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11.02.12

Mamas & Papas

Das Märchen von der kindlichen Neugier

An deutschen Schulen regiert der Kitsch. "Kindliche Neugier" - bei diesem Schlagwort kriegen moderne Pädagogen feuchte Augen vor Rührung: Die lieben Kleinen, sie wollen von Natur aus lernen, lernen, lernen.

Als seien sie der Sesamstraße entsprungen. "Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm." Referate, Projekte, Freiarbeit - von Beginn an wird auf Eigeninitiative der Schüler gesetzt. Frontalunterricht ist ein "Bäh"-Wort. Da wird ja nur eingetrichtert.

Neulich rief eine Freundin an, ihr Sohn geht in die fünfte Klasse, ein netter Kerl. In drei Tagen, klagte sie, müsse ihr Leon ein selbstgebasteltes Plakat über altägyptische Gottheiten in der Schule vorlegen, das wisse er seit vier Wochen. Leider habe er noch nichts dafür getan. Sie erfuhr nur durch einen Anruf einer anderen Mutter, wie dringlich die Aufgabe ist. Als sie ihren Sohn zur Rede stellte, kamen lahme Ausreden. Das entscheidende Buch in der Schulbibliothek sei ausgeliehen, die Pappe für das Plakat verlegt, der Internetzugang versperrt.

"Hmm", sagte ich, "das alte Ägypten ist doch eigentlich ein interessantes Thema."

"Findet Leon nicht", sagte meine Freundin.

"Vielleicht kann er die Gottheiten zeichnen."

"Er zeichnet nicht gern", antwortete meine Freundin.

"Und was macht ihm Spaß?", fragte ich.

"Er geht gern in die Schule und lässt sich berieseln. Das findet er toll - vorne spricht der Lehrer, und er hört zu. Ganz einfach."

Und schon kollabiert die süßliche Illusion vom unersättlichen kindlichen Bildungshunger. Die Wahrheit ist: Manche Kinder sind für den Frontalunterricht geboren. Nicht jedes Kind arbeitet sich emsig wie eine Wühlmaus in die Geschichte des alten Ägyptens ein. Natürlich, es gibt Neunjährige, die lesen atemlos die Sagen des klassischen Altertums, aber viel mehr schlafen nach einer halben Seite ein.

Plötzlich erinnerte ich mich an die 1. Klasse unserer Tochter. In Freiarbeit sollten sich die Kinder selbst die Buchstaben erarbeiten - in 26 bunten Fächern lagen Blätter von A bis Z. Drei Wochen vor den Sommerferien kam unsere Tochter mit hektischen Flecken im Gesicht heim. Ihre Lehrerin hatte auf einmal gemerkt, dass sie bislang nur die Hälfte der Buchstaben geschafft hatte. Im Eiltempo wurden daheim die fehlenden dreizehn Buchstaben nachgeholt - und zwar mit einem schlichten, aber effektiven Frontalunterricht am Küchentisch. "Keine Widerrede, so wird es gemacht und nicht anders." Punkt.

Bis heute weiß niemand genau, womit unsere Tochter sich vorher wochenlang in der Schule beschäftigt hatte. Offensichtlich nicht mit dem Alphabet. Ihre Neugier darauf hielt sich in ganz normalen, gesunden kindlichen Grenzen: Alles andere war wohl spannender gewesen.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher

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