Hebamme
Von der eigenen Oma auf die Welt geholt
Freitag, 25. Juni 2010 10:32 - Von Barbara KollmannErst hat Helga Kruska gezögert, aber dann wollte die Hebamme doch ihrer Tochter bei der Geburt des ersten Kindes helfen

Max Wilhelm ist ein entspannter Typ. Tagsüber schläft er gern, am liebsten im Garten. Dann ist er nachts ausgeruht, und kann seinen persönlichen 24-Stunden-Service besser genießen: Eine eigene Hebamme, die immer für ihn da ist. Seine Großmutter. Helga Kruska (59) half ihrer Tochter schon bei der Geburt von Max. Es war nicht leicht. Der einzige, der damit gelassen umgeht, ist Max. Aber für den liegt dieser 5. Mai auch schon ein Leben lang zurück.
Für Mutter Cornelia (29) war von Anfang an klar, wer während der Geburt für ihr erstes Kind sorgen sollte: Ihre eigene Mutter. Helga ist eine erfahrene Hebamme, ab 1974 zur Säuglingsschwester und Geburtshelferin ausgebildet, als Pankow noch DDR war. Nach der Wiedervereinigung arbeitet sie als freiberufliche Hebamme im Geburtshaus am Arnimplatz. Wie viele Mütter sie schon während der Wehen beruhigt hat, wie viele Babys sie schon auf der Welt begrüßt hat - sie hat nicht nachgezählt. 400 könnten es allein im Geburtshaus sein. Aber der eigene Enkel war bisher nicht dabei. "Dabei ist es eigentlich ganz normal - über Jahrhunderte haben Großmütter den Frauen der Familie bei der Geburt beigestanden", sagt sie. Trotzdem hatte sie erst Bedenken bei diesem Einsatz. Schwangere sind schwierig, und die eigene Tochter sowieso.
Max Wilhelm, oft auch mit den Ehrentiteln "Mäxchen" oder "Spatz" angeredet, war eine Überraschung. Cornelia, Studentin, und ihr Freund Mirko (35) wollten ein Baby, dann hatten sie die Idee erst einmal wieder verschoben - und genau dann machte sich Max bemerkbar. Cornelia: "Für mich war von Anfang an klar, dass ich nur meine Mutter dabei haben will." Die beiden Frauen sitzen sich am Gartentisch gegenüber, und Max tut das, was er am liebsten macht - er schläft, satt und zufrieden, im Kinderwagen nebenan.
Seine Mutter macht sich Gedanken, dass er so schnell wächst - 3510 Gramm wog er bei der Geburt, mehr als 3800 schon einen Monat später. Helga: "Bei mir war das mit Cornelia damals ganz anders. Sie war klein, 2800 Gramm, und so schnell wie Max war sie nicht."
Gebärende sind unberechenbar
Am Tag vor Max' Geburt hatten sie noch eine Familienfeier, Cornelia übernachtete bei den Eltern. Im Laufe des Tages hatten sie immer wieder die Herztöne des Kleinen abgehört, dem ging es offensichtlich gut. Und um 2 Uhr nachts machte er sich plötzlich auf den Weg zur Geburt. Cornelia musste ihre Mutter wecken. "Angst hatte ich nicht, ich habe ja durch meine Mutter schon als Kind mitbekommen, wie Geburten ablaufen. Aber ich bin eine Mimose, was Schmerz angeht", gibt Cornelia zu. Ihre Mutter, sehr stolz: "Nein, das warst du bei der Geburt aber gar nicht."
Helga hatte noch eine Freundin, auch Hebamme, alarmiert. Sie sollte assistieren: "Falls Cornelia nicht auf mich hört." Natürlich kennt sie ihre Tochter, aber, die Hebamme hat bei Geburten auch schon erlebt, dass die sanftmütigsten Frauen sie wüst beschimpfen, dass die Hebamme plötzlich der Feind ist: "Das liegt an den Schwangerschaftshormonen, an den Schmerzen - die Frauen werden unberechenbar." Sechs Stunden lang "arbeiteten" die drei Frauen und Max, so heißt das bei Hebammen. Massage und Vierfüßlerstand und alles, was die Geburtshilfe kennt. Nur: Max wollte sich nicht umdrehen, er blieb in der "hinteren Hinterhauptlage". "Es war klar, dass es nicht weiterging. Aber Cornelia wollte partout nicht in die Klinik", erzählt Helga. Bei kleineren Kindern, erklärt sie, klappt die Geburt manchmal trotzdem. Bei Max mit seinem Dickkopf von 37 Zentimetern Umfang nicht. Sie mussten doch ins Krankenhaus.
Cornelia klingt noch heute wütend: "Da habe ich neun Monate gewartet und sechs Stunden gekämpft - um dann doch einen Kaiserschnitt zu haben?" Helga: "Ich dachte nur: Schade, das Kind hat so lange gekämpft." Ihre Tochter: "Und dann hast du geheult. Das war der Punkt, wo du plötzlich nicht mehr Hebamme warst. Sondern nur noch die Mutter, die ihr Kind in den Arm nimmt." Aber trotz Tränen hat sie ihrer Tochter noch von der Vollnarkose abgeraten. Damit sie Max Wilhelm wenigstens bei seiner Ankunft begrüßen konnte. Der war auch noch ein wenig verwirrt: "Er brauchte seine Viertelstunde, um im Leben anzukommen. Aber dann durfte ich ihn meiner Tochter in den Arm legen, und es war sofort Kontakt da." Cornelia: "Er hat seine Augen ganz groß aufgemacht und mich angeschaut."
Jedes Baby ist ein kleines Wunder
Seitdem hat Max zwei Frauen, die sich um ihn kümmern. Beratschlagen, ob es vielleicht zu warm ist, ihn in seine Kuscheldecke zu wickeln. Oder sie ziehen ihm seine winzige Hand weg, wenn er wieder den Daumen im Mund hat. Was Max eher ätzend findet. Aber, erklärt Helga, wieder ganz Hebamme: "Schnuller ist besser als Daumennuckeln. Den Schnuller kann man irgendwann wegnehmen - der Daumen bleibt immer am Kind dran. Das können Sie dann viel schwerer abgewöhnen."
Es war wundervoll, als ihr Enkel auf die Welt kam, sagt Helga: "Aber das ist es bei jeder Geburt. Die sind - so vollständig." Der Unterschied am 5. Mai war nur, dass ihr Kind Schmerzen hatte. Dass sie irgendwann nicht mehr helfen konnte und der Kaiserschnitt nötig wurde - statt der friedlichen Geburt zu Hause, wo die Tochter aus dem Schlafzimmerfenster auf den blühenden Garten schauen konnte. "Na", sagt Cornelia, "der Garten war mir da aber so was von egal. Ich hatte andere Probleme." Dann sagt sie zu ihrer Mutter: "Ich wusste von Anfang an, dass nur du mir helfen solltest. Du bist der Mensch, dem ich am allermeisten vertraue."
Hebammen sind nicht sentimental, aber jetzt liegt eine Stille über dem Garten und Helga schweigt. Dann weist sie trocken ihre Tochter an: "Kannste jetzt endlich mal die Decke wegnehmen? Dass man mal sieht, dass der Maxe auch Beine hat?"
Und Max schläft weiter und schnarcht ein bisschen, sehr zufrieden.

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