Initiative "Joblinge"
Jugendliche erarbeiten sich ihren Ausbildungsplatz
Immer wieder lugen ältere Damen neugierig durch die Tür des Hauses Binzstraße 1 in Pankow. "Wird unser Tanzcafé wiedereröffnet?", fragen sie die Feiernden. Nicht ganz. In das Eckcafé kehrt zwar wieder Leben ein - allerdings wird künftig gearbeitet statt geschwoft.
Von Beatrix Fricke
Ab Montag bereiten sich an der Binzstraße bis zu 80 gering qualifizierte, benachteiligte Jugendliche mit Schulungen, Workshops und Praktika aufs Berufsleben vor.
"Joblinge" nennt sich die Initiative der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) und der Eberhard von Kuenheim Stiftung der BMW AG, die in München und Zwiesel (Bayerischer Wald) bereits erfolgreich ist. "Bei uns arbeiten die Jugendlichen vom ersten Tag an praktisch und werden über den gesamten Zeitraum von Trainern und persönlichen Mentoren unterstützt", beschreibt Levin Holle, Leiter des Berliner BCG-Büros, die Kernelemente des Programms.
Es ist auf sechs Monate angelegt. Zunächst wird bei einem Arbeitseinsatz für ein gemeinnütziges Projekt die Motivation der Bewerber getestet. Darauf folgt eine zweimonatige Orientierungsphase, in der die Teilnehmer in Einzel- und Gruppenprojekten ihre Stärken und beruflichen Interessen entdecken, Benimm- und Telefontrainings absolvieren. Anschließend beweisen sich die Jugendlichen bei Praktika in Berliner Betrieben. Mehr als 30 Unternehmen der Hauptstadt haben bereits ihre Unterstützung angekündigt. Ziel ist, dass sich die "Joblinge" in einem der Partnerbetriebe einen konkreten Ausbildungs- oder Arbeitsplatz erarbeiten. In München und Zwiesel hat es geklappt: Dort wurden 70 Prozent der Teilnehmer nachhaltig in den Arbeitsmarkt vermittelt.
Das Engagement der Wirtschaft tut not. Jeder zweite Jugendliche, der die Hauptschule verlässt, hat nach einem Jahr noch keinen Arbeitsplatz. Allein in Berlin gibt es 20 000 arbeitslose Jugendliche. Deutschlandweit waren im Jahr 2009 rund 350 000 junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren arbeitslos; zusätzlich befanden sich knapp 500 000 in staatlichen Übergangsmaßnahmen. "Das ist eine tickende Zeitbombe: Wir müssen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen", beschreibt Stephan Schwarz die Motivation seines Unternehmens GRG Service Berlin, an der "Joblinge"-Initiative teilzunehmen. Zudem haben die Betriebe ein eigenes Interesse an dem Trainingsprogramm, da es ihnen zunehmend schwerfällt, geeignete Auszubildende zu finden. "Pünktlichkeit, Teamfähigkeit und Respekt sind keine Selbstverständlichkeit mehr", so Schwarz.
Finanziert wird "Joblinge" zu 70 Prozent von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, der Rest des Geldes kommt aus der Wirtschaft. Bewerben können sich Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren unter www.joblinge.de . Die nächste Auswahlphase beginnt im September. Auch Mentoren, die einen benachteiligten Jugendlichen ehrenamtlich als "Krisenmanager" über sechs Monate begleiten möchten, können sich dort melden. Verena Tilmann, Vorstand der Joblinge gAG in Berlin: "Was unsere Jugendlichen brauchen, sind Mutmacher, Erfolgserlebnisse und eine echte Chance auf Arbeit. Und das alles können wir denen geben, die es wirklich wollen."
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