10.01.12

Kettenbriefe

Falsches Versprechen per Post

Kinder mögen Kettenbriefe, die Eltern sind meist genervt. Sie wissen: Es funktioniert sowieso nicht

Von Sabine Schmitt

"Kettenbrief 1998 bis 2011" stand auf dem Umschlag, der für Ole im Briefkasten lag. Geschickt hatte ihn seine beste Freundin - per Post, obwohl sie nur zwei Häuser weiter wohnt. Der Brief versprach einen Eintrag ins "Guinness-Buch der Rekorde", wenn er an sechs Leute weitergeschickt und die Kette bis zum Jahresende fortgeführt werde. Die Post überwache gar den Rekordversuch. "Verdirb nicht alles", wurde dem Kind im kopierten Brief eingeschärft. Die Belohnung: Er werde Postkarten aus aller Welt bekommen, wenn er nur eine einzige schreibe und natürlich den Brief weiterleite, damit seine Adresse auf der Liste nach oben rutscht.

Kettenbriefe sind kein neues Phänomen - und weder ihr Anfang noch ihr Ende sind zu bestimmen. Einige geistern schon so lange durch die Briefkästen, dass selbst die Eltern sich noch gut erinnern können, auf genau so einen Brief vor vielen Jahren einmal geantwortet zu haben. Doch Kettenbriefe sind die Pest im Postkasten - zumindest aus Sicht der Eltern. Denn was die Kinder begeistert und fasziniert, nervt Erwachsene zutiefst. Sie haben die Erfahrung gemacht: Kettenbriefe machen demjenigen ein schlechtes Gewissen, der nicht mitmacht, und der Lohn bleibt ohnehin aus. Kettenbriefe funktionieren einfach nicht, sind aber nicht auszurotten. Also: Gleich verbieten mitzumachen? "Nein", sagt Heidemarie Arnhold, Vorsitzende des Arbeitskreises Neue Erziehung. "Eltern sollten prüfen, ob der Inhalt harmlos ist, und dann sollte das Kind seine Erfahrungen machen dürfen."

Der zehnjährige Ole war Feuer und Flamme für seinen Kettenbrief, kopierte das Anschreiben, schrieb Adressen auf Umschläge und erbettelte die Briefmarken bei den Eltern. Für ihn war es ein kleines Abenteuer. Er wollte gern 1296 Postkarten aus aller Welt bekommen - dafür lohnte sich der Einsatz, fand er.

13 Jahre lang sollte dieser Kettenbrief nun schon ohne Unterbrechung durchlaufen. Eine kleine Überschlagsrechnung seitens der Mutter ergab, dass sich dann die gesamte Menschheit bereits mehrfach an dem Kettenbrief hätte beteiligen müssen. Das erschien unwahrscheinlich - war allerdings ein Argument, dem sich der junge Briefeschreiber vollkommen verschloss. Wenn die Post so einen Rekordversuch überwache, lautete sein Argument, müsse das alles seine Richtigkeit haben.

Nur leider ist keine einzige Information des Briefes wahr. "Wer sind wir, das wir Briefe überwachen würden", sagt Postsprecher Thomas Kutsch. "Wir achten nur darauf, dass eine Briefmarke auf dem Umschlag klebt und die Adresse zustellbar ist." Und was ist mit dem Rekordversuch? Beim Guinness-Buch wurde kein Rekordversuch angemeldet. Und: "Kettenbriefe halten wir grundsätzlich nicht für seriös, daher werden sie nicht als Rekord anerkannt", teilt Olaf Kuchenbecker vom deutschen Markenmanagement der Guinness-World-Record-Gesellschaft mit.

Nicht alle Briefe sind harmlos

Lediglich einen Rekordversuch mit einem Kettenbrief, bei dem ein krebskranker Junge in England Post aus aller Welt bekommen sollte, hat das Guinness-Buch Anfang der 90er-Jahre zugelassen. Der Rekord gelang, der Junge bekam allein im ersten Jahr millionenfach Post. Doch selbst als er zehn Jahre später zu einem gesunden jungen Mann herangereift war, erhielt er täglich noch einen Waschkorb voll Genesungswünsche. Kettenbriefe sind unverwüstlich und können aus dem Ruder laufen: Einmal in der Welt, tauchen sie garantiert irgendwann wieder auf.

Und längst nicht alle Kettenbriefe sind so harmlos wir der mit der zu verschickenden Postkarte. Wahlweise können dies auch Kaugummis, Minibücher oder Sammelbildchen sein. In Deutschland ist dies generell erlaubt, anders als in der Schweiz, wo Kettenbriefe schlichtweg verboten sind. Es gibt jedoch Briefe, in denen Geldbeträge an die erste Adresse geschickt werden soll. Nach dem System einer Pyramide vervielfacht sich der Einsatz, und steht man selbst an der Spitze der Pyramide werde man reich, versprechen diese Briefe. Diese Systeme waren bereits Gegenstand zahlreicher mathematischer Forschungen und ergaben: Es wird nicht funktionieren. Reich wird maximal derjenige, der den Brief in die Welt setzt. Darüber hinaus sind diese "profitorientierten Schneeballsysteme", wie sie im Juristendeutsch heißen, auch in Deutschland verboten. "Das ist schlicht und ergreifend Betrug", sagt Medienpädagoge Heiko Sichelhaus von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "Von Kettenbriefen sollte man immer die Finger lassen."

Viel häufiger noch als in Papierform verbreiten sich Kettenbriefe heute übers Internet. Auch dort üben sie eine große Faszination aus. "Selbst wenn es nicht um Geld geht, können sie großen Schaden anrichten", betont Sichelhaus. Denn die weitergeleiteten Mails enthalten Falschmeldungen, so genannte Hoaxes, in denen beispielsweise vor bestimmten Computerviren gewarnt und zum Löschen bestimmter Dateien auf dem Computer aufgerufen wird. "Das kann fatale Folgen haben", sagt Sichelhaus. Oder aber es die Mitleidsmasche, mit der sich die Briefe in Windeseile im Netz verbreiten: Ein leukämiekrankes Kind hat nur noch einen Wunsch, steht da beispielsweise: Sein Brief soll einmal um die Welt gehen. Wer will da schon Spielverderber sein? Zumal wenn da solche Formulierungen zu finden sind wie "Mach es nicht kaputt" oder manchmal sogar subtil gedroht wird. Das kann gerade Kindern durchaus zusetzen. "Kinder müssen aber auch lernen, solche psychologischen Formulierungen zu erkennen und auszuhalten", sagt ANE-Vorsitzende Arnhold. "Da hilft es, wenn Eltern mit ihnen im Gespräch bleiben."

Andere Falschmeldungen spielen eher mit Angst- und Ekelfaktoren, die ebenfalls gern an möglichst viele Freunde weitergeleitet werden. So kursierte bis vor kurzem ein Brief, der vor HIV-infizierten Nadeln in Kinositzen warnte oder einer, der die eklige Meldung enthielt, dass sich an Getränkedosen Rattenurin befinde und man tunlichst keine Cola mehr trinken sollte.

"Das sind moderne Märchen"

"Das sind alles moderne Märchen", sagt IT-Experte Frank Ziemann, der für die Technische Universität Berlin die Internetseite www.hoax-info.de aufgebaut hat. "Diese Geschichten sind ein bisschen so wie diese, die früher am Lagerfeuer erzählt wurden", sagt Ziemann. "Nur dass sie sich jetzt schneller verbreiten."

Die Verbreitung könnte es sein, die die Urheber der Hoaxes interessiert. "Da geht es um Ruhm und Ehre, wenn sich diese Dinger weltweit wiederfinden lassen", sagt der Kölner Medienrechtsanwalt Christian Solmecke. "Daran wird der Erfolg gemessen." Verbesserte Spamfilter sorgen dafür, dass Kettenbriefe nicht mehr so leicht ankommen. "Aber die Karawane zieht weiter", sagt Solmecke. "Jetzt sind die sozialen Netzwerke dran." Bei Facebook & Co. kursieren jede Woche neue (und alte) Geschichten, die nach dem Schneeballsystem verteilt werden. Das Prinzip ist das gleiche wie das des guten alten Briefs in Papierform. Der Verbreitungsweg verspricht allerdings mehr Erfolg: Ole bekam von seinen versprochenen 1296 Postkarten gerade mal zwei. Und die sogar noch aus demselben Ort.

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