"Odyssee" in den Kammerspielen
Zeitreise durch die Generationen
Im Deutschen Theater spielen Senioren, Kinder und Jugendliche gemeinsam Homers "Odysee" - und lernen dabei voneinander
Von Annette Kuhn
Ein großer Raum, ein kleines Mädchen. Carla lehnt an einem aus schwarz gekleideten Jugendlichen gebildeten Ungeheuer. Ihre zarte Stimme scheint sich zwischen den Stühlen, Tischen und Requisiten zu verlieren: "Ich bin kein Kind mehr, wenn ich ein Teenager bin. Ich bin kein Kind mehr, wenn ich schon viel von der Welt gesehen habe. Ich bin kein Kind mehr, wenn mir ein Bart sprießt..." Die Elfjährige stutzt: "Das passt gar nicht. Mir kann doch kein Bart wachsen!" Uli Jäckle, der ihr auf Augenhöhe gegenübersitzt, beruhigt sie: "Aber man darf ruhig merken, dass der Text nicht von dir ist. Mach weiter, das machst du gut." Carla setzt erneut an, ihre Stimme ist nun kräftiger, sie findet in ihre Rolle.
Carla ist eine von 23 Darstellern, die für das Junge Deutsche Theater, gerade "Odyssee" nach dem Epos von Homer proben. Die Mitwirkenden sind keine professionellen Schauspieler. Der Regisseur Uli Jäckle hat sich ein Laien-Ensemble aus Kindern, Jugendlichen und Senioren zusammengestellt. Viele von ihnen standen noch nie auf einer Bühne. Carla hat immerhin schon in Kinder-Theatergruppen mitgespielt - aber der Auftritt im Deutschen Theater ist für sie doch etwas anderes. "Das ist ja eine richtige Theaterbühne", erklärt sie stolz.
Das Unperfekte auf die Bühne holen
Etwas anderes, das hat auch die 74-jährige Liz Schmidt gesucht, als sie sich im vergangenen Jahr beim Casting im Deutschen Theater vorstellte. "Mein Sohn ist Schauspieler, und ich habe immer gesagt, das hat er von mir", aber ihre Umgebung habe darüber nur gelacht: "Liz, du bist doch Sonderschullehrerin." Heute ist sie längst pensioniert, sie hat Zeit und sich darum gesagt: Warum nicht? Im Stück spielt sie Charybdis, ein gestaltloses Meeresungeheuer. "Na, einen Oscar werd ich damit wohl nicht gewinnen", sagt sie lachend, "und schon gar nicht in diesem Kostüm!" Wie zum Beweis hebt sie die Arme in ihrem blauen, wallenden Gewand. "Ist scheußlich, nicht?" Gleich wird sie sich auf der Bühne vorstellen - als Charybdis. Mit dem Text nimmt sie es dabei nicht so genau. Die Regieassistentin unterbricht sie, versucht zu soufflieren, aber sie dringt nicht immer durch zu Liz Schmidt. Uli Jäckle lächelt. "Es ist nicht entscheidend, ob jeder Satz richtig ist", erklärt er, "Liz soll so bleiben, wie sie ist". Gerade das Unperfekte mache sie authentisch, das wolle er auf die Bühne holen.
20 Jahre Erfahrung mit Laientheater
Der 50-jährige Regisseur hat viel Erfahrung mit Laientheater. Seit fast 20 Jahren macht er Produktionen des Landschaftstheaters in Heersum bei Hildesheim, wo er manchmal mit ein paar Hundert Amateuren einen Ort der Region bespielt. "Da kommen Menschen zusammen, die sonst wohl nie zusammenkommen würden", sagt er. Diese Grenzüberschreitung fasziniert ihn, auch die zwischen verschiedenen Generationen. "Im Zusammenspiel zwischen Kindern und Senioren entwickelt sich eine ganz neue Gruppendynamik", hat Jäckle beobachtet. Allerdings hat das seine Zeit gebraucht. "Es war anfangs gar nicht leicht für mich, du zu allen zu sagen", erinnert sich die neunjährige Nathalie, "das würde ich doch auch nicht bei Fremden auf der Straße machen". Aber diese Berührungsängste sind ihr nicht mehr anzusehen, wenn sie vom Regisseur wissen will: "Uli, und was soll ich jetzt mit den Armen machen?"
Auch Ulrike Löbs, die in "Odyssee" die Penelope spielt, genießt dieses Zusammensein der verschiedenen Generationen: "Ich komme aus einem Dorf, da haben alle Generationen zusammengelebt", erzählt die 61-Jährige, "aber hier in Berlin ist das anders, da bleiben alle unter sich. Umso mehr spürt sie das, weil sie keine eigenen Kinder hat. Für sie sind die Proben wie eine Zeitreise: "Mit den Alten bin ich alt, und mit den Jungen bin ich jung". Anfangs hatte Ulrike Löbs, die vorher nie auf einer Bühne gestanden hat, Schwierigkeiten, ihren Einsatz zu finden. Geholfen hat ihr ein Elfjähriger, "der mich immer angestoßen hat, wenn ich dran war". Das war nicht nur für sie eine Hilfe, sondern sie hat auch gesehen, wie der Junge sich gestärkt fühlte, weil sie ihn ernst nahm.
Gleichberechtigung für Jung und Alt
Jung und Alt auf einer Ebene - das spiegelt sich in der Umsetzung des Stückes wider. "Odyssee" ist zugleich eine Parabel auf die Wegmarken des Lebens, auf die Sehnsüchte und Werte der Generationen. Passend dazu sind die Hauptrollen jeweils durch einen jungen und einen alten Darsteller besetzt - auch um die 20 Jahre Zeit zu markieren, die Odysseus erst im Trojanischen Krieg und dann auf seiner Irrfahrt ist. Damit das Zusammenspiel funktioniert, hat Jäckle die Darsteller beim Casting weniger für bestimmte Rollen ausgewählt als danach, wer zu wem passt.
Wohl auch deshalb hat sich über die Probezeit viel Nähe zwischen den 23 Darstellern aufgebaut. Eine Nähe, die in der Probenpause bleibt. Liz reicht selbstgemachte Buletten herum, von denen die Jugendlichen schwärmen. Und die achtjährige Sahsenem, die jüngste von allen, sitzt neben der 18-jährigen Katharina, als wäre es ihre große Schwester. Katharina spielt die jüngere Penelope und macht nebenbei gerade ihr Abitur. "Das ist schon anstrengend, aber wenn ich ehrlich bin, würde ich sonst wahrscheinlich nicht länger am Schreibtisch sitzen", gibt sie zu. Außerdem würden ihr die Proben trotz aller Anstrengung Energie für die Prüfung geben.
Theaterproben als Lebenselexir
Liz Schmidt nickt dazu. Die Stunden auf der Probebühne in Wedding wirken auf sie wie ein Lebenselixier. "Sonst hätte ich mich darauf wohl nicht eingelassen", sagt sie, es sei ja nicht einfach, sich von Menschen, die viel jünger sind, ständig reinreden zu lassen. "Ich hab mir dann gesagt: "Liz, du hast jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder begehrst du hier ständig auf, oder du schaltest ab und machst mit". Die 74-Jährige hat sich fürs Abschalten entschieden und ist immer noch dabei.
Uli Jäckle sieht mit Freude, was das Theaterspiel mit Liz und den anderen Darstellern macht, wie es ihr Leben verändert. Und ihn fasziniert, wie schnell vor allem die Kinder Dinge umzusetzen verstehen. Mal müssen sie in "Odyssee" die Füße der Skylla spielen, dieses Ungeheuers, dessen Unterkörper aus sechs Hunden besteht, mal sind sie Bäume oder das wogende Meer. Für Nathalie, Carla und die anderen Kinder sind die Odyssee-Proben auf jeden Fall eine Abwechslung. Ob aus dem Schauspielerleben später eine Karriere wird, ist für sie noch weit weg. Ulrike Löbs sieht für sich klarer: "Das hier ist so ein einmaliges Ereignis für mich - als solches will ich es wohl auch belassen."
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
-
00:08Präsidentschaftswahl: Unterlegener Kandidat in Ägypten will gegen Wahler...
-
00:00Verkehrssünder: Flensburger Punktedatei soll weiter verschärft...
-
26.05.2012Festnahme: Toter in Friedrichshainer Bar: Verdächtiger gefass...
- 1. Relegationsspiel Hertha BSC und der Abstieg ohne Gnade
- 2. Formel 1 in Monaco Strafversetzung verdirbt Schumacher nicht die Laune
- 3. Nach Berufung Hertha BSC schickt seine Spieler in den Urlaub
- 4. Relegationsspiel Hertha BSC gibt sich offenbar geschlagen
- 5. Stromerzeugung Solaranlagen liefern so viel Strom wie fast 20 Atommeiler














