Mütter
Die Wahrheit über mein Familienleben
Eine Mutter weiß über alles Bescheid und kann alles besser? Gezwungenermaßen, findet unsere Autorin, die vierfache Mutter ist
Von Gerlinde Unverzagt
Jäh wird die Tür aufgerissen, hinter der ich mich verschanzt habe, um mal wieder Spaß mit meiner Arbeit zu haben, wie meine Kinder behaupten. Ich würde eher sagen, um einen klitzekleinen Artikel zu Ende zu schreiben, der nicht nur schon vorgestern hätte fertig sein sollen, sondern auch dringend ein paar Euros auf das leere Konto spülen muss.
Allerdings sträubt sich der Text seit zwei Tagen gewaltig dagegen, in einer halbwegs passablen Schlusspointe zu enden. Mir fällt nämlich nichts ein und wenn mir doch etwas einfällt, werde ich unterbrochen - mit einer Frage beschossen, von einem Wunsch bombardiert, zu einer Aktivität genötigt. Das kommt wahrscheinlich daher, dass ich über alles Bescheid weiß und alles besser kann - gezwungenermaßen. Einer muss ja die Welt zusammenhalten!
Wie die Laborratte ihren Forscher dressiert, haben sie mich darauf abgerichtet, dass ich über den Aufenthaltsort von Gegenständen lückenlos Bescheid weiß, Schäden kenntnisreich behebe und das Wetter genau vorhersagen kann. Ich weiß immer, wo der verschollene Turnbeutel steckt, wie man eine zerbrochene ICE-Lock repariert, wo man an Feiertagen AAA-Batterien auftreiben kann und wie man Kaugummi aus der Lieblingsjeans herauskriegt. Notgedrungen habe ich mich mit den Jahren in eine effiziente Suchmaschine verwandelt und als Mama Google auf Zuruf Informationshäppchen serviert, Vokabeln geliefert und die Welt erklärt. Das habe ich jetzt davon.
Eben noch hatte ich beinahe eine Idee, jetzt ist sie weg. "Mama, kann ich...?", ruft mein Jüngster und ignoriert mein wütendes Schnaufen. Kann ich denn nicht einmal in Ruhe arbeiten, will ich ihn schon anschnauzen, da fällt mir etwas Besseres ein. Weil nichts so schlecht ist, dass es nicht für was gut ist, wittere ich meine Chance. Man muss einfach nur zusehen, dass man von den wachsenden Fähigkeiten seiner Kinder angemessen profitiert: Schon beim Putzen war das praktisch, denn mit ihren kleinen Händen kamen sie prima in die Ecken. Braucht ein nervendes Kind nicht einfach nur eine Gelegenheit, sich als nützliches Mitglied der Familie zu beweisen?
Der gefühlte Gin Tonic
"Ja, kannst du", unterbreche ich den Störenfried. "Bitte sei so gut und bring mir einen Gin Tonic!" Er stutzt, besinnt sich auf das, was ich ihm neulich über Gin, Tonic, Temperatur und Mischungsverhältnisse beigebracht habe. Aber vielleicht wittert er auch nur eine Gelegenheit, seine Verhandlungsposition für sein viel größeres Anliegen zu verbessern? Jedenfalls lächelt er mich zuvorkommend an und flötet: "Mit Eis und Zitrone, wie gestern, ja?" Ich nicke müde und denke traurig darüber nach, warum es mir in all den Jahren nicht gelungen ist, meinen Kindern zu vermitteln, dass sie mich am Schreibtisch nicht stören dürfen, weil Ideen scheu sind und mein Geduldsfaden schnell reißt. Ich habe alles versucht. Geschmeichelt, gedroht, verhandelt, gebrüllt, gebettelt. Sie haben ein oder zwei Mal hoch und heilig versprochen, mich eine Stunde lang nicht zu stören, dann aber entweder Petitionen unter der Tür durchgeschoben oder kleine Anfragen mit Kästchen zum Ankreuzen ("ja", "nein", "später noch mal fragen") auf meine Tastatur gelegt. "Darf ich fernsehen?", "Nick hat mich gehauen. Darf ich ihm eine ballern?" oder "Die Jungs machen eine Wasserschlacht. Dürfen die das?" Nichts hat geholfen. Wahrscheinlich bin ich selbst Schuld. Ist doch so: Wenn man eine Mutter ist, ist man Schuld.
Wahrscheinlich habe ich auch irgendetwas falsch gemacht, wenn meine Kinder immer wieder in wilder Wut aufeinander losgehen, weil einer dem anderen Sachen weggenommen hat. Bloß, was? Ich habe mich emsig belesen und gelernt, dass ein kleines Kind seine bewegliche Habe als Teil seiner selbst empfindet. Aber tun das große Kinder immer noch? Davon war in der Literatur nie die Rede. Also dilettiere ich seit gefühlten hundert Jahren: Zuerst habe ich das Streiten bei Strafe untersagt. Erfolg gleich null - so sinnvoll wie mit einem Sieb Wasser zu schöpfen. Ich habe mich aufs Wesentliche konzentriert und die klare Linie in puncto Eigentum jahrelang gepredigt und unbeirrt durchgesetzt: Jedes Kind hat ein Recht auf ganz persönliche Dinge, die allen anderen heilig sein müssen. Jeder Verstoß wird unbarmherzig geahndet. Amen. Basta. Ruhe jetzt. Bei dem Geschrei, das jetzt aus der Küche herübertönt, schwindet meine Hoffnung, dass sich meine eintönige Sprechrolle in diesem Horrorstück endgültig erledigt hat. Es kann immer wieder losgehen.
Womit habe ich das verdient? In unendlicher Geduld versah ich einst Legosteine mit Initialen, zähneknirschend fräste ich Demarkationslinien ins Parkett, markierte Handtuchhalter mit lustigen und charakterlich passenden Plastikschlümpfen als private No-go-area, beschrifte Lieblingsjoghurts und moderiere schmerzfrei stundenlange Debatten, in denen die Eigentümerschaft an einem Stein erörtert wird, der wie ein Fahrradsattel aussieht und den eines der Kinder - welches war es noch gleich? - am Ostseestrand gefunden hat. Anschließend lasse ich den fraglichen Gegenstand heimlich verschwinden, damit nicht alles von vorne losgeht. Wenn ich das hier überstanden habe, bin ich Experte. Dann wird es eine meiner leichtesten Übungen sein, die Regierungen von Nord- und Südkorea zum gemeinsamen Picknick im Grenzgebiet zu überreden. Was aber, wenn ich das nicht überstehe?
Leander reißt mich aus meinen trüben Gedanken und überreicht mir feierlich ein köstlich kühles, schimmerndes Getränk. Traulich wie Engelsglöckchen klirren die Eiswürfel im Glas. Mit dem ersten Schluck spüre ich dankbar die beruhigende Wirkung des Gins in meinen Adern strömen. Alle Spannung weicht aus meinem Nacken und ein zarter Puffer schiebt sich zwischen mich und die Welt. Leander zwinkert mir zu und geht aus dem Zimmer, schließt sogar die Tür! Geht doch! Ich bin total entspannt und fange eine verstört herumhuschende Schlusspointe ein. Bevor ich sie jedoch auf den Bildschirm bannen kann, geht die Tür wieder auf.
Mit todernstem Gesicht steht Leander da und schaut mich an. Seine weit aufgerissenen Augen lassen nichts Gutes ahnen. "Was ist denn jetzt schon wieder los?", frage ich und reiße mich zusammen, während ich im Geist die möglichen Katastrophen durchgehe, die sich in den letzten Minuten ereignet haben könnten. Von Diebstahl über Sachbeschädigung bis Körperverletzung ist alles drin. Er gibt sich einen Ruck und sagt entschlossen: "Mama, ich muss dir was sagen. Ich habe einen Fehler gemacht." Sofort bricht mir der Schweiß aus. "Sag schon, was ist passiert?" "Mama, ich habe den Gin in deinem Gin Tonic vergessen." Hinter ihm im Türrahmen taucht das Gesicht der vierzehnjährigen Charlotte auf. Sie hat offenbar die letzten Stunden vorm Spiegel verbracht. Denn sie ist geschminkt wie ein Waschbär. Boshaft kichernd tänzelt sie um ihren kleinen Bruder herum. "Hä? Gin Tonic ohne Gin?? Du Penner, das ist ja wie 'Sex on the beach' ohne Sex." Angewidert rollt er mit den Augen und dreht er sich zu ihr um. "Halt die Klappe. Ich geb dir gleich Sex!"
Eine Spaßbremse? Ich doch nicht!
Sie kreischt entzückt. "Igittigitt. Das ist ja eklig!" Dann schaut sie mich an und gluckst: "Mama, hast du das gehört? Der spinnt doch. Wie heißt das nochmal, wenn's in der Familie passiert? Inkontinenz?" Der Jüngste tippt sich an die Stirn. "Mann, bist du doof. Das heißt Inkonsequenz!" Da mischt sich die neuerdings männlich tiefe Stimme des Ältesten ein. "Ihr habt doch keine Ahnung. Von nix. Insolvenz heißt das!" Jetzt brechen alle Dämme. Sie wiehern, gackern, johlen und übertrumpfen sich beinhart zu viert mit Wörtern, die mit I anfangen und in Familien passieren. Um nicht wieder als Spielverderber verschrien zu werden und auch weil die Idee von vorhin sowieso verschwunden ist, lache ich einfach mit. Eine Spaßbremse? Ich? Das stimmt nicht.
Eines Tages, so habe ich mir in diesem Moment vorgenommen, werde ich auspacken und sagen, wie Familienleben wirklich ist. Es ist eine irrwitzige Achterbahnfahrt zwischen Himmel und Hölle, bei der man mit dem Schwung des nächsten hehren Anspruches aus der Kurve fliegt und sich auf dem Boden der Tatsachen wiederfindet. Dann reibt man sich die schmerzenden Glieder und rappelt sich wieder hoch. Gemein ist es, das Familienleben - und großartig.
Lotte Kühn alias Gerlinde Unverzagt: "Mutti packt aus. Bekenntnisse einer Spaßbremse", Ullstein Verlag, Januar 2012, 7,90 Euro.
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