Ratgeber
Verliert unsere Tochter die Bindung zu uns?
Dienstag, 27. April 2010 01:49Wir sind völlig verzweifelt, weil das Jugendamt unsere 4 Monate alte Tochter Leonie in eine Pflegefamilie gegeben hat! Wir hatten durch eine psychische Krise meiner Frau um Hilfe gefragt und nun das! Wir machen uns große Sorgen, denn man hört doch so viel darüber, wie schnell kleine Kinder die Bindung zu den Eltern verlieren. Jens G. aus Mitte
Nichts geht schnell bei Bindung. Im Verlauf des ersten Lebensjahrs entwickelt aber jeder kleine Mensch eine ganz bestimmte Art und Weise, sich zu binden. Dabei geht es nicht, wie viele fälschlich meinen, um "viel" oder "wenig" Bindung, sondern in der Hauptsache um die Qualität. Viele wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Bindungsqualität nicht (nur) von der zeitlichen Intensität abhängt. Natürlich kann ich Ihre Sorgen verstehen und die sind auch berechtigt: allerdings aus einem anderen Grund. Aus der Sicht des Kindeswohls ist die Frage nach den Ursachen der Krise entscheidend. Das kann sehr schmerzhaft sein, aber ich wünsche Ihnen und Leonie, dass Sie Ihre Verpflichtung dem Kindeswohl gegenüber aushalten können, auch wenn dies Ihren Elterngefühlen zu widersprechen scheint. Es wird Ihnen schwerfallen, meinen Rat, mit dem Jugendamt zusammen zu arbeiten als eine Stärkung Ihrer Interessen zu sehen. Ihre Gefühle der Ohnmacht können Sie aber einer angemessenen Elternrolle und dem Kindeswohl näherbringen. Aus psychologischer Sicht ist Leonie in dem bindungssicheren Milieu einer Pflegefamilie nämlich zunächst gut versorgt und sie kann die Bindung an die leiblichen Eltern gar nicht verlieren! Die Frage ist nur, ob es eine "gute" Bindung wird: dazu ist Ihre friedliche Kooperation unabdingbar und diese schwere (psychische) Arbeit wird zum Erfolg haben, dass Leonie wie viele andere Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen eine Zeit lang nicht bei ihren Eltern leben können, ein gesundes Bindungsmuster entwickelt, dass sie hoffentlich bald wieder an Sie als ihre Eltern ausrichten kann.
Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie- Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg
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