Schul-Yoga
Anspannen, entspannen, lernen
Yoga ist an einer Kreuzberger Grundschule Pflicht - weil es Muskeln, Geist und Seele gut tut
Von Tom Riens
Konzentriert sitzen 22 Erst- und Zweitklässler auf den roten, sternförmig angeordneten Matten. Sie lauschen im Schneidersitz dem Glockenspiel, das die Kinder abwechselnd im Kreis tragen dürfen. In dessen Mitte zaubert ein Arrangement aus bunten Seidentüchern, Äpfeln und einer brennenden Kerze etwas Besinnlichkeit in die Turnhalle.
Petra Mettlach-Schelper begrüßt in die letzten Klänge hinein die Kinder mit vor der Brust gefalteten Händen: "Namaste". Die Gruppe grüßt zurück: "Namaste - Ich grüße das Licht in dir." Die Yoga-Stunde in der Niederlausitz Grundschule hat begonnen.
Seit 1990 bietet die Schule Yoga-Kurse an. Für die Kinder der ersten bis dritten Klasse ist eine Stunde pro Woche seit 2006 sogar obligatorisch. Den festen Platz im Stundenplan hat Yoga erobert, weil die Körperarbeit den Schülern hilft, zur Ruhe zu kommen und Konzentration zu üben. Damit tut Yoga nicht nur dem Körper, sondern auch der Seele und dem Lernen gut. Davon ist jedenfalls Manfred Holtz, Direktor der Kreuzberger Schule, überzeugt. Bewegung und Gesundheit stehen für ihn ganz oben im Schulprogramm.
Lehrerin Petra Mettlach-Schelper bietet heute zu Beginn eine Meditation an, bei der die Erstklässler an jene denken sollen, denen es gerade nicht so gut geht. "Ich denke an meine Oma", sagt ein Mädchen. "Die hat Zahnweh und ist auch ein bisschen arm." Andere Kinder türkischer Herkunft sprechen über die Erdbebenlage in Anatolien. Beim gemeinsamen Yoga geht es eben nicht nur um Körperarbeit. Mitfühlen und Einfühlen stehen genauso auf dem Lehrplan. Mit dem Mantra "Wir nehmen das Licht und schicken es in die Welt" verabschieden sich die Kinder von den Gedanken und üben Asanas.
Hund, Katze, Maus
Asanas heißen die klar definierten Körperübungen beim Yoga. Die Kinder verwandeln sich in Hunde, Katzen, Mäuse und Bäume. Ihre Lehrerin verbindet die Übungen durch Geschichten, die den Wechsel von einer Position in die nächste erleichtern. Bei den kräftigen und kontrollierten Dehnungen brauchen die Yoganovizen eine hohe Konzentration. Die Ganzkörperkontrolle beim "Baum" etwa, beim Stehen auf nur einem Bein, gibt es nur bei ausreichender Selbstwahrnehmung. Die wiederum schafft "ein gutes Körpergefühl", wie die Lehrerin betont. "...acht, neun, zehn", zählt Petra Mettlach-Schelper die Atemzüge, während derer die Kinder jetzt schon auf einem Bein ausharren. Das schaffen nicht alle auf Anhieb. Yoga heißt geduldiges Arbeiten an sich selbst. Nach dem Anspannen des Körpers folgt bewusstes Entspannen. Alle lassen sich in der Kindchenhaltung am Boden nieder, wie zu kleinen Päckchen verschnürt. Dabei lauschen die Kinder in die Veränderungen ihres Körpers und üben ruhiges und gleichmäßiges Atmen.
Professor Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde an der Charité Berlin, hat wissenschaftlich untersucht, wie sich Yoga auf das Wohlbefinden auswirkt. Er befürwortet, früh mit den Übungen zu beginnen. "Wäre ich Bildungsminister, würde ich Yoga statt Schulsport einführen, weil seine Wirksamkeit so breit ist. Es hilft bei Stress, Depressionen, Angst und orthopädischen Problemen." Gerade für Schüler ein guter Ausgleich - müssen sie doch Notendruck und langes Stillsitzen aushalten. Nach den Studien von Chefarzt Michalsen macht es keinen großen Unterschied, ob ein- oder mehrmals in der Woche geübt wird. Viel Zeit müssen Kinder neben Lernen und Hobbys also nicht einkalkulieren.
Erfahren, was gut tut
Petra Mettlach-Schelper hat einige Yoga-Übungen sogar in den regulären Unterricht integriert. Zu Beginn der Stunde oder wenn es unruhig wird, dürfen alle aufstehen und ein paar kurze Asanas üben. "Das erdet schnell", weiß die Pädagogin, "Und nach längerem Trainieren merken die Kinder auch, welche Übung ihnen besonders gut tut." Auch Lehrer können vom Yoga profitieren: "Lehrkräfte werden ruhiger und gelassener, sie entspannen mit den Kindern, werden sensibel für den Zusammenhang von motorischer, emotionaler und kognitiver Entwicklung", sagt die mittlerweile pensionierte Kollegin und Yogabuch-Autorin Petra Proßowsky. An der Niederlausitz Grundschule haben mittlerweile vier Kolleginnen die einjährige Yoga-Ausbildung für Kinder beim Landessportbund durchlaufen. Dieses Yoga für Junioren ist längst kein Ableger aus dem Erwachsenen-Yoga mehr. Vermittelt und verbunden werden die Asana-Folgen durch Tanz, Musik oder Theater. Auch Traumreisen und Massagen werden in die Yoga-Übungsstunden integriert. Nur um eines geht es nie: Technische Perfektion.
Die Yoga-Stunde neigt sich dem Ende zu. Das halbe Tierreich wurde heute durchgenommen: Libelle, Vogel, Biene und Co. Jetzt liegt die eine Hälfte der Gruppe flach auf dem Bauch. Die anderen Kinder beginnen die lang gestreckten Rücken vor ihnen zu massieren. Petra Mettlach-Schelper leitet durch diese Entspannungsminuten mit einer Katz-und-Maus-Geschichte, die die Hände auf den Rücken im Wortsinn verkörpern sollen. "Die Finger trippeln Mäuseschritte. Die Vogelflügel streichen breit aus. Wer es schafft, kann die Augen schließen", lädt die Pädagogin ein.
Sich aufeinander einlassen, vertrauen: Bei manchen Kindern klappt das hervorragend. Sahid kann völlig entspannen, sobald Mardin über seinen Rücken streicht. Man meint zu sehen, wie der Schulstress aus ihm heraus fließt. Dabei war die Stunde kein Schmusekurs. Auch Yoga-Lehrer korrigieren, loben, weisen zurecht. Und natürlich ist auch Yoga kein Allheilmittel gegen Probleme, Streit und schlechte Laune. Es kann aber den Umgang damit erleichtern. Lehrerin Petra Mettlach-Schelper macht es vor. Das Durcheinander und der Lärmpegel in der Umkleide sind auch nach der Yoga-Stunde beachtlich. Doch die Lehrerin bleibt gelassen. Sie hat fleißig mitgeübt - und lässt einfach noch mal die Schultern kreisen.
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