Interview
Spielerische Therapien helfen Stotterern am besten
Heute ist der "Welttag des Stotterns". Mehr als 800 000 Menschen in Deutschland stottern. Wie es dazu kommt und warum eine Enttabuisierung so wichtig ist, darüber sprach Karoline Beyer mit Frauke Kern, 43, Logopädin aus Charlottenburg und stellvertretende Vorsitzende des Berliner Landesverbandes der Bundesvereinigung der Logopäden.
Berliner Morgenpost: Was macht Stottern zum Problem?
Frauke Kern: Eigentlich ist es ein Kommunikationsproblem zwischen Stotterern und Nichtstotterern. Für den Stotterer, weil er sich schwer ausdrücken kann und für den Nichtstotterer, weil er darauf reagiert, in dem er vielleicht wegguckt oder Schuldgefühle entwickelt.
Berliner Morgenpost: Wodurch wird Stottern verursacht?
Frauke Kern: Die genaue Ursache ist noch nicht erforscht. Man weiß, dass Stottern eine Koordinationsstörung zwischen Gehirn und motorischen Abläufen ist. Viele Faktoren spielen eine Rolle, dass es nicht rund läuft. Atmung, Melodie und Rhythmus müssen harmonieren. Wichtig ist, dass man Stottern nicht als psychische Krankheit begreift oder als Randgruppenproblematik. Manchmal werden Stotterer als neurotisch bezeichnet oder als psychisch labil. Das ist fatal.
Berliner Morgenpost: Welche Arten von Stottern gibt es?
Frauke Kern: Es gibt das psychogene Stottern, das aus einem unverarbeiteten Trauma resultiert, aber kein Fall für den Logopäden ist, sondern eher für eine psychiatrische Behandlung. Das entwicklungsbedingte Stottern ist meistens genetisch bedingt und hat seine Anfänge in frühester Kindheit. Es kann therapiert werden, vor allem, wenn die Patienten jünger sind. Dann hat sich ihr Stottern möglicherweise noch nicht verfestigt. Wir testen zunächst, ob der Patient stottert oder nur unflüssig spricht.
Berliner Morgenpost: Wie fängt Stottern an?
Frauke Kern: Im Alter von drei bis fünf Jahren stottern ungefähr 80 Prozent aller Kinder. Bei den meisten bleibt es bei Unflüssigkeiten, die nach einem halben Jahr wieder verschwinden. Das gehört zu unserer Sprachentwicklung. Bei manchen Kindern verschwindet es aber nicht. Dann sollten sich die Eltern von einem Logopäden beraten lassen. Denn nach einer gewissen Zeit werden die Kinder problembewusst und fangen an, sich selbst unter Druck zu setzen. Sie entwickeln häufig Ängste und Vermeidungstaktiken.
Berliner Morgenpost: Was passiert eigentlich beim Stottern?
Frauke Kern: Es kann zu einer Silben- oder Wortwiederholung kommen: 'Blublublume' etwa, was noch recht locker ist. Oder das Stottern enthält Dehnungen wie zum Beispiel 'Sssssonne'. Anstrengender ist es, wenn es klonisch wird, also das Stottern aus Lautwiederholungen besteht: 'Kkkkkaffee'. Der Tonus ist dann schon ein sehr festes Stottern, hörbar als 'A...a...a...pfel', was sehr verkrampft klingt und mit Pausen und viel Kraft hervorgepresst wird. Stottern setzt sich meistens auf Vokale und Verschlusslaute. Wir sprechen von Blocks, also von Blockierungen, bei denen die Muskeln der Sprechorgane verkrampfen.
Berliner Morgenpost: Was sind die ersten Therapieschritte?
Frauke Kern: Am besten kann man helfen, solange das Stottern noch locker ist. Häufig wird nicht flüssiges Sprechen aber negativ dargestellt. Die Eltern werden nervös und sagen vielleicht Dinge wie 'Jetzt rede mal richtig'. Das schafft eine negative Assoziation und forciert Ängste. Logopäden fangen mit den Kindern in kleinen Schritten an, vor allem mit einer spielerischen Therapie, die Sprechfreude assoziiert.
Berliner Morgenpost: Was sollte ein Nichtstotterer im Gespräch beachten?
Frauke Kern: Am besten ist es, wenn man nicht um den heißen Brei herumredet, sondern das Stottern anspricht. Das ist für beide Seiten oft sehr entspannend. Man sollte Ruhe ausstrahlen, den Blickkontakt halten und schweigen, während der andere spricht. Ich sage oft zu Stotterern: Ihr müsst auch Verantwortung dafür übernehmen, wie das Gespräch verläuft. Schließlich bringt ihr das Problem mit.
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