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26.09.11

Interview mit Psychiater Götz Mundle

"Sprechen Sie über Schwächen"

Die eigenen körperlichen Grenzen zu achten ist nicht leicht. Wie man einen Burnout vermeidet, erklärt Psychiater Götz Mundle

© picture alliance / Klaus Ohlensc/picture alliance
Stress im Büro
Erschöpft: Wer das Gefühl hat, die Arbeit wächst ihm über den Kopf, sollte Wege suchen, um auch mal abzuschalten

Mit dem Schalke-Trainer Ralf Rangnick hat sich ein weiterer Vertreter des Leistungssports zum Burnout bekannt. Doch nicht nur Prominente sind gefährdet, am Erschöpfungssyndrom zu erkranken. Auch Mütter müssen aufpassen, nicht auszubrennen, sagt Professor Götz Mundle. Er ist Psychiater und Chefarzt der Oberbergklinik Berlin-Brandenburg, die auf die Behandlung von Menschen mit Burnout spezialisiert ist. Mit Mundle sprach Beatrix Fricke.

Berliner Morgenpost: Viele Menschen fühlen sich gestresst. Was muss passieren, damit es zu einem Burnout kommt?

Götz Mundle: Wer chronisch seine Leistungsgrenzen überschreitet und sich keine Pausen mehr gönnt, ist in hohem Maße gefährdet. Deshalb trifft Burnout so oft Menschen in Spitzenpositionen. Sie stehen unter einem hohen äußeren Leistungsdruck. Doch was noch gravierender ist, ist der hohe Anspruch an sich selbst, die innere Leistungserwartung.

Berliner Morgenpost: Warum?

Götz Mundle: Menschen in Spitzenpositionen sind ja an sich schon leistungsbereit und müssen es auch sein. Doch muss man auch für sich sagen können: Nun ist es gut. Ich habe alles gegeben und brauche jetzt eine Pause. Das können einige dieser Menschen nicht. Sie machen immer weiter, bis die Wahrnehmung der eigenen Erschöpfung verloren geht. Von außen sieht man das gar nicht, denn die Umgebung ist ja gewöhnt, dass der Mensch immer rotiert.

Berliner Morgenpost: Sind eher Männer oder Frauen betroffen?

Götz Mundle: Das kann man nicht generell sagen. Berufsgruppen wie Lehrer oder Ärzte sind besonders gefährdet, und ganz allgemein nimmt die Anzahl psychischer Erkrankungen zu. Die Berentungen aus diesem Grund haben sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Was Frauen insbesondere gefährdet, ist die Doppelbelastung aus Erziehung und Haushalt sowie Beruf. Mütter spüren eine starke innere Verantwortung und ihre Ansprüche an sich sind hoch. Sie fühlen sich immer noch stärker zuständig, wenn es Probleme mit den Kindern gibt oder diese krank werden. Männer schaffen es außerhalb der Arbeit eher abzuschalten. Dafür ist ihr Stresslevel am Tag häufig enorm, und sie haben eher einen nicht so guten Zugang zu ihren Emotionen wie Frauen. Der ist jedoch wichtig, um aus der Stress-Spirale herauszutreten und Burnout vorzubeugen.

Berliner Morgenpost: Warum fällt das vielen so schwer?

Götz Mundle: Das hat mit mangelndem Selbstwertgefühl zu tun, das häufig aus früherer Zeit stammt. Da gibt es dieses unterbewusste Gefühl des Mangels, das Gefühl, nicht gut genug zu sein, nicht zugehörig zu sein. Ein Misserfolg im Beruf kann diese tief sitzenden, schmerzlichen Emotionen wieder auslösen. Um das zu verhindern, versucht der Mensch ständig zu beweisen: Ich kann das, ich bin gut. Doch geht diese Rechnung nicht auf. Arbeit kann den inneren Schmerz nicht ausgleichen, sie führt nicht zu emotionaler Sättigung. Sondern, wenn sie übertrieben wird, zur chronischen Erschöpfung bis hin zum Zusammenbruch.

Berliner Morgenpost: Wie kann man das verhindern?

Götz Mundle: Zum einen ist es wichtig, sein realistisches Leistungspotenzial anzusehen. Zum anderen geht es darum, seine Selbstwertdefizite wahr- und anzunehmen. Wir nennen das die narzisstische Wunde. Die schauen wir in der Therapie an und versuchen, sie zu heilen: indem wir über Schwächen und Ohnmacht sprechen, Emotionen und Wünsche herausarbeiten. Wir arbeiten auch mit Entspannungstechniken. Viele Menschen mit Burnout sind ja sehr kopflastig. Da geht es darum, einen anderen Zugang zum Körper zu bekommen. Jeder sollte das auch im Alltag üben.

Berliner Morgenpost: Wie denn?

Götz Mundle: Indem man über Überforderung und Schwächen redet - ob mit dem Partner, mit Freunden oder im Betrieb. Und indem man sich bewusst Pausen gönnt. Einfach mal pro Tag fünf Minuten bewusst abschalten, den Körper runterfahren. Sich nur auf den Atem konzentrieren, seinen Körper bewusst wahrnehmen, Gedanken kommen und gehen lassen - das hilft. Damit tritt man aus der Spirale und begibt sich hinein zu seiner inneren Quelle.

Berliner Morgenpost: Warum ist es so wichtig, sich Muße und kreative Auszeiten zu gönnen?

Götz Mundle: Ein Burnout entsteht, wenn man nicht entspannen und entschleunigen kann. Dann überdreht man regelrecht. Dieser chronische Stress wirkt auf das Nervensystem. Es ist ständig angespannt, der Kortisollevel steigt. Das führt zu Veränderungen in den Organen und Symptomen wie Bluthochdruck, Schlafstörungen, Libidoverlust. Tinnitus und Kreislaufkollaps sind häufige Folgen von Stress. Er kann bis hin zum Herzinfarkt, zu Depressionen und Angststörungen führen. Auch die Suchtgefahr steigt, etwa nach Alkohol oder Beruhigungsmitteln.

Berliner Morgenpost: Über Gefühle reden, abschalten - das klingt einfacher, als es ist...

Götz Mundle: Ja, es hat ein hohes Stigma, sich zu Schwächen zu bekennen und Pausen einzulegen. Das erfordert Mut. In unserer Gesellschaft spielt Leistung eine große Rolle, und gestresst und ausgebrannt zu sein, ist ja fast schon ein Ritterschlag. Es ist gut, wie sich die Gesellschaft geöffnet hat. Sie bietet viele Möglichkeiten der individuellen Freiheit und Flexibilität. Doch hat das auch eine Kehrseite. Früher war man in der Kirche, im Verein, in der Region, in langen Partnerschaften und Arbeitsbeziehungen verankert. Heute gibt es diese Sicherheiten nicht mehr. Das ist Stress pur, das setzt unter Druck. Mit solchen Herausforderungen muss man umgehen lernen. Wir brauchen mehr an innerer Verankerung und Verbundenheit. Und wir brauchen mehr Wahrnehmung unserer eigenen inneren Möglichkeiten, Grenzen und Wünsche. Wer diese Form der Innenschau beherrscht, kann auch in diesen stressigen Zeiten viel eher eine gesunde Balance zwischen innen und außen herstellen.

Berliner Morgenpost: Kann man von einem Burnout für immer geheilt werden?

Götz Mundle: Ich sage meinen Patienten: Eine Zeit ganz ohne Stress und ohne Anforderungen wird es nie geben. Und Therapie heißt auch nicht, dass Sie nie wieder erschöpft sein werden. Therapie ist die Chance, nicht mehr Getriebener zu sein, sondern sein Leben in Zukunft wieder aktiv zu gestalten. Bei uns in der Klinik war einmal ein Manager, Mitte 50. Er hatte seit Jahren durchgearbeitet, das regelmäßige Essen vernachlässigt - bis sein Kreislauf zusammenbrach. Die ersten Tage in der Klinik hat er nur geschlafen, so erschöpft war er. Dann hat er gelernt, sich selbst zu erkennen - und seinen Alltag zu strukturieren. Verändert hat er im äußeren Ablauf gar nicht viel: Fünf Minuten Meditation und Innenschau pro Tag, einmal in der Woche pünktlich Feierabend, ein Tag pro Wochenende frei, zweimal im Jahr Urlaub. Das hat gereicht.

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