Probebetrieb
Berlins neuer Flughafen BER probt den Ernstfall
Um böse Überraschungen zu vermeiden, wird am neuen Flughafen BER mehrfach der Ernstfall simuliert - sogar mit Flugzeugentführung.
Für einen Flughafen, der noch nicht eröffnet ist, hat der neue Hauptstadt-Airport BER schon einiges erlebt. Tausende Menschen haben ihre Gepäckwagen durch das Terminal gerollt, ihren Sitzplatz umgebucht, die Mitarbeiter am Check-in angefaucht und anstelle des Standardmenüs ein vegetarisches Gericht als Essen an Bord bestellt. Sie haben ihr Handgepäck durchleuchten, ihre Hosenbeine abtasten lassen. Einige wollten Messer an den Kontrolleuren vorbei schleusen und wurden ertappt. Koffer gingen verloren und wurden wieder gefunden.
Nichts Außergewöhnliches für einen Flughafen, der jährlich 27 Millionen Passagiere in die Welt hinaus befördern oder empfangen soll. Doch bislang ist das alles nur ein Test. Ausgedacht hat ihn sich das Team von Roland Böhm, Leiter Projekte Aviation am BER. Roland Böhm ist zuständig für die Organisation des Probebetriebs.
An insgesamt 47 Tagen sollen die Mitarbeiter den Flugbetrieb am BER üben, bevor am Morgen des 3. Juni der erste richtige Passagier eincheckt. Unterstützt werden sie dabei von insgesamt zehntausenden Komparsen, die freiwillig für einen Tag Passagier spielen.
Anforderungen erhöht
Mehr als die Hälfte der Testtage sind bereits vorüber. "Die Mitarbeiter haben eine gute Routine für die Arbeit in der neuen Umgebung entwickelt", sagt Roland Böhm. "Allerdings erhöhen wir die Anforderungen schrittweise, so dass es bis zum Schluss etwas Neues zu lernen gibt." Während es anfangs nur darum ging, den normalen Flugbetrieb nachzuspielen, werden nun immer mehr Hürden eingebaut. Dafür erhalten die Komparsen sogenannte Ereigniskarten, auf denen steht, wie sie sich verhalten sollen. 450 Stück gibt es davon.
Zu den einfachen Aufgaben gehört es, den Flug umbuchen zu lassen oder die Bordkarte zu verlieren. Schwieriger wird es, wenn Passagiere dringend benötigte Medikamente im Koffer vergessen haben und der aus den Tiefen der Förderanlage oder gar dem Flugzeug selbst wieder geholt werden muss. Im April soll zudem das Terminal probeweise evakuiert werden. Sogar eine nachgestellte Flugzeugentführung ist noch geplant.
Chaos wie in Heathrow vermeiden
Mit Standardfällen können die Angestellten längst gut umgehen. Das sind sie schließlich auch von ihrem bisherigen Arbeitsplatz in Tegel und Schönefeld gewohnt. "Schwierig wird es, wenn wir erst einmal nicht wissen, warum etwas schief gegangen ist", sagt Roland Böhm.
Vor allem die Technik fordert Böhm und sein Team immer wieder neu heraus. So stimmte neulich ohne ersichtlichen Grund das Datum auf den Aufklebern nicht, mit denen die Koffer an den Bestimmungsort versandt werden. Vermutlich lag es an der großen Datenmenge, die durch den Probebetrieb entstanden ist. die kommt aber an einem normalen Flugtag nicht vor. Bis jetzt haben die Techniker noch jeden Fehler schnell beheben können.
Denn in Berlin will man auf alle Fälle ein Chaos vermeiden, wie es bei der Eröffnung eines neuen Terminals am Großflughafen Heathrow 2008 entstanden ist. Dabei gingen Tausende Koffer verloren oder wurden nicht abgefertigt. Mehr als 200 Flüge wurden gestrichen, bis der Betrieb im neuen Terminal rund lief. "Wir haben uns den Fall Heathrow genau angesehen", sagt Roland Böhm. "Dabei haben viele kleine Fehler, von denen jeder für sich allein nicht schlimm war, zusammen eine große Wirkung entfaltet."
300.000 Gepäckstücke im Probebetrieb
So haben die Mitarbeiter in Heathrow bei der Vorbereitung zwar Koffer über das Gepäckband laufen lassen, doch diese waren leer. Als dann am ersten Flugtag Passagiere ihr beladenes Reisegepäck aufgaben, stellten die Mitarbeiter Erstaunliches fest. Sie kamen mit den Transportwagen nicht über manche Rampen, da sie zu schwer waren. Einige Koffer mussten abgeladen werden und mehr Fahrten wurden nötig, was den Betrieb verzögerte. Dazu kam, dass die Zugangsausweise mancher Angestellten nicht gleich funktionierten. Sie kamen daher zu spät an ihren Arbeitsplatz.
An solche Dinge haben Roland Böhm und sein Team gedacht. 300.000 Gepäckstücke werden im Laufe des Probebetriebs von der Förderanlage sortiert – und natürlich sind sie beladen. Bis zu 15.000 Mitarbeiter aus allen Sparten, vom Bodenverkehrsdienst bis hin zu den Sicherheitsbeamten nehmen am Probebetrieb teil. Jeder Mitarbeiter soll mindestens einmal am neuen Flughafen gewesen sein.
Trotz all der Vorbereitungen warnt Roland Böhm vor übertriebenen Erwartungen an den BER: "Irgendetwas wird schief gehen. Das lässt sich gar nicht vermeiden." Böhm und sein Team setzen daher alles daran, sich auf jeden erdenklichen Fehler einzustellen. "Wichtig ist, dass wir so schnell wie möglich herausfinden, was die Ursache des Fehlers ist und dann richtig reagieren, um ihn zu beheben."
27 Millionen Passagiere für Jahr
Aus dem Grund hat sich der BER erfahrene Profis als Berater geholt. 1992 zog der Flughafen München Riem um in das Erdinger Moos im Nordosten der Stadt. Zwar lag das Passagieraufkommen in München Riem mit rund elf Millionen Fluggästen pro Jahr damals noch deutlich unter der Kapazität des neuen Hauptstadtairports. Vom BER sollen künftig 27 Millionen Passagiere jährlich abheben oder dort landen. Zudem müssen in Berlin mit Tegel und Schönefeld zwei Flughäfen zu einem einzigen fusionieren, was den Umzug zusätzlich erschwert.
Oft geht es dabei nur um Kleinigkeiten, die aber zusätzliche Arbeit bedeuten. So brauchen die Vorfeldfahrzeuge für die Umzugsnacht extra eine Straßenverkehrszulassung, die für ihren eigentlichen Einsatz auf dem Rollfeld nicht nötig ist. Nun liegt der Flughafen Tegel auf dem Stadtgebiet Berlin und der Flughafen Schönefeld ebenfalls wie der BER im Bundesland Brandenburg. "Die Ämter waren sich daher erst einmal nicht einig, wer die Zulassung ausstellen soll", sagt Böhm.
Abschleppwagen bestellt
Doch das ist nichts, was ihn länger beschäftigt. Längst denkt Böhm an die Umzugsnacht selbst, und was bei der Fahrt der Umzugslastwagen passieren kann. Den Lkws wurde ein minutengenaues Zeitfenster zugewiesen, während dem sie ihre Fracht aufnehmen sollen. Dann geht es von Tegel aus über die Autobahn 35 Kilometer weiter an den BER.
Sollte dabei ein Teil verloren gehen oder ein Ast auf der Straße liegen, hat Roland Böhm auch hier vorgesorgt. Er hat ein Abschleppunternehmen beauftragt, das sich allein für solche Fälle bereit hält. Falls das Team die ganze Nacht nichts zu tun haben wird, spielt das keine Rolle. Aber sie sind da und können einspringen, wenn es nötig wird.
Mehr Informationen zum Flughafen Berlin Brandenburg gibt es in unserem Schwerpunkt zum Flughafen BER.


















