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18.11.11

"Vorlesetag"

Wenn Bücher Brücken bauen

Zum achten "bundesweiten Vorlesetag": Der Verein Lesewelt Berlin lädt Kinder regelmäßig ein, Geschichten zu hören

© Massimo Rodari
Massimo Rodari
Vorlesestunde in der Ingeborg-Bachmann-Bibliothek in Charlottenburg mit "Lesewelt Berlin"-Chefin Ursula Frommholz

Ganz still ist es in der Ingeborg-Bachmann-Bibliothek in Charlottenburg. Dabei sind etwa 30 Kinder im Kindergartenalter in der Bücherei. Doch zum Krachmachen und Herumtoben haben sie keine Zeit. Und keine Lust.

Gebannt lauschen sie in kleinen Grüppchen ihren Vorlesern, die es schaffen, nur mit ihren Stimmen eine Welt in den Köpfen der Kinder aufzubauen. Es gibt kein Kind auf dieser Welt, das nach dem Vorlesen nicht um einen feinen Schatz reicher ist: Fantasie.

Ursula Frommholz ist eine dieser Vorleser. Und an diesem Freitag ist so etwas wie der "Vorleser-Feiertag": Zum achten Mal wird beim "bundesweiten Vorlesetag", einer Initiative unter anderem der Stiftung Lesen vorgelesen. Auch prominente Lesepaten wie Anne Will, Mariella Ahrens und Gregor Gysi sind dabei, insgesamt sind über 11 000 Vorleseaktionen bundesweit angemeldet.

200 ehrenamtliche Vorleser

"Eine tolle Aktion", sagt Ursula Frommholz. Sie ist Vorstandsvorsitzende des Vereins "Lesewelt Berlin". "Der Vorlesetag rückt das Thema in das öffentliche Bewusstsein und das hilft uns." Denn "ihre" Vorleser lesen jeden Tag. Aber ohne große Werbetrommel. An mehr als 50 Standorten in Berlin gibt es einen festen wöchentlichen Termin. Rund 200 ehrenamtliche Vorleser verteilen sich über die ganze Stadt, gehen in Bibliotheken, in Schulen und Kindertagesstätten und lesen, lesen, lesen. "Es ist bekannt, dass das Vorlesen, Singen, Reimen und das Sprechen mit Kindern einen immensen Einfluss darauf hat, wie schnell die Kinder später selbst Lesen lernen und wie sich ihr Wortschatz entwickelt", sagt die 48-Jährige, die, wenn sie nicht ehrenamtlich liest und arbeitet, als Inhaberin einer Veranstaltungsagentur gut zu tun hat. Doch irgendwann kam ihr der Gedanke, der wohl am Anfang eines jeden Ehrenamts steht: "Mir geht es gut, ich würde der Gesellschaft gern etwas zurückgeben." Es sollte etwas mit Kindern sein. Durch eine Anzeige wurde sie auf die "Lesewelt" aufmerksam. 2004 wurde sie zur Vorleserin, 2006 wurde sie "Lesewelt"-Vorstand.

Als im Jahr 2000 sieben engagierte Berliner die "Lesewelt" gründeten, war der Verein der Pionier unter den deutschen Vorleseinitiativen. Heute gibt es zahlreiche Organisationen. Und der Grund dafür liegt auf der Hand: Die jüngste Studie der "Vorlesetag"-Initiatoren, die Anfang November in Berlin vorgestellt wurde, ergab: "Die Vorlesesituation in Deutschland ist defizitär - vielen Kindern fehlt der zentrale Bildungs- und Entwicklungsanreiz Vorlesen völlig, bei anderen kommt er zu kurz und erfolgt meist einseitig durch die Mütter." Auch unter den 200 "Lesewelt"-Vorlesern sind nur 50 Männer. "Dabei werden die von den Kindern so geliebt", sagt Ursula Frommholz und erzählt lachend von geradezu groupiehaften Zuständen, wenn einige der männlichen Vorleser sich den Bibliotheken nähern.

Vorgelesen wird immer in kleinen Gruppen, zu jedem Termin kommen drei bis fünf Vorleser und bis zu 30 Kinder im Alter zwischen vier und zwölf Jahren. Die Teilnahme ist kostenlos und nach zehnmaliger Teilnahme, die mit einem von den Kindern heißbegehrten Stempelsystem dokumentiert wird, erhält das Kind ein Buchgeschenk. Für Kinder, die bald eingeschult werden, gibt es zusätzlich die "Schultüten Aktion", einen Bastelnachmittag für die eigene Schultüte plus Schulstart-Überraschungen (siehe Kasten). "Die Freude über diese Schultüten und die neuen Bücher ist immer schön mit anzusehen", sagt Ursula Frommholz. 750 Buchgeschenke werden jährlich verteilt. "Viele der Bücher sind Autorenspenden, rund ein Drittel aller Buchgeschenke müssen wir aber selbst dazukaufen", sagt Ursula Frommholz. Schade sei es, dass sich so schwer Sponsoren finden lassen. "Dabei ist die Idee des Vorlesens, der Gedanke dahinter, so faszinierend und dabei so effizient und erfolgreich für die Kinder." Die Vorlese-Studie belegt sogar einen positiven Zusammenhang zwischen Vorlesen und körperlicher Aktivität und musisch-kreativen Tätigkeiten.

Keine Stunde fällt aus

Und wenn irgendwo in Berlin wieder eine Vorlesestunde beginnt, "lauschen alle Kinder, egal welcher Herkunft und egal, ob sie das Vorlesen von zu Hause kennen oder nicht, der gleichen Geschichte. Für die Zeit des Vorlesens teilen sie eine kleine Welt", sagt Ursula Frommholz. "Außerdem gibt es bei uns zwei wichtige Aspekte, die unbedingt und immer Gültigkeit haben: Kontinuität und Verlässlichkeit". Das heiße: "Keine einzige unserer Vorlesestunden fällt aus." Manchmal bedeutet das zwar schnelles Umorganisieren, aber ein Versprechen ist ein Versprechen.

Mehr dazu: www.lesewelt-berlin.org

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