Karneval
Rollenwechsel sind für Kinder wichtig
Als Pippi Langstrumpf zum stärksten Mädchen der Welt werden oder als Darth Vader endlich mal auf die dunkle Seite der Macht wechseln: Karneval, das ist wie Balsam für die Kinderseele.
Denn Kostüme verleihen schon den Kleinsten Macht: "Alles, was ein Kind sonst nicht ist, weil es eigentlich zu klein oder zu ohnmächtig ist, kann es jetzt mal ausprobieren", sagt der Entwicklungspsychologe und Familienforscher Hartmut Kasten aus Unterschleißheim bei München. Und so darf die Prinzessin mal nach Herzenslust herumkommandieren und der Pirat die sonst übermächtigen Eltern mit seinem Säbel durchbohren. Für Kinder sei es wichtig, in andere Rollen zu schlüpfen, sagt Kasten: "Das macht sie selbstbewusster und fitter für den Alltag." Und das gilt nicht nur für die Karnevalszeit.
"Es ist das Privileg der Kindheit, sich täglich in andere Rollen hineinfinden zu dürfen", sagt der Kölner Kinderpsychotherapeut und Karnevalsexperte Wolfgang Oelsner. "Kinder erproben ihre eigene Rolle täglich durch das Erproben anderer Rollen." Sie probieren dabei alles aus, etwa wie es wäre, statt einer hellen eine dunkle Haut zu haben oder statt eines Mädchens ein Junge zu sein. Das sei Anzeichen für eine gesunde Entwicklung, meint Oelsner.
Er hält es auch für völlig unbedenklich, wenn Kinder in böse Rollen schlüpfen und an Karneval dann mal als die Bösewichte Darth Vader aus der Star-Wars-Welt oder Lord Voldemort aus "Harry Potter" gehen wollen: "Alles, was als Spiel erkennbar ist, muss Eltern nicht sorgen", so Oelsner. Gerade Gruselkostüme seien oft sogar Therapie für ansonsten ängstliche Kinder. "Hier identifizieren sie sich mit dem Aggressor: Ich werde selbst zu dem, wovor ich mich sonst fürchte, und nehme ihm damit den Schrecken."
Doch wenn der kindlichen Fantasie eigentlich kaum Schranken gesetzt sind, warum greifen dann so viele Kinder zu eher typischen Verkleidungen? Denn auch in diesem Jahr sind nach Angaben von Deiters, einem der größten Kölner Karnevalsgeschäfte, bei Mädchen wieder vor allem Prinzessinnen und Meerjungfrauen der Renner. Jungen dagegen fahren besonders auf "Clonetroopers" ab, das sind die geklonten Soldaten aus "Star Wars".
Hartmut Kasten meint dazu, Kinder würden sehr durch gesellschaftliche Einflüsse wie etwa die Medien geprägt. Und auch die Eltern, die sich für sehr fortschrittlich hielten, lebten ihren Kindern oft unbewusst Stereotypen vor, indem sie die rosa Haarschleife der Tochter hübsch fänden oder dem Sohn signalisierten, dass man sich beim Fußballspielen auch mal die Knie aufschlagen dürfe.
"Einem Mädchen wird in Ein-Kind-Familien viel mehr gestattet, androgyn, also zwischengeschlechtlich, zu sein", urteilt Kasten. So führten Väter ihre Einzelkind-Töchter zum Beispiel viel öfter an vermeintliche Jungenbereiche wie etwa den Umgang mit Technik heran. Doch es ist auch nicht nur die Umwelt allein, die die Mädchen begeistert zu rosa Kostümen und Jungs zu Schwertern greifen lässt: "In der Geschlechterentwicklung gibt es sogenannte Archetypen, also Urbilder oder Grundcharaktere", sagt Kinderpsychotherapeut Oelsner: "Mädchen schmücken sich halt gern, und Jungs lieben Phallussymbole."
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