flughafen Tempelhof.

Oktober 2009: Das Brandenburger Verkehrsministerium erlässt eine neue Nachtflugregelung: Keine Starts und Landungen von Mitternacht bis 5.00 Uhr, Ausnahme Post- und Regierungsmaschinen, Notfälle. In den Randzeiten davor und danach ist die Zahl begrenzt.

Juni 2010: Wegen der Pleite einer Planungsfirma und verschärften Sicherheitsbestimmungen wird die für November 2011 geplante Eröffnung des Flughafens auf den 3. Juni 2012 verschoben.

September 2010: Die Deutsche Flugsicherung legt einen ersten Flugrouten-Vorschlag vor. Tausende Betroffene gehen dagegen auf die Straße. Es gibt neue Klagen gegen den Planfeststellungsbeschluss.

Oktober 2011: Das Bundesverwaltungsgericht gibt grünes Licht für nächtliche Flüge in den Randzeiten. Der Airport kann ohne weitere Einschränkungen an den Start gehen.

Januar 2012: Das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung legt die Flugrouten fest und folgt im wesentlichen einem Vorschlag der Fluglärmkommission aus Gemeinde- und Airline-Vertretern. Am Müggelsee geht der Protest weiter. Initiativen kündigen weitere Klagen an.

Mai 2012: Vier Wochen vor dem Termin wird wegen Problemen die Eröffnung des Flughafens wieder abgesagt. In der darauffolgenden Woche verschiebt der Aufsichtsrat die Eröffnung auf den 17. März 2013. Chef-Planer Manfred Körtgen wird entlassen.

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