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17.10.11

Welternährungstag

Fenchel - was ist das?

Was Berliner Kinder gern essen - und was sie alles gar nicht kennen

© Glanze
Glanze-Kinderkochen
Vor der Küchenschlacht: Ernährungswissenschaftlerin Tanja Radzuweit (Mitte) mit großen und kleinen Teilnehmern des Kochkurses

Kinder haben recht genaue Vorstellungen vom Essen. "Hoffentlich gibt es nichts mit Auflauf", hofft Linus. Der Zwölfjährige besucht mit Vater Manfred einen Kochkurs der AOK. Die lädt ihre Mitglieder regelmäßig im Rahmen der Gesundheitsvorsorge zum Essen ein. In der Schauküche haben sich neun Teilnehmer um die Ökotrophologin Tanja Radzuweit geschart. Valeria ist 13 und weiß schon genau, dass Pommes nicht oben in der Ernährungspyramide stehen, weil sie am leckersten sind, sondern weil man davon höchstens eine Portion am Tag essen darf. Auf Celinas achtjährigem Gesicht zeichnen sich Sorgenfalten ab, als sie hört, dass ein Glas Eistee am Tag schon ihr Tagessoll an Zucker deckt. Und die ebenfalls achtjährige Sara möchte nicht glauben, dass das Trinktütchen mit der Orange drauf nicht zur täglichen Obstration beiträgt, sondern eigentlich nur Zuckerwasser ist.

Esskultur ist in vielen Familien auf dem Rückzug. "Wir sehen eine ganze Elterngeneration, die nicht mehr selbst kocht", sagt Katherina Graffmann-Weschke von der AOK Berlin. Die Medizinerin leitet die Präventionsabteilung der Kasse. Sie kennt die Folgen der Fehlernährung vor allem für Kinder. Hier die vernachlässigten und allein gelassenen Überernährten mit Bluthochdruck, Muskel- und Gelenkbeschwerden, Diabetes und Stoffwechselstörungen. Dort eine wachsende Zahl von Kindern mit Untergewicht, die in den Kühlschränken der Eltern für sich nichts Rechtes mehr findet.

Eltern tauen Fertigkost auf

In etlichen Familien wird die warme Mahlzeit in kalorienlastige Betriebs- und fade Schulkantinen ausgelagert. Es fehlt an gemeinsamen Frühstücken und der Abendbrotrunde, die geschwätzig am Tisch stattfindet und nicht stumm um den Fernseher herum. Viele greifen zu "pre-processed food", also industriell vorgefertigten und geschmacklich konfektionierten Nahrungsmitteln. Den Effekt zeigt der Kochkurs, noch bevor die erste Möhre geköpft wird. Die gertenschlanke Ernährungsexpertin Radzuweit hebt Dutzende bunter Karten hoch, die die Kinder als Bausteine in die Ernährungspyramide einfügen können. Die sind mit Eifer dabei. "Smacks sind was Süßes", sind sich alle sicher, "und die Milchschnitte auch!" Aber was ist all das Grünzeug? Der Fenchel geht schon mal als Zwiebel durch. Kürbis als Mango. Lauch ist für die Kinder zwischen acht und dreizehn ein Mysterium. Beim Obst läuft es besser.

Katharina Graffmann-Weschke kann pro Jahr und AOK-Versichertem 2,68 Euro in Aufklärung investieren. Sie setzt bei der Kursgestaltung auf Oma und Enkel. Die Alten wissen noch, wie es geht. Die Jungen sind neugierig, es zu lernen. Die Sandwich-Generation auftauender Eltern wird in die Zange genommen. Dabei scheint kochen leichter als gedacht. Erst Rezept lesen, dann kochen. Die Küchenschlacht geht also los. Oma Ulla macht sich mit Enkelin Sara an die gerösteten Tomaten-Vollkornbrote. Oleg hackt mit dem Messer Bananen und Äpfel in akkurat mundgroße Happen: "Mit einem Laserschwert wäre es noch besser!", ist er sich sicher und schaut sehnsüchtig der Schokolade im Wasserbad beim Schmelzen zu. Neben der Nachtischtruppe schneidet die Rohkostfraktion Gemüse. Celina und Großmutter Huma arbeiten ruhig nebeneinander. Eine rührt den Quark-Dipp, die andere streut die Kräuter hinein. Die Gemüseplatte ordnet Celina liebevoll nach Farben. Das Auge isst gerade bei Kindern mit. Dass Kochen mit Kids Kompromisse schließen heißt, lernen Linus und Vater Manfred schon vor der Vorspeise. "Stufe sechs!" "Nein, Stufe fünf!" feilschen sie um die Plattenhitze. Die Nüsse in ihrer Möhren-Kürbissuppe hätten vorab geröstet gehört und die Stücke sind nicht alle gleich groß geraten. "Egal", meint der Zwölfjährige, "die pürier ich eh gleich alle weg". Das will Oleg sehen. Wenn schon kein Laserschwert, dann wenigstens Pürierstab. Es geht munter zu im Kochstudio.

Ruck-Zuck ist alles fertig. Kochen, Küche putzen und Tisch decken haben gemeinsam weniger Zeit gebraucht als beim TV-Koch. Und es duftet gut wie selten bei einer Krankenkasse. Tanja Radzuweits Zeit für Ernährungs-Infos und praktische Küchentipps ist vorbei. Wichtig ist jetzt, was auf den Teller kommt. Und da möchten die jungen Vorkoster erst mal nur ganz kleine Portionen haben. "Wir essen ja hier nur gesundes Essen", stellt Oleg ein bisschen besorgt fest. Um dann beherzt von der grell orangefarbenen Suppe mehr zu essen als zunächst gedacht. Celina und Sara sind deutlich reservierter. Sie folgen zwar der eisernen Küchenregel der Referentin und kosten artig, aber die Möhren-Kürbissuppe bleibt ihnen suspekt.

"So viel Obst isst er sonst nie"

Kinder brauchen oft mehrere Anläufe, um sich mit einem neuen Geschmack anzufreunden. Expertin Radzuweit rät: "Anbieten, anbieten, anbieten." Jene, die mit vorgefertigten Geschmäckern aufgewachsen sind, holen hier die Grundlagen nach. "Was ist süß, sauer, salzig, bitter? Wie schmeckt Möhre und Apfel?" fragt Graffmann-Weschke. Beim selbst gemachten Tomatenbrot bleibt keine Scheibe übrig. Das Rohgemüse wird verputzt, der Quark höflich gekostet, mehr nicht. Dann kommen die schokolatisierten Obstspieße. Und werden einfach weggeatmet. Da kann die Möhre noch so gesund sein, Schokolade schmeckt eben einfach besser. Olegs Mutter ist nach den fünf Spießen, die ihr Achtjähriger sich einverleibt, dennoch zufrieden. "So viel Obst isst der sonst zu Hause nie." Fazit nach drei Tagen Kurs: Alle haben irgendwie profitiert. Eltern, weil ihre Kinder Regeln akzeptieren, wie die, dass alles gekostet, aber nicht aufgegessen werden muss. Kinder, weil sie in der Tischrunde Gehör finden. Großeltern, weil sie Wissen weitergeben und so Kinder stark machen.

"Wir sehen eine ganze Elterngeneration, die nicht mehr selbst kocht"

Katherina Graffmann-Weschke, Medizinerin bei der AOK Berlin

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