Schule
Mit den Händen lesen lernen
An der Hasenschule in Wilmersdorf geben Freiwillige schwachen Schülern Nachhilfe
Von Eva Lindner
Matrose ist ein sehr schweres Wort, findet Michael. "Ma-tro-se", spricht er in Silben. Dabei flitzen die Hände des Siebenjährigen durch sein Gesicht. Drei gestreckte Finger auf dem Mund für das "M". Für das "A" formen die Zeigefinger und Daumen beider Hände ein Dreieck, das er erst auf seinen Mund legt und dann davon wegzieht. Es sieht aus wie Taubstummensprache. "Rabanus-Methode" heißt die Fingersprache, die Michael beim Lesen lernen helfen soll. Dabei wird ein Laut mit einem Fingerzeichen verbunden, damit sich die Kinder besser erinnern. "Meine Güte, war das gut, und so schnell!", lobt Ulla Vogtländer und klebt Michael zur Belohnung einen roten Aufkleber auf seinen Text.
Ulla Vogtländer ist 66 Jahre alt und in Rente. Sie sprüht vor Energie und arbeitet einmal in der Woche ehrenamtlich vier Stunden in der "Hasenschule" und unterstützt Schüler, die in ihren Klassen Probleme mit dem Schreiben, Rechnen und vor allem mit dem Lesen haben. Die Hasenschule bietet ein Intensivtraining am Nachmittag, damit die Schüler im Idealfall schnell wieder das Niveau ihrer Klasse erreichen.
Michael geht auf die Sonderschule. Er ist zweisprachig aufgewachsen. Sein Vater spricht deutsch mit ihm, seine Mutter ukrainisch. Michael hat erst angefangen zu sprechen, als er vier Jahre alt war. Die Eltern haben einen Logopäden eingeschaltet. Vergeblich, denn Michael konnte noch nicht gut genug deutsch sprechen. Vor der ersten Klasse wurde seine Intelligenz getestet. 74 Punkte. Die Grenze für eine normale Grundschule liegt bei 75. "Michael ist schon in den Sonderschulstatus gerutscht, bevor er überhaupt lesen gelernt hat, weil die Intelligenztests häufig mit Sprache zusammenhängen", sagt Constanze Friederike Rabanus. Ihre Mutter entwickelte die Fingerzeichen-Methode. Im April hat Rabanus die Leitung der Berliner Hasenschule in Charlottenburg übernommen.
Keine Chance auf der Sonderschule
Michael lernt seit Juni in der Hasenschule lesen. Sein Intelligenzquotient hat sich auf mehr als 90 Punkte verbessert. Mutter Halina ist überglücklich. "Nach den Winterferien darf Michael auf eine Grundschule übertreten", sagt sie. "Auf der Sonderschule hätte er doch keine Chancen für seine Zukunft gehabt." Bis es soweit ist, übt Michael weiter mit Ulla Vogtländer lesen. Sie hat seine Fortschritte begleitet. "Er hat so schnell gelernt und liest jetzt nicht mehr, ohne die Fingersprache zu verwenden", sagt sie und streicht Michael über den Rücken.
Vogtländer ist fasziniert von der Methode der Hasenschule, spielerisch lesen zu lernen. "Ich freue mich immer, hierher zu kommen. Es ist so schön zu sehen, wie die Kinder hier Freude am Lernen haben, lachen und springen, obwohl sie zwei Wochen vorher noch mit hängendem Kopf reingeschlichen sind." Sie selbst sei nie gerne zur Schule gegangen. Ulla Vogtländer wurde 1950 eingeschult, saß mit 51 anderen Schülern in einer Klasse. "Da gab es keinen individuellen Unterricht, unsere Lehrer waren kriegsversehrt, alt und rigide", sagt sie. Lernen sei mit Angst und Druck verbunden gewesen.
Ehrenamtliches Engagement ist für Ulla Vogtländer nicht neu. Vier Jahre lang hat die gelernte Buchhalterin in einer Bibliothek in Tübingen mit anderen freiwilligen Helfern 70 000 Bücher katalogisiert. Vogtländer selbst hat keine Kinder, kümmert sich aber um ihre Großneffen, seitdem sie in Berlin lebt. Ihre Nachbarin hilft schon seit langem in der Hasenschule aus. Deshalb hat Ulla Vogtländer sich bei Constanze Rabanus gemeldet. "Ich wollte mich gerne wieder engagieren", sagt sie. "Ehrenamt hat aber oft mit Alter und Krankheit zu tun, ich wollte lieber was mit Kindern machen." Einen Abend lang wurden Ulla Vogtländer und die anderen ehrenamtlichen Mitarbeiter in der Fingersprache geschult. "Manchmal im Unterricht weiß ich auch nicht mehr, wie das Fingerzeichen für einen Laut geht, dann schauen wir halt gemeinsam nach", sagt sie.
Meist sitzt sie auf der Lesebank. Bevor sich Michael und die anderen Schüler neben sie setzen und ihr die Texte vorlesen, durchlaufen sie drei Lesestationen allein. "Die Unterbrechung zwischen den Lesestationen tut den Kindern gut", sagt Vogtländer. "Sie sitzen ja schon den halben Tag in der Schule, hier bewegen sie sich viel."
Ulla Vogtländer ist eine von sechs freiwilligen Helfern in der Hasenschule Berlin. An vier Tagen in der Woche helfen Eltern, Großeltern oder Lehrer in der Nachmittagsschule an der Lietzenburger Straße aus. Besondere Voraussetzungen müssen sie nicht erfüllen. "Wenn sich jemand für die Aufgabe interessiert, ist er meistens schon dafür geeignet", sagt Leiterin Rabanus. 40 Schüler besuchen an den Nachmittagen die Hasenschule, um lesen, rechnen und schreiben zu üben. Es sind die Kinder von Richtern, Schauspielern, Architekten - "typisches Charlottenburger Klientel", sagt Rabanus.
Der richtige Lerntyp
Die meisten Schüler sind zweisprachig aufgewachsen, meist deutsch-englisch, oder deutsch-französisch. Oder eben deutsch-ukrainisch, wie Michael und seine Schwester. Auch die fünf Jahre alte Jennifer besucht schon die Hasenschule. Ihre Mutter Halina will vermeiden, dass sie auf der Sonderschule landet, wie Michael vor einem Jahr. "Ich habe Angst, dass wir das noch mal erleben müssen, deshalb geht Jennifer zur Prävention auf die Hasenschule, um lesen zu lernen", sagt Halina. Rabanus sieht die Schuld für Schulversagen nicht bei den Eltern. "Es hat nichts damit zu tun, dass die Eltern zu wenig mit ihren Kindern lesen, meistens wurde einfach der Lerntyp in der Schule nicht erkannt", sagt Rabanus. "Das Kind wird dann zurückgestuft oder auf die Sonderschule geschickt." Es gebe Lerntypen, die mit einer Zeile lesen überfordert seien, dafür müsse man dann individuell Wort für Wort vorgehen. Die Zeit dafür fehle an den Schulen. "Das hat aber nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun", sagt Rabanus. Viele ihrer Schüler seien sogar überdurchschnittlich intelligent. "Zehn Prozent einer Klasse lernen nicht richtig lesen", sagt sie. Viele der Kinder hätten häufige Schulwechsel hinter sich, hörten in ihren Klassen, sie seien dumm und würden das nie schaffen.
Ulla Vogtländer und die anderen Helfer bemühen sich deshalb, Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl bei den Schülern aufzubauen. Vogtländer begrüßt jeden ihrer Schützlinge mit Handschlag, fragt sie, wie es ihnen geht oder streicht ihnen über den Kopf. Am Ende jeder Stunde gibt es ein kleines Geschenk zur Belohnung. "Ich achte sehr darauf, dass die Kinder sich gut benehmen und sich wohlfühlen", sagt sie. "Viel loben, bloß nicht tadeln", das ist ihr Motto. Und wenn Michael und die anderen Kinder in die Ferien gehen, dann freut Ulla Vogtländer sich schon wieder auf den ersten Schultag.
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