Partnerschaft
Liebe ohne Leiden
Freitag, 4. Februar 2011 10:50Beziehungscoach Christian Thiel erklärt, warum Streit für eine Partnerschaft kein reinigendes Gewitter ist

Der Anlass ist meistens banal: eine offene Zahnpastatube, eine Socke auf dem Boden, der Müll nicht rausgebracht. Und schon ist der Streit da. "Warum kannst du nicht...", "Wieso hast du schon wieder...", "Immer muss ich...". Ein Wort gibt das andere, beide fühlen sich ungerecht behandelt, man schreit sich an, Türen knallen. So ein richtig handfester Krach hat eine reinigende Wirkung, sagen manche Paarberater. Andere warnen: Streit ist keine Lösung. Nie. Zu ihnen gehört auch der Berliner Christian Thiel. "Eigentlich wollen sich Paare doch gar nicht streiten", sagt der Beziehungscoach und Single-Berater. Für sein neues Buch hat er Studien ausgewertet, die belegen, dass Streit einer Partnerschaft niemals gut tut und deshalb unbedingt vermieden werden sollte. Warum und wie das gehen soll - darüber sprach Nicole Dolif mit dem Paarberater.
Berliner Morgenpost: Worüber streiten Paare sich vor allem?
Christian Thiel: Es sind vor allem die alltäglichen Dinge, bei denen Paare aneinandergeraten. Darüber gibt es in vielen Partnerschaften Streit. Es ist auch schwer, einen Mittelweg zu finden. Denn es ist ja wichtig, seine Wünsche zu äußern. Das sollte aber halt so passieren, dass es den anderen nicht verletzt. Denn sonst kommt es zum Streit.
Berliner Morgenpost: Wie verläuft ein Streit typischerweise?
Christian Thiel: Jedem Streit liegt eine Verletzung zugrunde. Der eine kommt nach einem anstrengenden Tag nach Hause, ärgert sich über den Schal auf dem Boden und macht eine bissige Bemerkung. Dadurch fühlt sich der andere ungerecht behandelt und schießt zurück. So ergibt ein Wort das andere, Türen knallen, die Partner brüllen sich an. Am Ende sind dann beide ganz ermattet - und eine Lösung für das Problem haben sie trotzdem nicht gefunden. Denn je zugespitzter die Lage, desto weniger ist das Gehirn in der Lage, einen kreativen Ausweg aus der Situation zu finden.
Berliner Morgenpost: Gibt es denn für jeden Streit eine Lösung, wenn das Paar nur lange genug miteinander redet?
Christian Thiel: Nein, leider nicht. Für manche Probleme in der Partnerschaft gibt es einfach keine Lösung, und eine schnelle schon mal gar nicht. Denn oft ist es so, dass die Konflikte aus dem Charakter der Beteiligten entspringen. Das lässt sich auch durch Reden nicht lösen.
Berliner Morgenpost: Was raten Sie also?
Christian Thiel: In der akuten Streitsituation hilft oft körperliche Annäherung. Eine Berührung, eine Umarmung als Signal, dass man sich gern hat. Ganz wichtig ist in der Partnerschaft auch ein rechtzeitiges ,Es tut mir leid'. Denn im Streit werden auf beiden Seiten verletzende und unfaire Dinge gesagt. Die gilt es, wieder gutzumachen. Wenn das Paar es schafft, aus dem Streit in Richtung gute Laune abzubiegen, findet sich meistens auch schnell eine Lösung für das zugrunde liegende Problem. Ist die Stimmung erst mal abgekühlt, ist Zeit für ein Gespräch. Warum ist das so gelaufen? Was hat dich so verletzt? Was war da los?
Berliner Morgenpost: Und was können Paare langfristig tun, um die unangenehmen Streitsituationen zu vermeiden?
Christian Thiel: Wer lernt, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen und mit den Ohren des anderen zu hören, der hat theoretisch gute Chancen auf ein harmonisches Miteinander. Aber das kann Jahre dauern. Und manchmal klappt es auch einfach nie.
Berliner Morgenpost: Aber gehört ein gewisses Maß an Streit denn nicht zum Zusammenleben dazu?
Christian Thiel: Konflikte gehören unbedingt dazu, das ist sicher richtig. Denn wenn unterschiedliche Menschen zusammenleben, gibt es immer unterschiedliche Auffassungen, die alle zu vertreten sind. Aber Streit muss deshalb nicht sein. Wer lernt, seine Wünsche so zu artikulieren, dass sie den anderen nicht verletzen, kommt sehr gut ohne Streit aus. Allerdings bedeutet es, dass man von sich absehen muss. Dass es einem nicht darum geht, Recht zu haben, sondern erfolgreich seine Wünsche zu artikulieren.
Berliner Morgenpost: Gibt es auch Momente, in denen ein Partner den Ärger über den anderen lieber herunterschlucken sollte?
Christian Thiel: Ja, die gibt es auf jeden Fall. Zum Beispiel, wenn der Partner, über den man sich gerade geärgert hat, in einer sehr schwierigen Situation ist, zum Beispiel beruflich unter großem Druck steht. Wichtig ist allerdings, dass man sich das, worüber man sich geärgert hat, gedanklich auf Wiedervorlage legt und in einer günstigeren Situation dann wieder anspricht. Denn sonst entsteht Frust und aus Frust wieder Streit.
Berliner Morgenpost: Meine Oma hat immer gesagt, dass streiten gesund ist, wenn man es nur richtig macht...
Christian Thiel: Dann ist Ihre Oma nicht auf dem neuesten Stand der Forschung. Sich zu streiten ist sogar ausgesprochen ungesund. Kurzfristig führt es zu Schlafmangel, Tränensäcken unter den Augen, einer gramgebeugten Körperhaltung und einer sorgenvollen Miene. Langfristig sind die Folgen noch deutlich gravierender: Wer sich oft streitet, wird häufig krank, denn Streit schwächt das Immunsystem. Denn bei heftigen Auseinandersetzungen ist der Körper ausschließlich darauf aus, seine Kräfte für einen Kampf zu mobilisieren. Die Ausschüttung von Hormonen wie Adrenalin und Cortisol ermöglicht es ihm, sich auf das im Augenblick wichtigste Ziel zu konzentrieren. Andere biochemische Prozesse müssen dagegen zurückstehen. Und dazu gehören auch die Abwehrmechanismen des Körpers, das Immunsystem ist geschwächt. Zufriedene Paare hingegen haben mehr weiße Blutkörperchen, die vor gesundheitlichen Gefahren schützen.
Berliner Morgenpost: An die reinigende Wirkung eines richtig handfesten Krachs glauben Sie also gar nicht?
Christian Thiel: Nein, denn es geht auch anders. Und das ist für alle Beteiligten auf jeden Fall angenehmer. Allerdings ist es auch kein Weltuntergang, sich zu streiten. Denn es gibt Beziehungen, die sind wackelig, obwohl es fast nie Streit gibt. Und im Gegenzug gibt es Partnerschaften, die sind trotz heftiger Auseinandersetzungen sehr stabil, weil sich die Partner auf der anderen Seite ganz viel Positives geben. Der amerikanische Psychologe John Gottman, der viele Paare untersucht hat, bringt es auf die Formel 5:1. Für jede Gemeinheit, die im Streit gesagt wird, braucht es fünf positive Erlebnisse, um das Gesagte wieder gutzumachen. Ich glaube, das kommt tatsächlich ganz gut hin.
Berliner Morgenpost: Aber muss man bei seinem Partner nicht auch einfach mal Dampf ablassen können?
Christian Thiel: Untersuchungen zeigen, dass sich das nicht bewährt hat. Glaubt man Wissenschaftlern wie zum Beispiel dem Bochumer Psychologieprofessor Hans-Werner Bierhoff, dann ist es für eine Beziehung sogar ausgesprochen förderlich, wenn wir nicht regelmäßig beim Partner oder bei der Partnerin Dampf ablassen. Wir selbst wollen ja auch nicht vom Partner mit Unmut überhäuft werden.

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