Schöne Bescherung
Zirkusbesuch mit Luftschlange
Der Verein Berliner helfen lädt Kinder aus betreuten Wohngruppen in den Zirkus Roncalli ein
Von Karoline Beyer
Durch den dicken roten Vorhang bahnen sich die Kinder ihren Weg. Sie riechen die Zirkusluft, hören die Band proben. Und dann stehen sie mitten in der Manege. Im Scheinwerferlicht und zwischen den Artisten, die für ihre Vorstellung üben. In den Gesichtern der 16 Jungen und Mädchen: Staunen. Fast alle sind zum ersten Mal im Zirkus. Dann noch selbst in der Manege zu stehen - das hätten sie sich nicht mal in ihren Träumen vorgestellt.
Die Erziehungswohngruppen des Vereines Kindeswohl-Berlin dürfen heute mit ihren Betreuern kostenlos den Roncalli-Zirkus besuchen. Die Kinder zwischen sechs und 13 Jahren leben im betreuten Wohnen, weil sie aus ihren Familien genommen wurden - zum Teil vorübergehend, zum Teil für längere Zeit. "Sie haben oft schwierige und für sie unverständliche Situationen in ihren Familien erlebt", sagt Carmen Krebs (49). Die Diplom-Sozialpädagogin staunt selbst - über den Zirkus, aber vor allem über die Kinder. "Diese Faszination - normalerweise gehen sie kaum einen Schritt, ohne mich zu fragen, ob ich mitkomme. Hier laufen sie alleine in die Manege. Sie trauen sich. Das ist ungewohnt - und schön." Kultur komme im Wohngruppen-Alltag sonst eher kurz. "Solche Vorstellungen wie im Zirkus oder auf Bühnen sind eher selten, auch aus Kostengründen." So freue sie sich umso mehr über die Einladung. "Wir sind sehr dankbar, dass der Verein Berliner helfen den Kindern diesen Besuch ermöglicht", sagt Carmen Krebs. "Jedem einzelnen ist bewusst, was es hier heute kostenlos bekommt und weiß es zu schätzen."
Das Licht ist rot, die Luft wirkt neblig. Noch sind die 3000 Plätze im Tempodrom leer. Erst in einer Stunde beginnt die Vorstellung. "Es riecht so gut hier, irgendwie nach Popcorn", sagt Sarah (11). "Ich hätte nie gedacht, dass alles so riesig ist." Gerade hat die Gruppe eine kurze Führung hinter die Kulissen von Roncalli bekommen, jetzt wollen sie noch die Weihnachtszirkus-Vorstellung besuchen. Die Kinder sind ganz ruhig, beobachten genau, was geschieht. Fußball-Jongleur Jemile Martinez (27) und Zirkuskind Geraldine Philadelphia (15) proben gerade ihre Nummer. Die junge Artistin, die vormittags zur Schule geht, macht auf einem runden Podest Handstand und gleichzeitig Spagat.
Hunde-Polonaise in der Manege
Andere Kinder stehen noch hinter den Kulissen und betrachten Requisiten: bunte Podeste, ein roter, goldbesetzter Frack, eine Tuba. "Guck mal, ein Minirad", sagt Lennard (8) zu Vincent (6) und zeigt auf ein winziges Fahrrad - ungefähr so groß wie für eine Puppe, aber mit normalgroßen Pedalen. "Darauf kann doch keiner fahren." Er ahnt nicht, wie gut das manche können. Später in der Vorstellung wird ein Clown damit herumkurven.
Plötzlich schwebt eine riesige silberne Ballonschlange über den Köpfen der Kinder in die Manege. "Das ist Gisela", sagt Clown Baldrian. "Gisela, sieh dir mal die vielen Kinder an", sagt er mit starkem Schweizer Akzent. "Möchte jemand eine neue Frisur?" Die kleinen Zuschauer lachen. Gisela dreht eine Runde direkt über ihnen und schwebt dann glitzernd und glänzend nach oben. "Kommt der aus der Schweiz?", fragt Sarah laut. "Der klingt so." Zuerst hatte sie sich vor Gisela ein bisschen erschrocken. "Sie wirkt nämlich wie ein großes Tier. Aber sie ist so schön!" Vorsichtig berührt sie Giselas Schwanzspitze, als diese sich vor dem Gesicht des Mädchens vorbeischlängelt. "So, jetzt ist die Gisela müde und schläft noch ein bisschen", sagt Baldrian. "Seht ihr dort den Tannenbaum? Dahinter hat sie ihr Körbchen." Langsam verschwindet die Schlange. Die Kinder wirken wie verzaubert.
Atha Athanasiadis, der die kleine Führung leitet, erzählt von der Entstehungsgeschichte des Zirkus im Allgemeinen, aber auch über die Geschichte von Roncalli im Besonderen und wie er heute funktioniert. Viele der Artisten stammten aus sehr alten Zirkusfamilien, sagt er. "Wir haben mehr als 100 Mitarbeiter. 80 von ihnen leben in Wohnwagen. Ich habe auch meinen eigenen", sagt er. "So ziehen wir fast das ganze Jahr durchs Land. Wie ein Dorf, das immer herumfährt. Und am Ende der Saison kommen wir immer nach Berlin, wo es uns sehr gut gefällt." Beatrice (11), Sabrina (12) und Nathalie (11) betrachten einen der Scheinwerfer genauer und drehen sich in seinem Licht. "Bei uns in Biesenthal, wo ich wohne, war auch schon mal ein Zirkus", erzählt Nathalie. "Der hatte Tiere, war aber viel kleiner als der hier."
Zirkus habe starke Wirkung auf Kinder, sagt Atha Athanasiadis. Es sei einerseits eine Zauberwelt, in der alles gut wirke, andererseits, auch wenn es oft locker erscheine, ein sehr diszipliniertes und strukturiertes Leben. "Kinder können viel mitnehmen. Wenn sie beispielsweise jonglieren, verwenden sie beide Gehirnhälften. Und Zirkus macht sie, das ist erwiesen, gelassener und ruhiger."
Sarah hat schon mal in der Schule selbst für den Zirkus geübt. "Wir haben gelernt, was man an einem Trapez macht und wie man auf einem Seil balanciert." Sie findet es spannend, dass viele Kinder in den Wohnwagen mitreisen. Sie hätten immer eine Lehrerin dabei, erzählt Atha Athanasiadis. "Jeden Tag ist von neun bis 14 Uhr Schule, danach haben die meisten Training, weil sie selbst schon junge Artisten sind, wie Geraldine zum Beispiel."
Kurz vor 15 Uhr nehmen die Kinder von Kindeswohl-Berlin ihre Plätze ein. Mit den ersten Klängen der Zirkusband kommen Artisten herein, führen Kunststücke vor, balancieren und wirbeln herum. Plötzlich ist die Manege voller Hunde. Jeremiah Joey-Dieter (11) und sein Freund Alexander (13) lachen sich kaputt, als die großen und kleinen Vierbeiner eine Polonaise machen und ihrem Dompteur Streiche spielen. "Ich glaube, das ist meine Lieblingsnummer", sagt Jeremiah Joey-Dieter danach. Alexander kann sich nicht so recht entscheiden, was ihm am besten gefällt. "Das Paar am Trapez, die Hunde, die Clowns", sagt Alexander. "Ach, eigentlich gefällt mir alles am besten! Vor allem Gisela!"
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