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20.10.11

Lesewoche

Der Poet auf dem Dach

Die Aktion war so ungewöhnlich wie öffentlichkeitswirksam: Während die Gemüsehändler auf dem Wochenmarkt an der Neuköllner Karl-Marx-Straße ihre "Tomaten für einen Euro" ausriefen, rezitierten Schriftsteller und Hobbypoeten Gedichte, teils von bekannten Autoren, teils selbstverfasst.

Der Lyrikmarathon zwischen Marktständen, an dem sich mehr als 50 Literaturbegeisterte beteiligten, war nur eine Aktion der "Woche der Sprache und des Lesens" vor einem Jahr. Es war bereits die dritte Sprachwoche für Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Bezirk Neukölln. Mit 480 Veranstaltungen und mehr als 20 000 Zuhörern war das Projekt zuletzt auf eine so große Resonanz gestoßen, dass der Veranstalter - der Verein Aufbruch Neukölln - die nächsten Sprachwochen auf alle zwölf Bezirke ausweiten will. Unterstützt wird die Aktion von der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Unter der Schirmherrschaft von Christina Rau wird die erste berlinweite Woche der Sprache und des Lesens vom 1. bis 9. September 2012 stattfinden. "Lesen ist der Schlüssel zum Wissen der Welt", sagt Frau Rau am Mittwoch bei der Präsentation des Projekts. Sie freue sich aber besonders darüber, dass es der Verein Aufbruch Neukölln schaffe, Menschen unterschiedlicher Herkunft über die Literatur und Kultur zusammenzubringen.

Genau das ist das Anliegen des Initiators. Es dürfe nicht immer nur über Probleme und Missstände zwischen den Kulturen gesprochen werden, sagt Kazim Erdogan. Ihm liege daran, dass alle miteinander ins Gespräch kämen. "Es ist wichtig, ein Wir-Gefühl zwischen allen hier Lebenden zu schaffen", sagt Kazim Erdogan. Er rechnet mit mehr als 300 Autoren aus dem gesamten Bundesgebiet, die im kommenden Jahr zu Lesungen an den unterschiedlichsten Orten einladen werden. Das kann in fahrenden Zügen, Parks, Arztpraxen, auf Dächern, in Cafés und Parkhäusern, aber auch in Bibliotheken, Schulen und Kindergärten sein.

Georg-Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius und Kinderbuchautorin Sybille Hein haben ihre Teilnahme bereits zugesagt. "Nur über Lesekompetenz gibt es Lebenskompetenz", begründete Delius seine Zusage. Der Autor ist der Überzeugung: "Wer mehr liest, ist der bessere Staatsbürger." Sybille Hein freut sich jetzt schon auf die Lesungen. "Kinder sind so offen für Sprache und Geschichten, dass auf den Lesungen meistens ganz viel von ihnen zurückkommt", sagt die Autorin und Illustratorin.

Dass die Lesewoche bereits neun Monate vor dem Veranstaltungstermin angekündigt wird, hat einen ganz besonderen Grund: Diesmal sind alle Berliner und Literaturbegeisterte dazu aufgerufen, sich mit ihren Ideen zu beteiligen. Ziel ist es, mindestens tausend Vorschläge für Veranstaltungen in der Sprachwoche zu bekommen, die von den Ideengebern zugleich organisiert und durchgeführt werden. Die 100 besten Aktionen werden prämiert. Vorschläge können bis zum 15. Mai 2012 per E-Mail an das Organisationsteam eingesendet werden (koordination@sprachwoche-neukölln.de).

Initiator Kazim Erdogan hat bereits eine Idee für eine Veranstaltung im kommenden September: Er würde gern im Britzer Garten und in den Marzahner Gärten der Welt 10 000 Bücher an die Äste der Bäume hängen, die zum Ausdruck bringen sollen: "Hol' mich hier ab! Lies mich! Gib' mich weiter!". Schon sicher ist, dass es zum Auftakt der Lesewoche am 2. September 2012 ein Fest vor dem Brandenburger Tor geben wird. Die Abschlussveranstaltung mit Lesungen und Comedians ist am 9. September in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg geplant.

Mehr Infos unter www.sprachwoche-berlin.de

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