Hunde
"Das macht er nicht, weil er böse ist"
Montag, 26. Juli 2010 11:51 - Von Nina TrentmannViele Kinder haben Angst vor Hunden. Das Projekt "Helfer auf vier Pfoten" will dies ändern. Dabei werden die Betreuer von Vierbeinern unterstützt

Vorsichtig streckt Gipsy ihre Schnauze vor. Sie schnüffelt und sucht nach Schadjas Hand. Das Mädchen wimmert leise. Die 12-Jährige hat Angst, richtig Schiss. So groß, so viele Haare, so viel Tier. Das kennt Schadja nicht. Noch nie hatte sie so engen Kontakt zu einem Hund. Gipsy bleibt geduldig stehen, wedelt mit dem Schwanz, ein Signal ohne Worte: Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Schadja kämpft mit sich selbst: Sie will weglaufen, weiß aber, dass das bei Hunden den Jagdinstinkt weckt.
Dabei braucht sie das bei Gipsy nicht zu befürchten. Die sechsjährige Mischlingshündin ist ein geprüfter "Helfer auf vier Pfoten", der Kindern und Jugendlichen die Angst nehmen soll. Drei Mal in der Woche besucht Gipsy mit ihrer Besitzerin Barbara Meyer Kindergärten, Schulen und Freizeiteinrichtungen. Eine Initiative, die Not tut, denn immer wieder kommt es in Berlin zu gefährlichen Situationen: Am Samstag rannte ein elfjähriges Kind in Neukölln aus panischer Angst vor einem nicht angeleinten Hund auf die Straße und wurde dabei von einem Auto angefahren. Es kam verletzt ins Krankenhaus.
Missverständnissen vorbeugen
500 Kinder hat Gipsy in diesem Jahr schon geschult. In der "Laufmasche", einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche an der Müllerstraße im Wedding, ist Gipsy schon zum zweiten Mal im Einsatz. "Wisst ihr noch, warum ihr nie die Arme hochreißen dürft?" Barbara Meyer beginnt die Trainingsstunde mit einer Wiederholung. Die zwölfjährige Xenia zeigt auf: "Weil Gipsy dann denkt, wir hätten was zu fressen in der Hand." Ein Missverständnis, das im schlimmsten Fall mit einem abgebissenen Ohrläppchen oder einem Biss ins Gesicht enden kann, weil der Hund am Kind hochspringt und schnappt. "Das macht der Hund nicht, weil er böse ist", sagt Barbara Meyer. Das versucht sie den Kindern zu erklären: Viele Unfälle passieren, weil sich der Mensch falsch verhält - indem er dem Hund direkt in die Augen schaut, stürmisch auf ihn zuläuft oder ihn am Schwanz zieht.
Die fünf Kinder sind aufgeregt. Sie sitzen auf einer Bank auf dem angrenzenden Schulhof und rufen alle durcheinander: "Gipsy! Komm mal her! Schau hier!" Der Kopf der Hündin geht hin und her. Wer will denn jetzt hier was? "Stopp. Gipsy weiß doch gar nicht, was sie soll", sagt Barbara Meyer. "Es ruft immer nur einer nach dem Hund." Sie stellt die Kinder der Reihe nach in die Mitte, lässt jeweils die anderen rufen. Die Verwirrung ist groß, als es ihnen wie dem Hund ergeht.
Gipsy beruhigt sich schnell wieder - auch wenn zwölf oder 15 Kinder um sie herum stehen und rufen. In jeder Gruppe gibt es Kinder, die vor Angst ganz steif werden und solche, die lautstark auf das Tier zulaufen - beides Situationen, die einen Hund schnell aggressiv machen. "Den Übermütigen erzähle ich immer, dass Gipsy vom Wolf abstammt", sagt die Hundeführerin. Das wirkt. "Auf einen Wolf würdet ihr ja auch nicht zulaufen." Zustimmendes Nicken. "Viele Kinder wissen einfach nicht, wie sie sich einem Tier nähern sollen", sagt Barbara Meyer. "Dabei rennen hier in Berlin so viele Hunde ohne Leine und ohne Maulkorb rum."
Damit beim Training nichts passiert, muss Gipsy alle zwei Jahre eine so genannte Begleithundeprüfung absolvieren. "Da wird all das absichtlich gemacht, was Kinder gerne falsch machen", sagt Barbara Meyer. Futter aus dem Maul nehmen, an den Ohren ziehen, fest umarmen - das kostet Nerven. Nur wenn Gipsy alles über sich ergehen lässt, ohne aggressiv zu werden, darf sie für weitere zwei Jahre als "Helfer auf vier Pfoten" eingesetzt werden. Hunde, die älter als acht Jahre sind, müssen die Prüfung jährlich ablegen.
"Guck mal, Gipsy hat Schuppen", sagt die zwölfjährige Mizgin, "die muss mal wieder baden." Ein Irrtum: Hunde müssen nicht duschen, sonst leidet die natürliche Fettschicht auf der Haut. "Bürsten reicht", sagt Barbara Meyer. Auch auf das Zähneputzen kann Gipsy verzichten. Barbara Meyer klappt die Lefzen des Hundes hoch, zu sehen sind die gleichmäßige Zahnreihe und die langen Fangzähne. "Wie Vampirzähne", sagt Xenia und schüttelt sich ein wenig.
Geduld und Vertrauen üben
Mit Plastikhütchen und einem Tunnel aus rotem Stoff bauen Xenia und Schadja auf dem Schulhof einen Parcours auf. Gipsy soll hinter ihnen her laufen, eine Vertrauensübung. Das klappt noch nicht so recht, der Hund mag nicht aufstehen, vielleicht ist es zu heiß. Mit einem Apfelstückchen lässt sich die Hündin doch noch durch den Tunnel locken. "Jetzt müsst ihr sie loben", sagt Barbara Meyer.
Nach mehreren Durchgängen ist Gipsys Akku leer. Kein Wunder bei dem dicken Fell und den knapp 36 Kilo Eigengewicht, die sie mit sich herumträgt. "Jetzt dürft ihr mit ihr schmusen", sagt Barbara Meyer. Vorsichtig lehnt sich Xenia an den hechelnden Hund. Viele Kinder, die die "Helfer auf vier Pfoten"-Schulung mitmachen, haben nicht nur deshalb Angst, weil sie noch nie mit Hunden zu tun hatten, sondern weil ihre Eltern ebenfalls Angst haben. "Eigentlich brauchen die Eltern die Schulung genauso dringend", sagt Cornelia Bauschke, die pädagogische Leiterin der "Laufmasche".
Zum Ende der Stunde wird auch Schadja ruhiger. Wieder und wieder kommt Gipsy an, will gestreichelt werden. "Sie geht intuitiv dahin, wo am meisten Angst ist", sagt Barbara Meyer, die den Hund seit fünf Jahren kennt. Schadja nimmt sich zusammen. Sie legt ein Apfelstückchen auf ein Handtuch und reicht es so dem Hund. Vorsichtig nimmt Gipsy das Apfelstück, Schadja lächelt. "Wenn sie beißen würde, würde sie zuerst in das Handtuch beißen", sagt sie. "Sie wird dich nicht beißen", meint die Hundetrainerin. Vielleicht klappt das Füttern ja beim nächsten Training auch ohne Handtuch.

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