Berlins familienfreundlichste Unternehmen
Perfekte Arbeitswelt für Eltern
Dienstag, 6. Juli 2010 17:10 - Von Karoline BeyerBerlins familienfreundlichste Unternehmen: Die Firma Knauer aus Zehlendorf ist einer der drei Sieger

Klack-klack, klack-klack. Justin beobachtet, wie das Papier aus dem Kopierer kommt. Kurz vorher hat er eifrig auf den türkisfarbenen Startknopf gedrückt. Er stellt sich auf die Zehenspitzen und nimmt die Blätter einzeln in die Hand. Heute ist ein ganz besonderer Tag für ihn, denn er ist mit seiner Mama zusammen zur Arbeit gekommen. "Nimmst du die Blätter mit nach oben?", fragt seine Mutter Nicole Brucke. Heftiges Kopfnicken ist die Antwort. Justin (20 Monate) findet es spannend - hier in den Büroräumen und auf den Fluren der Firma Knauer am Hegauer Weg in Zehlendorf. "Nach oben" bedeutet ins Spielzimmer in der ersten Etage. Dort spielt er heute ein paar Stunden, am liebsten mit dem kleiner Roller aus Holz oder mit dem Bagger. Am Tag zuvor hatte er leichtes Fieber, und sein Kindergarten wollte ihn heute noch nicht aufnehmen. Nicole Brucke (31) aus Treptow arbeitet im Vertriebsinnendienst bei der Firma, die mit vollem Namen "Wissenschaftliche Gerätebau Dr. Ing. Knauer GmbH" heißt. Auf solche "Betreuungs-Notfälle" ist das Unternehmen gut vorbereitet.
Kollegen passen auf die Kinder auf
In einem Spielzimmer werden die Kinder betreut - nicht nur von den eigenen Eltern. Ein Pool von 17 Mitarbeitern steht zur Verfügung, um auf Kinder der Kollegen aufzupassen, wenn sie selbst nicht von ihrem Arbeitsplatz weg können. Wer gerade etwas mehr Zeit hat, springt ein und wird nach zwei Stunden von einem Kollegen abgelöst. Für die Betreuungszeit werden die Mitarbeiter freigestellt, das heißt: Ihre Arbeitszeit wird bezahlt.
Familienfreundlichkeit gehört zu einem modernen Unternehmen dazu. Die Firma Knauer hat diese Idee so umgesetzt, dass es in der Kategorie "Ab 100 Mitarbeitern" den Landeswettbewerb "Unternehmen für Familie - Berlin 2010" gewann. Das mittelständische Familienunternehmen hat 103 Mitarbeiter, es entwickelt und produziert Labormessgeräte, die es in mehr als 60 Ländern der Welt vertreibt. 1962 gründeten die Eltern der heutigen Geschäftsführerin Alexandra Knauer die Firma. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Alexander Bünz leitet Alexandra Knauer die Firma. Seit fünf Jahren legen sie einen großen Schwerpunkt beim Thema Familienfreundlichkeit. Es gibt zum Beispiel Teilzeitvereinbarungen für Alleinerziehende und Telearbeit, wenn Kinder vorübergehend zu Hause betreut werden müssen. "Wir haben beide eigene Familien mit Kindern", sagt die 44-Jährige. "Wir wissen sehr gut, was es bedeutet, die Gratwanderung zwischen Beruf und Familie zu schaffen und trotzdem möglichst viel vom Aufwachsen der Kinder mitzuerleben."
Schon lange wurde bei der Dienstplanung Rücksicht auf die Arbeitnehmer mit Familien genommen, man achtete auf Ferienzeiten oder unterstützte, wenn die Kinder einmal krank waren. Außerdem gibt es bei Knauer einen großen Garten mit Johannisbeersträuchern, Erdbeerfeld und Kirschbäumen. Unter einem Walnussbaum stehen Sitzbänke, auf dem Rasen Sonnenliegen, auf denen sich die Mitarbeiter in ihrer Pause ausruhen können. Im Sommer pflücken viele zwischendurch ein bisschen Obst. Es sei für das Betriebsklima enorm wichtig, dass die Mitarbeiter guter Dinge sind, findet Alexandra Knauer: "Ein Mix aus positiven Angeboten schafft eine gute Atmosphäre, und die motiviert alle hier." Vor zwei Jahren nahm die Firma Knauer an dem Programm "Corporate Social Responsibility" teil, das vom Europäischen Sozialfonds und vom Land Berlin unterstützt wurde. Es sollte "Unternehmerische Sozialverantwortung" fördern. "Das gab uns noch mal so einen Schub Richtung Familienfreundlichkeit", erzählt Alexandra Knauer. Bis Anfang 2010 gab es Workshops für alle zum Thema Familienfreundlichkeit. Eine Arbeitsgruppe fand heraus, welche Unterstützung die Arbeitnehmer mit Kindern benötigten. Ein Berater half, die Initiativen in die Tat umzusetzen. Es stellte sich heraus, dass nicht ein Kindergarten gebraucht wurde, sondern sporadische Betreuung nötig war. "Nicht etwa durch eine externe Person, die extra gebucht wird", sagt Alexandra Knauer. "Die Mitarbeiter wollten sich untereinander helfen."
Ein eigenes Spielzimmer
Heraus kam unter anderem das Spielzimmer. Es liegt direkt neben dem großen Aufenthaltraum, der sich nicht nur hervorragend für Ausflüge mit dem Roller eignet, sondern in dem auch neun Kühlschränke, sechs Mikrowellen und ein Herd stehen. Durch die großen Fensterfronten des Spielzimmers fällt viel Licht, auch wenn wegen der Hitze zurzeit alle Jalousien heruntergelassen sind. Die 27 Quadratmeter sind bunt und in warmen Farben eingerichtet, von der Decke hängen Papierlampions. Auf weichen Teppichen stehen rote, gelbe und grüne Sitzsäcke. Außer kleinen Holztischen und Stühlen gibt es auch ein ausziehbares Schlafsofa. Brettspiele, Malzeug, Bücher und eine große Kiste mit Spielzeug liegen in den Holzregalen bereit. Links neben der Tür stehen ein großer und ein kleiner Holzschreibtisch für große und kleine Aufgaben. Denn die Mitarbeiter, die gerade aufpassen, arbeiten an dem großen Schreibtisch am Computer, von dem aus sie ins Firmen-System eingeloggt sind. Daneben steht der kleine Schreibtisch für die Hausaufgaben von Kindern, die schon in die Schule gehen. "Die Kinder sind aber auch begeistert, wenn sie die Arbeitsplätze ihrer Eltern besuchen können", sagt Alexandra Knauer. "Es kommt aber nicht jeden Tag vor, dass Kinder zu Besuch sind. Denn die Regelung wird von den Mitarbeitern so genutzt, wie sie verstanden wird, nämlich als Notfallbetreuung."
Katharina Pöggel (40) aus Lankwitz, Personalbeauftragte bei Knauer, ist froh, dass sie ihre Tochter Johanna (7) hier unterbringen kann, wenn die Ganztagsbetreuung einmal nicht klappt. Ihr Mann arbeitet im Schichtdienst, kann also nicht immer bereitstehen, wenn Johanna einmal unterrichtsfrei hat. "Ich finde es sehr beruhigend, dass wir diese Möglichkeit hier haben. Als Eltern steht man sonst sehr unter Druck, wenn einmal die Betreuung nicht klappt", sagt sie.

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