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27.09.11

Elternzeit

Babypause? Weltreise!

In der Elternzeit können Mutter und Vater gemeinsam zu Hause bleiben - oder auch ein paar Monate im Ausland verbringen

Es gibt sie noch. Paare, die mit ihrem Baby nach Föhr fahren, nach Dänemark und vielleicht sogar nach Mallorca. Das Elterngeld von Ursula von der Leyen hat allerdings bewirkt, dass man sich in mancher Runde kaum noch wagt, diese Ziele zu nennen. Dann nämlich, wenn Paare einen Teil ihrer Elternzeit gemeinsam genommen und nicht Europa, sondern entlegenste Teile der Welt gleich wochenlang bereist haben. Afrika, Asien oder Australien sind beliebte Destinationen - auch mit Säugling im Gepäck.

Alexandra und Jörg Klawitter aus Charlottenburg zum Beispiel wollten dem Berliner Winter entfliehen und entschieden sich für Thailand. Der RBB-Reporter und die selbstständige Beraterin hatten das Glück, gleich sieben Monate parallel Elternzeit nehmen zu können. "Wir hatten uns offen gelassen, wie lange wir bleiben wollen, maximal jedoch sechs Monate", erzählt Jörg Klawitter. Die Wahl fiel nicht nur wegen des sommerlichen Wetters auf Thailand, sondern auch wegen der guten medizinischen Versorgung und der hygienischen Standards. Ende Januar, als Sohn Vincent sieben Monate alt war, ging es nach Khao Lak.

"Vincent war damals schon komplett tiefenentspannt", erzählt Jörg Klawitter. Deshalb habe auch der lange Flug keine abschreckende Wirkung gehabt. "Was sollte denn sein? Er war ja bei uns", sagt der 42-Jährige. Und tatsächlich: sieben Stunden schlief Vincent, den Rest der Zeit spielte er. "Heute ist er 14 Monate alt und da können wir das natürlich nicht mehr machen", sind sich die Eltern einig.

Wie wichtig neben der Wahl des richtigen Ziels auch der Blick auf das Alter des Kindes ist, weiß Inka Schmeling, Autorin des Ratgebers "Abenteuer Elternzeit" und Mutter des mittlerweile dreijährigen Nepomuk. "Neulich waren wir an der Schlei, und er fand es schon blöd, nur sein Zimmer zu wechseln", sagt die 32-Jährige. 2009 war sie mit Mann und Sohn dafür fast zwei Monate entlang der Seidenstraße unterwegs, hat die Türkei, Syrien und den Iran bereist. Damals kein Problem. "Das sind alles sehr kinderfreundliche Länder, in denen man sich freut, ein Baby zu sehen", sagt Inka Schmeling. "Auf unserer Reise kam dann die Idee, einen Ratgeber zu schreiben - unser Internet-Tagebuch für Freunde und Familie bildete den Grundstock", erzählt die Autorin, die im Zuge ihrer Reisevorbereitungen feststellen musste, wie wenig Informationen es zu dem Thema Reisen mit Kindern gab.

Welche Impfungen sind nötig?

Zusammengekommen sind eine Menge erzählenswerte Anekdoten, die die Hamburgerin mit wichtigen Tipps kombiniert hat. Was gehört unbedingt in die Reiseapotheke? Muss mein Kind geimpft werden? Wie sieht es mit Zeitverschiebung aus? Wie funktioniert man als Paar? Zu Wort kommen neben weiteren "Elternzeitreisenden" auch noch Experten wie Mediziner oder Pädagogen, etwa wenn es um "Reisen aus Sicht des Babys" geht. Mit ihrem Mann, der ebenfalls Journalist ist, hat Inka Schmeling außerdem die Internetseite "Nepomuks Reisen" ins Leben gerufen, auf der Eltern mit Fernweh sich austauschen können. Und von denen gibt es scheinbar immer mehr.

Kritiker sehen die Entscheidung, die gemeinsame Elternzeit für eine Reise zu nutzen, als Modeerscheinung und Traumurlaub auf Staatskosten an. Das weiß auch Inka Schmeling. "Im Prinzip finde ich das Elterngeld gut, allerdings könnte man schon fragen, ob es in dieser Höhe sein muss. Oder, ob es genau andersherum verteilt werden müsste." Doch sie findet auch: "Wenn es das Elterngeld gibt, dann sollte man auch jedem überlassen, was er damit macht. Andere Familien, die zu Hause bleiben, verbringen ihre Zeit auf dem Spielplatz, im Café oder machen andere schöne Sachen." Für den Staat mache dies keinen Unterschied. Sie und ihr Mann hätten ihr Geld schon immer lieber in Reisen investiert und zehrten noch heute von der damals mit Nepomuk verbrachten intensiven Zeit.

Natürlich müssten bei aller Freude, zusammen einmal so viel Zeit zur Verfügung zu haben, immer die Bedürfnisse des Kindes im Mittelpunkt stehen: "Planen kann man ja schon vorher, aber ich würde auf keinen Fall fest buchen, bevor das Baby da ist." Nicht jeder Säugling reagiere gut auf Veränderungen. "Es gibt so viele Varianten des Reisens, auf jeden Fall soll es kein Stress sein."

Das sahen auch Jens Algner und Katja Hagedorn aus Friedrichshain so und verzichteten gänzlich auf Auto oder Flieger. Als Tochter Lucie ein Jahr alt war, schafften sie einen Spezial-Anhänger fürs Rad an und machten sich von Berlin auf nach Sachsen. Immer den Europa-Radweg entlang bis nach Wittenberg, später weiter auf dem Muldental-Radweg. Fünf Tage dauerte die Tour zur Großmutter in Meerane - frei nach dem Motto "Der Weg ist das Ziel". "Pro Tag haben wir sicher so 50 bis 60 Kilometer zurückgelegt", erzählt Jens Algner. Positiver Aspekt für die Eltern: die fortwährende Möglichkeit, sich auf den Rhythmus des Kindes einlassen zu können. Übernachtet hat die Familie in Pensionen, die in einem Radreiseführer empfohlen wurden. "Natürlich musste man sich einschränken, was man mitnimmt, und einmal kamen wir in ein heftiges Gewitter, aber wir waren ja nicht aus der Welt." Nach ein paar Wochen bei der Großmutter ging es zurück nach Hause auf dem Radweg an der Freiberger Mulde. "Und weil wir dann noch Zeit und auch ein wenig Langeweile hatten, haben wir uns später noch den Oderradweg vorgenommen", sagt der 39-Jährige. Mittlerweile ist Sohn Felix dazugekommen und die positiven Erfahrungen der Elternzeit haben die "kühne Idee" hervorgebracht, sich vielleicht wieder mal mit zwei Kindern aufs Rad zu schwingen.

Das soziale Umfeld fehlt im Ausland

Bei Familie Klawitter sind es am Ende doch nicht sechs Monate Thailand geworden. Es habe nicht an der Wärme gelegen, nicht am Speiseplan und auch nicht an der Gesundheit. Baby Vincent gefielen die Hotels und Ausflüge genauso gut wie den Eltern, und ein paar Hitzepickelchen hat er mühelos weggesteckt. "Eigentlich wollten wir uns nach einer Phase der Eingewöhnung eine Wohnung suchen", sagt Jörg Klawitter. "Aber wir haben recht schnell festgestellt, dass uns unser soziales Umfeld fehlt. Andere Babys, andere Eltern mit denselben Bedürfnissen und auch die Großeltern." Und seine Frau ergänzt: "Es war ja auch schwer, einmal allein etwas zu unternehmen."

Nach immerhin vier Wochen ging es zurück nach Berlin. "Das war doch keine Niederlage, wie uns manche Freunde erstaunlicherweise fragten, sondern eine völlig logische Entscheidung", so Jörg Klawitter. Seine Frau und er haben dann mit Vincent noch eine Woche Barcelona drangehängt. "Erst da wurde uns richtig bewusst, was uns eigentlich gefehlt hatte." Deshalb soll es im kommenden Jahr nach Norwegen gehen - mit möglichst vielen Freunden.

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