Anne C. Voorhoeve
"Jugendliteratur sollte nicht harmlos sein"
Montag, 6. September 2010 11:38Die Berliner Autorin Anne C. Voorhoeve erzählt in ihren Büchern von den dunklen Kapiteln deutscher Geschichte

Gerade erst ist Anne C. Voorhoeve umgezogen, zum dritten Mal in Berlin. "Bislang habe ich nach jedem Buch die Wohnung gewechselt", sagt die 46-jährige Jugendbuchautorin lachend. Drei Bücher waren es bisher, nun lebt die gebürtige Bad Emserin in einer Altbauwohnung in Spandau, zusammen mit vier Wellensittichen und ihrem neuen Buchprojekt. Vor fünf Jahren zog sie in die Hauptstadt, vor allem, "weil hier an jeder Ecke Geschichte zu spüren ist". Und Geschichte, das ist ihr Thema, vor allem die Zeit des Nationalsozialismus und des geteilten Deutschland. Die Historikerin und Politikwissenschaftlerin erzählt von der 13-jährigen Lilly, die die Mauer von West nach Ost überwinden will ("Lilly unter den Linden"). Oder von der 14-jährigen Fritzi, deren Verwandtschaft nach dem Hitler-Attentat in Sippenhaft genommen wird - angelehnt an die Geschichte der Familie Stauffenberg ("Einundzwanzigster Juli"). Einfühlsam versetzt sie sich in ihre Figuren hinein und bringt so ihren Lesern Geschichte sehr nahe. Nicht zuletzt deshalb wurden ihre Bücher mehrfach ausgezeichnet. Annette Kuhn sprach mit Anne Voorhoeve darüber, wie Kinder und Jugendliche an die dunklen Kapitel der deutschen Geschichte herangeführt werden können.
Berliner Morgenpost: Gerade hat sich der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zum 71. Mal gejährt. Wie viel der Geschichte kann man Kindern zumuten?
Anne C. Voorhoeve: Ich habe das Gefühl, dass Kinder sehr offen gegenüber der jüngsten Geschichte sind. Der Krieg ist schon wieder so weit weg, und sie haben nicht mehr dieses Schuldgefühl, das meine Generation noch hatte. Das erleichtert es, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und gerade in Berlin gibt es ja so viele historische Spuren, die Eltern und Lehrer mit Kindern entdecken können. Ich glaube, man kann sich gar nicht zu früh mit diesem Kapitel der Geschichte beschäftigen. Natürlich muss man Kinder ihrem Alter entsprechend an die Geschichte heranführen. Aber ich glaube, man kann ihnen durchaus viel zumuten. Sie erleben doch heutzutage in ihrem Alltag auch sehr viele Härten. Jugendliteratur sollte nicht harmlos sein. Man darf Kinder ruhig auch schockieren, man darf sie auch mal zum Weinen bringen, das ist nichts Schlimmes.
Berliner Morgenpost: Sie sprechen die Lehrer an: Oft steht die Zeit des Nationalsozialismus aber erst in der Oberstufe auf dem Lehrplan. In der sechsten, siebten Klasse befassen sie sich mit den alten Römern oder dem Mittelalter.
Anne C. Voorhoeve: Das finde ich schwierig. Ich denke, man sollte die NS-Zeit und die DDR früher im Unterricht behandeln. Die Zeit erschließt sich einem Zwölfjährigen sicher schneller als das Mittelalter, auch wenn es immer schwieriger wird, den Stoff anschaulich zu vermitteln. In dem Alter bringen Kinder auch meist viel Empathie auf, die ich für sehr wichtig halte, um die Schicksale der Menschen während des Zweiten Weltkriegs nachzuvollziehen. Und wenn die Kinder voller Fassungslosigkeit vor dem stehen, was damals passiert ist, wird doch dadurch vor allem ihr Interesse geweckt. Sie stellen Fragen. Wieso mussten so viele Menschen sterben? Wieso wurden die Juden verfolgt? Gerade in ihren manchmal naiven Fragen zeigt sich das Bizarre der Nazi-Ideologie.
Berliner Morgenpost: Wie gehen Sie in Ihren Büchern auf diese Fragen ein?
Anne C. Voorhoeve: Ich versuche, mich beim Schreiben vor allem in die Erzählfigur meiner Bücher hineinzuversetzen. Ich stelle mir vor, wie sie gelebt hat, wie sie über die politischen Ereignisse gedacht hat. Ich versuche die Zeit ein bisschen einzufangen, herauszufinden, wie sie auf Kinder gewirkt haben muss.
Berliner Morgenpost: Und gibt es auch eine Botschaft, die Kinder für ihr Leben heute ziehen können?
Anne C. Voorhoeve: Neben dem historischen Konflikt gibt es in meinen Büchern ja immer auch einen menschlichen Konflikt, der im Vordergrund steht und zu dem der Leser in Beziehung treten kann, selbst wenn die Historie zunächst mal weit entfernt scheint. Lilly zum Beispiel trauert um ihre verstorbene Mutter und hat Sehnsucht, wieder zu einer Familie zu gehören. Sie will von Hamburg zu ihrer Tante nach Jena ziehen. Und dann greift die Zeitgeschichte direkt in ihr Leben ein. Zu sagen: "Geschichte/Politik interessiert mich nicht", würde sie nicht weiterbringen. Es geht mir nicht darum, dass meine Leser die historischen Fakten "lernen", aber im Idealfall bleibt hängen, dass die Zeit, in der wir leben, uns etwas angeht - egal ob in der Nazi-Zeit oder heute.
Berliner Morgenpost: Woher kommt Ihr Interesse für die Zeit des Nationalsozialismus?
Anne C. Voorhoeve: Schon als Jugendliche, mit 13 Jahren, habe ich angefangen, Bücher über diese Zeit zu lesen. Ich weiß nicht, wie oft ich das "Tagebuch der Anne Frank" gelesen habe. Ich war wie gebannt davon. Auch andere Bücher habe ich gelesen, zum Beispiel von Willi Fährmann. Was mich an der Nazi-Zeit so fasziniert, ist, dass sie im Menschen die besten und schlechtesten Eigenschaften hervorgebracht hat. Wir haben da, auf Deutsch gesagt, die Schweine, aber auch Helden, Menschen, die über sich hinausgewachsen sind. Was da an Abgründen, aber auch an menschlicher Größe im Miteinander zum Vorschein kommt - zum Beispiel bei den Stauffenbergs, dieser Zusammenhalt der Familie - das fasziniert mich sehr.
Berliner Morgenpost: Mit der Familie Stauffenberg haben Sie sich sehr intensiv auseinandergesetzt.
Anne C. Voorhoeve: Ja, "Einundzwanzigster Juli" ist ein historischer Roman über die Sippenhaft der Familie von Stauffenberg nach dem Attentat auf Hitler. Alle Familienmitglieder kommen in meinem Roman vor, allerdings unter anderem Namen. Nur die Erzählfigur, die 14-jährige Fritzi, hat es so nicht gegeben. Ich habe vor dem Schreiben Kontakt zur Familie aufgenommen, zu denen, die damals schon gelebt haben. Auf Schloss Greifenstein in Franken habe ich Otto Philipp Schenk Graf von Stauffenberg, den Neffen von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, und seine Schwester besucht. In diesem Schloss, in dem Zimmer, in dem ich mich mit ihm getroffen habe, wurde vor 66 Jahren sein Großvater, Bertold von Stauffenberg, verhaftet. In dem Zimmer waren noch die alten Möbel, die Teppiche, die Atmosphäre - das zu erleben, war für mich sehr wichtig.
Berliner Morgenpost: Wie hat die Familie auf das Buch reagiert?
Anne C. Voorhoeve: Während des Schreibens habe ich immer drei, vier Kapitel an Graf von Stauffenberg geschickt, aber es kam nie eine Reaktion. Erst als das Buch fertig war, wurde ich wieder eingeladen. Ich fuhr also noch mal auf das Schloss und hatte überhaupt keine Ahnung, was sie mir jetzt wohl sagen würden. Ich war so nervös, dass ich die Treppe raufgefallen bin. Oben stand er und strahlte. "Herzlichen Glückwunsch", sagte er, und mir fiel ein Stein vom Herzen.
Berliner Morgenpost: Nationalsozialismus, Judenverfolgung, geteiltes Deutschland - Ihre Themen sind düster. Dennoch gibt es Momente, in denen Kinder beim Lesen lachen müssen.
Anne C. Voorhoeve: Humor hat in meinen Büchern eine große Bedeutung. Gerade wenn die Geschichte so schwer ist, braucht man doch auch Momente, in denen man sich befreien kann. Das ist auch für mich wichtig: Mindestens ein Jahr schreibe ich an einem Buch, das ist ein Gefühl, als würde man in einer WG wohnen mit den Figuren.
Berliner Morgenpost: Worum wird es denn in Ihrem neuen Buch gehen?
Anne C. Voorhoeve: Um die Geschichte Helgolands nach dem Krieg. Die Insel war ja nach dem Krieg komplett evakuiert und lange in der Hand der Briten. Eine spannende Geschichte. Ich habe Kontakt zur Familie von James Krüss aufgenommen, der ja von der Insel stammt. Seine Schwester lebt noch auf Helgoland.
Berliner Morgenpost: Welche Reaktionen auf Ihre Bücher haben Sie besonders gefreut?
Anne C. Voorhoeve: Nach dem Lesen haben mir manche Leute erzählt, dass ihnen viele Dinge wieder eingefallen sind und dass sie vielleicht zum ersten Mal mit ihren Kindern oder Enkelkindern ins Gespräch über die Vergangenheit gekommen sind. Das ist ein sehr schönes Gefühl für einen Autor, denn ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass in der Familie mehr darüber gesprochen wird. Vor allem weil es ja kaum noch Zeitzeugen gibt und Fakten in den Geschichtsbüchern viel zu trocken sind.

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