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09.02.12

Afrodeutsche Spielgruppe

"Amba Amba" in Prenzlauer Berg

Afrodeutsche Familien treffen sich regelmäßig zu einer Spielgruppe. Dort geht es ums Feiern, Singen - und ihre wahre Identität

© Christian Schroth
Afro-Deutsche Spielgruppe
Gute Stimmung: Ayo Nelson Homiah musiziert regelmäßig mit den Kindern der afrodeutschen Spielgruppe

Aufgeregt rutscht Emily auf ihrem Hosenboden hin und her und zieht an ihrem Pullover. Endlich, endlich ist wieder Spielgruppentag. Die Vierjährige sitzt inmitten vieler Kinder, die mit ihr singen und tanzen und spielen. Zuhause hat sie schon geübt: "Amba, Amba" ist ihr Lieblingslied. Hinter ihr steht Großvater Siegfried Neumann und strahlt. Er hat sich nicht weniger auf diesen Tag gefreut. "Es bedeutet für uns beide unglaublich viel Spaß. Und Emily fühlt sich hier besonders wohl." Beide sehen sich auf den ersten Blick nicht ähnlich - der Opa, 51-jähriger Erzieher aus Prenzlauer Berg, ist hellhäutig, hat wenige, kurze graue Haare. Emily ist zwar ein "echtes Berliner Kind", aber ihr Vater stammt aus Nigeria. Das Mädchen ist dunkelhäutig und hat lockige, schwarze Haare.

Jeden ersten Sonntag im Monat kommt Emily ins Kieztreff Gleimviertel, wo sich die afrodeutsche Spielgruppe trifft. Ins Leben gerufen hat sie die Schauspielerin Ulrike Düregger vor sieben Jahren. Als sie ihre damals dreijährige Tochter vom Tanzen abholte, sagte die Kleine: "Mama, ich will nicht mehr braun sein." Die Mutter hörte heraus, dass sie sich zwischen all den weißen Kindern anders fühlte und ergriff die Initiative. "Natürlich kam ich häufig auf Spielplätzen mit Eltern dunkelhäutiger Kinder ins Gespräch, die ähnliche Erfahrungen machten wie wir", sagt die 39-Jährige. "Bald entstand das erste Treffen. Und der Zuspruch war enorm." Familien aus allen Bezirken und manchmal auch aus Brandenburg kommen nach Prenzlauer Berg, um keines der Treffen zu verpassen. Ein Elternteil ist meistens afrikanischstämmig, der andere weiß. Oder die Eltern sind beide weiß und haben afrikanische Kinder adoptiert. Auch Interessierte ohne Kinder sind zu den Treffen eingeladen.

Ausgezeichnetes Projekt

Mittlerweile ist aus der Spielgruppe auch ein gemeinnütziger Verein geworden: "Total Plural e.V." wurde kürzlich vom Bündnis für Demokratie und Toleranz als vorbildliches Projekt ausgezeichnet. Bei den Treffen wird nicht nur gespielt und gesungen mit wechselnden Künstlern und Pädagogen. Es gibt zudem Tanztheaterworkshops, gemeinsames Kochen und interkulturelle Schreibwerkstätten, 2010 sogar mit dem afrikanischen Autor Wilfried N'Sondé. Zurzeit wird für das Musical "African Twist" geprobt.

Inzwischen gibt es Anfragen von Interessierten aus vielen anderen deutschen Städten, sogar aus Österreich, die wissen wollen, wie der Verein arbeitet. "Eines unserer Anliegen ist auch, dass sich Eltern mit Gleichgesinnten austauschen können", sagt Ulrike Düregger. "Es gibt keine Ratgeber für afrodeutsche Erziehung, Erfahrungswerte werden kaum kommuniziert. Doch der Bedarf ist groß." Sie erklärt, dass Kinder bereits, wenn sie noch sehr klein sind, merken, dass sie anders aussehen. "Es gibt sogar Studien darüber, dass sie eher zu gleich aussehenden, dunkelhäutigen Spielkameraden hinkrabbeln als zu weißen."

Ulrike Düregger erzählt von Situationen, mit denen viele Eltern zunächst nicht umgehen können. "Zum Beispiel, wenn Fremde einfach die Haare unserer Kinder anfassen oder, so wie mir es passiert ist, sich runterbeugen und sagen 'Ach, was für ein süßes Schokoplätzchen!'" Das sei von den Menschen meistens nicht böse gemeint, aber für die Kinder sei es schwierig, damit umzugehen. "Sie werden als Objekt gesehen." Dann richtig zu reagieren, ist eine Kunst. "Es ist ein Erfolg unserer Gespräche in der Gruppe, dass jetzt schon viele Eltern gelassen, aber bestimmt sagen können 'Bitte lassen Sie das, mein Kind möchte das nicht.'" Es ergäben sich dann oft nicht Konflikte, sondern Gespräche, die Verständnis hervorbrächten, sagt Ulrike Düregger.

Heute platzt der Raum aus allen Nähten, mindestens 80 Menschen sind gekommen. Vor den großen Fenstern ist ein kleines Buffet mit Kuchen, Getränken und Snacks aufgebaut, fast jeder hat etwas mitgebracht. Zuerst gibt es einen Riesenstuhlkreis, die Kinder sitzen auf dem Schoß der Eltern oder auf dem Boden in der Mitte und stellen sich und ihre Familien vor - sofern sie es schon können. Die kleinsten sind drei Jahre alt, die ältesten sehen aus, als seien sie elf. Deutsche Vornamen fallen, afrikanische Herkunftsländer werden genannt, es wird viel gelacht.

Dann geht es los mit der Musik. Die Kinder versammeln sich in der Mitte des Raumes um den Percussionisten Ayo Nelson Homiah. Er fängt an zu trommeln und zu singen, Kinder und Eltern fallen mit ein - fast eine Stunde werden Rhythmen gespielt. Dann wird Ayo von der Sängerin Rachelle Jeanty abgelöst, einer Kanadierin. Emily sieht begeistert zu, wie sie singt und sich bewegt. Es erklingt das Lied "Wenn du fröhlich bist", dann stimmen sie gemeinsam auch noch "Amba Amba" an. Emily jubelt und wiegt sich im Rhythmus. Siegfried Neumann lacht. "Meine Enkelin macht uns mit dem Lied alle verrückt zu Hause."

Ein Begriff, der immer wieder fällt, ist "braune Kinder". Die Kinder selbst nennen sich so. Katja Fröhlich (31) aus Biesdorf, die seit drei Jahren mit Tochter Keisha in die Spielgruppe kommt, erklärt: "Wir wissen nicht, ob es hundertprozentig politisch korrekt ist. Aber es ist auf jeden Fall für unsere Kinder kindgerechter ausgedrückt, denn sie sind ja tatsächlich nicht schwarz und nicht weiß, sondern braun." So sehen sich die meisten afrodeutschen Kinder selbst. Katja Fröhlich ist alleinerziehend. Der Vater der vierjährigen Keisha stammt aus Kamerun, er begleitet die beiden manchmal in die Gruppe. Der Austausch sei ihr besonders wichtig, sagt sie: von den anderen Eltern zu lernen, wie sie mit bestimmten Situationen umgehen. Damit meint sie nicht unbedingt Rassismus. "Damit haben wir zum Glück wenig Erfahrung."

"Ich wollte nicht mehr so auffallen"

Seit vier Jahren ist auch Leon dabei. Der Achtjährige war in seinem Alltag nur von weißen Kindern umgeben. Seine Eltern Michael Waitz (47) und Susanne Ott-Waitz (43) haben ihn adoptiert. Er hatte einen speziellen Wunsch: "Ich wollte mehr braune Kinder kennenlernen", sagt er mit fester Stimme. "Ich wollte im Kinderladen nicht mehr so auffallen, sondern Kinder um mich rumhaben, die mehr aussehen wie ich." Er geht in die dritte Klasse, seine weißen Spielkameraden ab und zu mitzubringen zur Gruppe, ist ihm wichtig. "Er möchte, dass sie wissen, wo er hier hingeht zum Spielen", erklärt seine Mutter. Besonders überrascht war Leon, dunkelhäutige Erwachsene zu sehen, vor allem Männer. "Natürlich wäre ein brauner Elternteil zum Identifizieren besser", sagt Susanne Ott-Waitz. Um ihm keinen Eindruck vorzuenthalten, versuchen sie, so oft wie möglich zur Spielgruppe zu kommen. Dort ist er umgeben von Emily und den anderen Kindern, spielt, malt und singt mit ihnen und fühlt sich wohl. Im Oktober hat er eine kleine Schwester bekommen: Amina (1) aus Mali. Auch sie unterscheidet bereits zwischen dunkelhäutigen und weißen Freunden. Aber sie wird in ihrer Kindheit mit beiden aufwachsen - und mit beiden spielen.

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