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Scheidung

"Meine Seele ist zerbrochen"

Fabian H. (15) war nach der Trennung seiner Eltern jahrelang in Therapie. Wie viele andere Kinder fühlte er sich schuldig

Als der Vater ging, brach für Fabian eine Welt zusammen. Zweimal musste er die Schule wechseln, wurde immer wieder Mobbing-Opfer
Foto: Christian Kielmann
Als der Vater ging, brach für Fabian eine Welt zusammen. Zweimal musste er die Schule wechseln, wurde immer wieder Mobbing-Opfer

Plötzlich standen Umzugskisten da. "Ein Karton war noch zusammengefaltet, und ich habe mich versteckt", erzählt Fabian Huber* über die Szene in der Wohnung seiner Eltern, die inzwischen zwölf Jahre her ist. Das Letzte, an das sich der heute 15-jährige Berliner erinnern kann, ist, dass sein Vater ihn irgendwann in seinem Versteck entdeckte. "Da bist du", habe er gesagt. Und dass er einkaufen gehe. Dann verließ er die Wohnung und kam nicht mehr wieder.

Fast ein Jahr verging, bis Fabians Vater plötzlich wieder auftauchte. In der Zwischenzeit hatte er eine andere Wohnung bezogen und verbrachte Zeit mit einer Frau, die nicht Fabians Mutter war. "Warum sich meine Eltern damals getrennt haben, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es meinem Vater von da an immer besser ging und meiner Mutter immer schlechter", sagt der Schüler, dessen Eltern unverheiratet zusammengelebt hatten. Sein Vater fand in seiner neuen Freundin und deren Sohn wieder eine Familie und kletterte als Angestellter der Stadtverwaltung die Karriereleiter hoch. Fabians Mutter hingegen musste auch eine spätere Beziehung für gescheitert erklären, ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich und sie verlor zudem ihren Job bei einem Berliner Verein. Vor allem für Fabian Huber selbst aber hatten die Probleme mit dem Zusammenbruch der familiären Strukturen erst angefangen. Seine Seele sei zerbrochen, sagt er heute.

Kinder fühlen sich oft wertlos

"Für Kinder bedeutet eine Trennung der Eltern den Verlust einer wichtigen Alltagsbeziehung. Das macht Kinder häufig traurig oder aggressiv, besonders in der Zeit der Einstellung auf die neue Situation", sagt der Berliner Diplom-Psychologe Jan Steinitz, bei dem Fabian Huber seit fast eineinhalb Jahren eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie macht. Ein häufiges Problem sei, dass Kinder von einem abwesenden Elternteil wenig Engagement spüren. "Beim Kind entsteht oft der Eindruck, 'ich bin es nicht wert, dass Mama oder Papa sich für mich interessiert'." Das habe vor allem bei jüngeren Kindern starke Auswirkungen auf die Entwicklung des Selbstwertgefühls.

So auch bei Fabian Huber. Seinen Mangel an Selbstbewusstsein hatte der Technik- und Computerfan dadurch zu kompensieren versucht, dass er Gleichaltrige niedermachte. "Ich wollte cool sein", sagt er. In der Schnellläuferklasse eines Berliner Gymnasiums verschaffte er sich mit seinen ständigen Hänseleien jedoch keinen Respekt, sondern Ärger. "Ich wurde zum Mobbing-Opfer. Bis auf ein paar Leute war die gesamte Klasse gegen mich. Sie haben mich in Mülleimer gesteckt und Abfall über meinem Kopf ausgeleert." Seine schulischen Leistungen wurden rapide schlechter. Ein Teufelskreis, in dem der Schüler unter anderem die Sorgen um den Zustand seiner Mutter Maria Huber* in Wut gegenüber Gleichaltrigen umwandelte und ihn gleichzeitig Schuldgefühle plagten, weil seine Mutter nun zusätzlich unter dem Verhalten ihres Sohnes litt.

"Auffälligkeiten beim Kind sind in der Regel auf einen nicht bewältigten Konflikt der Eltern zurückzuführen, die dem Kind den unbeschwerten Umgang mit beiden Elternteilen unmöglich machen", sagt Jan Steinitz. Der einfachste Weg, die Schwächen und Fehler der Eltern zu ertragen, ist für viele Kinder der, sich selbst die Schuld dafür zu geben. So haben sie zumindest das Gefühl, dass sich die Situation bessern kann, wenn sie sich nur anders verhalten. Fabian kennt das: "Ich war der Auslöser", der Achtklässler gibt sich selbst die Schuld dafür, dass sich seine Mutter Ende 2006 für fast ein halbes Jahr in stationäre psychiatrische Behandlung begeben musste. Dabei lebte er damals schon in einem Brandenburger Internat. Dorthin hatten Mitarbeiter des Jugendamtes Fabian geschickt, nachdem Maria Huber dieses um Hilfe gebeten hatte. Aber: "Ich hatte das Gefühl, sie verkraftet das nicht, dass ich weg bin", sagt der 15-Jährige.

Fabians Vater ging das zu weit. Mit der Begründung, seine Ex-Freundin käme mit der Erziehung nicht zurecht, versuchte er, das Sorgerecht zu bekommen. Er scheiterte, weil er mit Maria Huber nie verheiratet gewesen war und das deutsche Rechtssystem bis zu einer Präzedenzentscheidung des Europäischen Gerichtshofs 2009 das Sorgerecht unehelicher Kinder ohne Ausnahme den Müttern zugesprochen hat. Aber die Prozesse zerrten an Maria Hubers Nerven und gaben ihr das Gefühl zu versagen. Deshalb fand Fabian das auch gut, dass seine Mutter in eine Klinik kam. "Schließlich hat ihr das geholfen." Die Aussage eines Erwachsenen. Der zierliche Junge mit braunen Locken und weiten Baggy-Jeans war damals erst zwölf.

Zwischen den Besuchen bei seiner Mutter in der Klinik und bei seinem Vater, den er ab und an zusammen mit dessen neuer Frau und dem sieben Jahre älteren Stiefbruder sah, lebte Fabian Huber in andauernder emotionaler Anspannung. Und der machte er Luft im Internat. "Naja, ich wurde wieder Mobbing-Opfer", fasst er diese Zeit zusammen.

Trennung als kleineres Übel

"Eine Trennung muss aber nicht unbedingt negative Auswirkungen auf die psychische Entwicklung eines Kindes haben", sagt Jan Steinitz. Im Gegenteil: "Wenn die Möglichkeiten der Arbeit an der Beziehung ausgeschöpft sind, kann die Trennung das kleinere Übel sein." Eine verantwortungsvolle Trennung sollte dem Diplom-Psychologen zufolge mit ausreichender Trauerarbeit einhergehen. "Beide Eltern müssen das Scheitern der Beziehung für sich verkraften." Es sei "wichtig, die starken negativen Gefühle gegenüber dem Ex-Partner nicht auf das Kind abzuladen, sondern dafür Gespräche mit Freunden oder eine Therapie in Anspruch zu nehmen". Wenn ein Elternteil seine Gedanken und Sorgen mit dem Kind teilt, fühle sich das Kind zunächst ernst genommen und erwachsen. "Auf lange Sicht stellt es aber eine massive Überforderung dar, die zu Kontaktschwierigkeiten unter Gleichaltrigen führen kann."

Fabian Huber will jetzt lernen, Freundschaften zu pflegen. "Meine Mutter ist mir schon noch sehr wichtig. Aber ich versuche, mich weiter von ihr zu distanzieren und meine Grenzen aufzuzeigen. Jeder muss sein eigenes Leben leben", sagt der 15-Jährige, der inzwischen eine Realschule besucht. "Dort verstehe ich mich jetzt mit allen", sagt er stolz. Und: "Ich habe einen Kumpel, den besten, den man sich vorstellen kann." Dann zupft er an seiner Kappe, die ihm heute in unliebsamen Situationen als kleines Versteck dient.

* Namen geändert

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