Humanitäre Hilfe

Der Himmels-Botschafter

Er ist ein Idol: Gail S. Halvorsen, der US-Pilot, der während der Luftbrücke Süßes auf Kinder regnen ließ. Jetzt war der 96-Jährige in Berlin

Gefeiert: Gail S. Halvorsen mit Schülern der Gail S. Halvorsen Schule und einem historischen Care-Paket auf dem Dach des Deutschen Technikmuseums

Gefeiert: Gail S. Halvorsen mit Schülern der Gail S. Halvorsen Schule und einem historischen Care-Paket auf dem Dach des Deutschen Technikmuseums

Foto: Amin Akhtar

Ein sonniger Morgen Ende November, mitten im beschaulichen Dahlem. Anwohner fegen Blätter von den Gehwegen, in der Bäckerei decken sich Schüler mit Brötchen für die Frühstückspause ein. Vor der Gail S. Halvorsen Schule hat sich eine Menschentraube versammelt. Als der schwarze, voll besetzte Kleinbus in die Straße Am Gehege einbiegt, kommt Bewegung in die festlich gekleidete Menge. Applaus brandet auf, Schüler winken mit bunten Blumensträußen, Fotografen heben ihre Kameras.

Dann öffnet sich die Beifahrertür. Es dauert einen Moment, bis der ungeduldig erwartete Gast aussteigt. 96 Jahre ist er alt, die Beine sind nicht mehr so beweglich wie der Geist. Doch sein Lächeln ist frisch, sein Elan ungebrochen. Strahlend ergreift Gail S. Halvorsen die Hände, die sich ihm entgegen strecken, und posiert für die wartenden Fotografen. Es ist ein Empfang, den sonst nur Popstars erwarten können.

Gail S. Halvorsen, der Gast aus Utah, USA, ist Namensgeber der Sekundarschule und weltweit bekannt geworden als der Mann, der während der Luftbrücke im besetzten Berlin als erster aus seinem Flugzeug Süßigkeiten auf Kinder am Flughafen Tempelhof regnen ließ. Die Aktion brachte den Fliegern den Namen "Rosinenbomber" ein. Fast 70 Jahre ist das her. Doch das Andenken an die Geste der Mitmenschlichkeit und Freundschaft ist lebendig, der ehemalige Pilot der US-Luftwaffe auch für die Menschen im heutigen Berlin ein bewunderter Mann.

Der Termin in der Schule ist schon sein zweiter an diesem Morgen. Gail S. Halvorsen kommt direkt aus dem Berliner Abgeordnetenhaus, wo ihn die Lokalpolitiker mit Standing Ovations gefeiert haben. Am Abend wird er Ehrengast im Technikmuseum in Kreuzberg sein, wo die Hilfsorganisation Care das 70. Jubiläum des Care-Pakets feiert. Doch das Treffen mit den Schülerinnen und Schülern "seiner" Schule, so wird Gail S. Halvorsen später in der Turnhalle in Dahlem sagen, ist ihm am wichtigsten. Denn er hat eine Botschaft an die jungen Menschen mitgebracht. Und er möchte "Danke" sagen. "Junge Leute wie ihr habt mein Leben verändert", wird er sagen. "Ihr habt mir gezeigt, was Freiheit ist."

Auch heute brauchen Menschen Hilfspakete

Die Erinnerung an die Zeit der Berlin-Blockade zwischen Juni 1948 und Mai 1949, in der die Bewohner der Stadt über die Luftbrücke tonnenweise mit überlebensnotwendigen Gütern und sorgsam gepackten Hilfspaketen versorgt wurden, kommt im passenden Moment. Die Vorweihnachtszeit ist die Zeit, in der die Menschen Geschenke für ihre Familienangehörigen und Freunde aussuchen, um ihnen eine Freude zu machen. Und in der auch heute wieder Pakete geschnürt werden, um das Leid von Hilfsbedürftigen in aller Welt zu mildern – sei es das von Obdachlosen in der Nachbarschaft, von Hungernden in Entwicklungsländern oder von Millionen Kriegsflüchtlingen.

Die Initiative "Care-Paket" ist so aktuell wie 1945, als die Organisation Care in den USA gegründet wurde. Sie lieferte nach dem Zweiten Weltkrieg über 100 Millionen Care-Pakete nach Europa, davon allein zehn Millionen nach Deutschland und drei Millionen nach Berlin. 200.000 kamen über die Luftbrücke in die Hauptstadt.

Heute ist Care in 90 Ländern tätig. Insbesondere Frauen und Mädchen werden unterstützt. Das Andenken an die Care-Pakete aus der Anfangszeit wird hochgehalten: in Form von "Weihnachtspaketen" und "Bildungspaketen", für die zu spenden Care aufruft. Eine gute Idee: Kaum eine Spendenaktion ist schließlich so bekannt und symbolträchtig wie die mit den Care-Paketen. Und kaum eine transportiert so gut das Konzept des uneigennützigen Helfens unabhängig von politischer Anschauung, Religion oder ethnischer Herkunft – halfen doch die Amerikaner mit ihren Care-Paketen den Menschen in eben jenem Land, das Krieg und Zerstörung erst hervorgebracht hatte.

Botschafter für Mitmenschlichkeit

Und kaum einer ist ein so guter Botschafter für diese Idee wie Gail S. Halvorsen, der Luftbrückenpilot von einst. Die Erzählungen dieses Zeitzeugen können mehr bewegen als historische Fotos oder Berichte, wie die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler bei seinem Besuch der Dahlemer Schule zeigen.

Durch ein Spalier aus Kindern und Jugendlichen arbeitet sich Gail S. Halvorsen in das Schulgebäude vor, das seit drei Jahren seinen Namen trägt. Einige Schülerinnen und Schüler tragen ihm zu Ehren Stewardessen- und Piloten-Kostüme. An den Hütchen der "Stewardessen" prangen Hungerharken,

Nachbildungen des Berliner Luftbrückendenkmals aus Filz in leuchtendem Orange.

Auch die Turnhalle im Souterrain, in der die gesamte Schüler- und Lehrerschaft auf den Ehrengast wartet, ist geschmückt. "Welcome Mr. Halvorsen" steht in großen hellblauen Lettern auf dem Basketballkorb und an der Wand. Die US- und die deutsche Flagge rahmen die lange Tafel ein, an der sich der Besuch aus den USA nun niederlässt. Alle, die gekommen sind, erwarten vor allem eines: dass Gail S. Halvorsen noch einmal persönlich die Geschichte erzählt, mit der er vor fast 70 Jahren Geschichte geschrieben hat.

"Du bringst uns Hoffnung"

Es war bei einem seiner Versorgungsflüge ins zerbombte Berlin, als der junge Luftwaffenpilot Gail S. Halvorsen am Rand des Flughafens Tempelhof Filmaufnahmen von den im Minutentakt eintreffenden Fliegern und den zerstörten Häusern machen wollte. Auf der anderen Seite des Zauns bemerkte er eine Gruppe von Kindern, die ihm neugierig Fragen stellten. Nach dem Gespräch wollte er den Kindern etwas schenken, doch er hatte nicht mehr dabei als zwei Streifen Kaugummi, die er in vier Stücke teilte und durch den Zaun reichte.

Etwa 30 Kinder seien es gewesen, erzählt er, doch es habe kein Gedrängel und Gebettel gegeben. Wer nichts abbekommen habe, habe an dem Kaugummipapier geschnuppert und es weitergereicht. "Die Kinder sagten zu mir: ,Wichtiger noch als das Essen ist die Hoffnung, die du zu uns bringst'", erinnert sich Gail S. Halvorsen. Zutiefst berührt habe er den Kindern versprochen, am nächsten Tag mehr Süßigkeiten zu bringen.

Und so kam es, dass Halvorsen bei seinen Fliegerkollegen Schokoriegel, Kaugummi und Bonbons einsammelte, sie in Päckchen verschnürte, an Fallschirmen aus Taschentüchern befestigte und die süße Fracht beim nächsten Landeanflug auf Tempelhof durch einen Notfall-Abwurfschacht seiner C-54 vom Himmel purzeln ließ. Durch das Wackeln mit den Tragflächen der Maschine zeigte er den Kindern sein Kommen an.

Eine kleine Freude für Tausende Kinder

Die Geschichte sprach sich herum und in den kommenden Wochen kamen immer mehr Kinder zum Flughafen oder schrieben Briefe, in denen sie Kontakt zum "Onkel Wackelflügel" suchten. Der Kommandant der Luftbrücke erfuhr so von Halvorsens heimlicher Initiative. Statt einer – durchaus möglichen – Abmahnung erhielten Halvorsen und seine Kameraden die Erlaubnis zum Weitermachen. 23 Tonnen Süßigkeiten wurden auf diese Weise von den "Rosinenbombern" in den 14 Monaten bis zum Ende der Luftbrücke abgeworfen und Tausenden Kindern in Notzeiten eine kleine Freude gemacht.

Gebannt lauschen die etwa 500 Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, darunter auch zwei von Halvorsens längst erwachsenen Töchtern, der Erzählung. Auch wenn sie die Geschichte kennen – sie hat nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt. Und Halvorsens mitreißender, typisch amerikanischer Enthusiasmus verleiht der Schulturnhalle einen seltenen Glanz.

Mit breitem Lächeln und lebhaften Gesten betont der 96-Jährige, welch große Ehre es für ihn sei, in der Schule zu Gast zu sein. Doch er hat auch ein Anliegen. "Jeder von euch hat ein GPS in sich, ein Navigationsgerät, das euch führt und die Richtung zeigt", sagt er. Er wünscht sich von den jungen Leuten, dass sie sich für das Richtige entscheiden und den Mut beweisen, Dinge zum Guten zu ändern. "Öffnet euer Herz, kommt aus euch heraus, seid dankbar und teilt", appelliert er an sie. "Ihr seid mein Spirit in Berlin, repräsentiert mich und seid meine Botschafter!"

Freiheit – Verantwortung – Freundschaft

Man kann nur erahnen, wie viel Kraft den betagten Luftbrücken-Veteran solche Auftritte kosten – aber auch, wie viel Kraft sie ihm spenden. Gemeinsam singt Halvorsen mit der Schulgemeinschaft "We are the World", dann wird er von den Kindern und Jugendlichen umringt, um Autogramme und Selfies gebeten. Auch Schulleiterin Kathrin Röschel und das Lehrerkollegium zeigen sich begeistert. "Freiheit – Verantwortung – Freundschaft": Dieses Leitmotiv hat die Gail S. Halvorsen Schule bei ihrer Namensgebung vor drei Jahren gewählt. "Es ist gar nicht so leicht, die Gedanken und Gefühle dieses Mottos in die Schule zu transportieren", sagt Gisela Hilbert-Irmer, Lehrerin für Kunst und Darstellendes Spiel. Sie ist überzeugt: "Das hier war der Durchbruch."

Auch im Alltag versucht die Schule, die Erinnerung an die kompromisslose Geste der Mitmenschlichkeit wachzuhalten, die die Aktionen von Gail S. Halvorsen und den Initiatoren der Care-Pakete darstellen. "Unsere Siebtklässler bekommen zur Einschulung in unsere Schule traditionell ein Mini-Care-Paket mit Dingen, die man in der Oberschule so braucht", erzählt Schulleiterin Kathrin Röschel. "Sie werden von den Achtklässlern für die ,Neuen' gepackt." Außerdem wurde kürzlich für die Hilfsorganisation Care in der Schule ein Büro eingerichtet – als Basis für gemeinsame Aktionen.

Er ist für sie der Ersatzvater

Auch Zeitzeugen aus Berlin haben sich als Ansprechpartner für die Schulgemeinschaft angeboten. Etwa Mercedes Wild, die ebenfalls zu Halvorsens Empfang in die Schule gekommen ist. Sie war eines von den Luftbrückenkindern, die 1948 "Onkel Wackelflügel" einen Brief mit der Bitte um Süßigkeiten schickten. "Ich wünschte mir Schokolade – am besten direkt in unseren Garten in Friedenau", erzählt sie lächelnd. Ihr Wunsch nach Süßem wurde erfüllt. 1972 traf sie, mittlerweile erwachsen, den Spender persönlich bei einem Festakt in Tempelhof und es entstand eine enge Freundschaft zwischen ihrer Familie und der von Gail S. Halvorsen, der fünf Kinder und mittlerweile 24 Enkel und 30 Urenkel hat. "Für mich ist Gail mein Schokoladenonkel, mein Ersatzvater", sagt sie und umarmt ihn liebevoll. "Er hat mir damals gezeigt: Da ist einer, der sich um uns Berliner sorgt."

Gail S. Halvorsen war von 1970 an vier Jahre lang Kommandant von Berlin-Tempelhof. Er wohnte in Dahlem, zwei seiner Kinder besuchten die Schule, die heute seinen Namen trägt. 1974 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Trotz seines hohen Alters kommt er immer noch regelmäßig nach Berlin und Frankfurt/Main, wo er ebenfalls noch viele Freunde hat.

Sein hohes Ansehen zeigt sich auch am Abend dieses Novembertags, als Halvorsen die Jubiläumsveranstaltung der Hilfsorganisation Care im Deutschen Technikmuseum besucht. Viele prominente Redner sind da, darunter Bundestagspräsidentin a. D. Rita Süssmuth und Bärbel Kofler, Beauftragte für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe der Bundesregierung.

Die Hilfe wird weitergetragen

Hilfe, die sich nur an den Bedürfnissen der Menschen messe: "Dieser Gedanke, den die Care-Pakete in die Welt getragen haben, muss heute in der humanitären Hilfe weitergeführt werden", sagt Bärbel Kofler. Care versucht dies in vielen Projekten weltweit, seit kurzem auch in Deutschland. Seit Herbst bietet die Organisation im Rahmen ihrer Flüchtlingsarbeit unter dem Label "KIWI - Kinder und Jugendliche willkommen" Lehrerfortbildungen und Projektförderung an Schulen an. Unter den Unterstützern von Care sind viele ehemalige Empfänger von Care-Paketen

Den größten Applaus unter den Rednern bekommt allerdings Gail S. Halvorsen. Noch einmal erzählt er seine Geschichte und wie Berlin zu seiner "zweiten Heimat" wurde. Und wieder einmal wird er gefragt, warum es ihm leicht fiel, Menschen zu helfen, die große Schuld auf sich geladen hatten. "Ich kann unterscheiden zwischen dem Individuum und einem gescheiterten System", erklärt er schlicht. Zudem sei er erschüttert gewesen beim Blick von oben auf die zerstörte Stadt. ",Wie können 2,5 Millionen Menschen so leben?', habe ich mich gefragt."

Die Luftbrücke, sagt der ehemalige Pilot, habe sein Leben sehr verändert. Und man ahnt: Gail S. Halvorsen hofft, dass seine Besuche helfen, den Blick vieler Menschen auf das Leben zu verändern. Vielleicht sogar ihr Leben.

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