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Interview

"Eltern müssen sich fragen, was sie ihren Kindern vorleben"

Warum verhalten sich so viele Mädchen und Jungen so vorhersehbar? Und können Eltern etwas dagegen tun? Astrid Herbold sprach darüber mit Bettina Hannover, Professorin für Schul- und Unterrichtsforschung an der Freien Universität Berlin, die seit Jahren die Entstehung und Aufrechterhaltung von Geschlechtsunterschieden erforscht.

Berliner Morgenpost: Viele Eltern versuchen, ihre Kinder gleich zu behandeln, aber dann entpuppen sich Mädchen und Jungen doch als total verschieden - die einen mögen rosa Feen, die anderen Autos. Das kann doch nicht nur elterliche Einbildung sein, oder?

Prof. Bettina Hannover: Kinder im Vorschulalter müssen herausfinden, was es überhaupt heißt, in unserer Gesellschaft männlich oder weiblich zu sein. Deshalb beobachten wir in dieser Altersgruppe besonders stark geschlechtstypisiertes Verhalten. Mädchen wollen also gerne so sein, wie sie denken, dass Mädchen sein sollten. Das Gleiche gilt für Jungen.

Berliner Morgenpost: Woher haben Kinder überhaupt die klischeehaften Vorstellungen? Normalerweise sehen Eltern ja nicht aus wie Ken und Barbie.

Prof. Bettina Hannover: Wir wissen, dass Kinder sehr viel Energie darauf verwenden, ihre Erfahrungen zu systematisieren. Zum Beispiel: Worin unterscheiden sich Männer und Frauen, Mädchen und Jungen? Kinder machen meist sehr früh die Erfahrung, dass es eine große Rolle spielt, zu welcher der beiden Geschlechtsgruppen man gehört. Sie beobachten bei den eigenen Eltern, dass möglicherweise nur der Vater zur Arbeit geht, während die Mutter typischerweise das Essen zubereitet. Sie sehen vielleicht, wenn sie mit den Eltern zusammen irgendwo hinfahren, dass die Mutter nur dann am Steuer sitzt, wenn der Vater nicht dabei ist. Das registrieren Kinder alles sehr genau - übrigens beobachten sie dabei Personen ihres eigenen Geschlechts sehr viel länger als Personen des anderen Geschlechts.

Berliner Morgenpost: Senden Eltern, vielleicht nicht absichtlich, subtile Botschaften an ihre Kinder? Zum Beispiel: "Du bist ein braves Mädchen!" oder "Du bist ein tapferer Junge!"?

Prof. Bettina Hannover: In den entwickelten Industrienationen gibt es eine weitgehende Angleichung in den Erziehungsstilen und -praktiken. Mit einer Ausnahme: Immer, wenn es darum geht, geschlechtstypisches Verhalten, das das Kind zeigt, zu bekräftigen oder zu bestrafen - da verhalten sich Eltern konventionell. Wenn also ein Junge Ballettunterricht nehmen will, dann wird er von den Eltern seltener darin unterstützt. Oder umgekehrt, wenn ein Mädchen sich gerne mit anderen Kindern rauft und balgt, dann machen sich die Eltern mehr Sorgen darüber, als wenn dieses Kind ein Junge ist.

Berliner Morgenpost: Ihre geschlechtstypischen Vorlieben aus dem Kinderzimmer nehmen die Kinder auch mit in die Schule - was bedeutet das für den Schulalltag?

Prof. Bettina Hannover: Wenn Kinder in die Schule kommen, sind sie noch in dieser Altersphase, wo sie sich sehr stark geschlechtsorientiert verhalten. Und Kinder, die diese Geschlechtsrollen verletzen, werden oft ausgestoßen. Mit einem Mädchen, das gerne Fußball spielt, will kein anderes Mädchen befreundet sein. Ein Junge, der am liebsten mit den Mädchen in der Leseecke sitzt, wird von den anderen Jungs bespöttelt. Die gute Nachricht ist aber, dass Kinder im Laufe der Grundschulzeit zunehmend ein Verständnis davon entwickeln, dass man sein eigenes Geschlecht nicht verliert, auch wenn man sich mal jenseits der Normen bewegt.

Berliner Morgenpost: Bis es soweit ist, dass die Kinder von selbst wieder offener und toleranter werden, wie sollen Eltern sich verhalten?

Prof. Bettina Hannover: Ich denke, Eltern müssen sich vor allem die Frage stellen, was sie selbst ihren Kindern vorleben. Kinder lernen ganz stark an Modellen. Und wir alle verhalten uns ja geschlechtstypisiert. Eltern sollten also genau hinschauen, ob denn in ihrem eigenen Umfeld tatsächlich Geschlechterfairness gilt. Natürlich sollte man den Willen des Kindes nicht brechen. Besser ist es, alternative Verhaltensmöglichkeiten aufzuzeigen. Zum Beispiel, indem die Mutter den Bilderrahmen an die Wand montiert, anstatt das an den Vater zu delegieren. Indem der Vater mit dem Kind Plätzchen backt oder die Hose flickt! So kann man den Einfluss von Geschlechtsstereotypen, dem die Kinder durch Medien und Gleichaltrige eh permanent ausgesetzt sind, zumindest abschwächen.

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