Musik
Die Besten aus Neukölln
Drei Akkordeon-Schülerinnen gewannen schon mehrfach den Wettbewerb "Jugend musiziert". Ihr Instrument verbindet sie - und eine Freundschaft
Von Christine Eichelmann
Flüchtig besehen, leben Marie Speth und Amira Sophie Tamim in getrennten Welten. Es sind die Unterschiede zwischen sozialem Brennpunkt-Kiez und heiler Welt, zwischen Negativschlagzeilen quer durch die Republik und dem angestaubten, aber doch redlichen Image des Bürgertums. Die Unterschiede zwischen Nord-Neukölln und Rudow eben.Im Alltag sind Amira und Marie Freundinnen. Beste Freundinnen sogar. Was sie verbindet, ist die Musik und ihr gemeinsamer Erfolg an einem Instrument, das die meisten Vierzehnjährigen wenig "hip" finden: dem Akkordeon. Als sie Mitschülern von ihrer Leidenschaft erzählte, hätten die gefrotzelt, das sei doch nur was für U-Bahn-Musiker. Uncool eben. "Aber dann haben sie gehört, wie ich spiele, und das fanden sie gut", sagt Amira. Zuletzt hatte sie ihr Akkordeon auf der Klassenfahrt in Italien dabei. Morgens ging es auf die Skipiste, nachmittags saß die Gymnasiastin und übte. Après Ski nach Noten. "Einige haben schon gesagt: 'Muss das sein?'", erinnert sich Amira. Die meisten aber kamen zum Zuhören, drängten sich in dem winzigen Raum, den Amira zum Üben nutzte. "Die sind mir ganz schön auf die Pelle gerückt, das war eine gute Übung", sagt das Mädchen lächelnd.
Eine andere Wahl, als tapfer weiter zu spielen, hatte sie ohnehin nicht. Eine Woche später wollte sie mit Marie beim Landeswettbewerb "Jugend musiziert" antreten. Dass sich beide dort für den Bundeswettbewerb qualifizieren würden, daran hatte Gerhard Scherer-Rügert keine Zweifel. Über 40 junge Akkordeonspieler hat der Musiker, der früher an der Kreuzberger Musikschule und seit fast neun Jahren an der Musikschule "Paul Hindemith" Neukölln unterrichtet, bereits für den Talentwettstreit qualifiziert. Zweite Preise sind die Ausnahme, meistens kommen seine Schüler als Bundesbeste heim. 2008 gewannen Marie und Amira als Akkordeon-Duo. Dieses Mal scheiterte die Solistin Amira auf der Bundesebene an einer schwierigen Variation. Für die Jury reichte es immer noch für den zweiten Preis. "Das war schade, weil sie es hätte schaffen können", sagt Scherer-Rügert. Es ist nur eine Feststellung, ganz ohne Krittelei.
Trotzdem sei sie "enttäuscht gewesen, weil ich mit so positivem Gefühl in das Stück gegangen bin", gesteht Amira. "Aber dann war Marie so gut, das hat das andere überstrahlt." Neben der 14-jährigen Rudowerin konnte sich auch die dritte Teilnehmerin aus Scherer-Rügerts Musikschulklasse, Franziska Freund (17), über einen ersten Bundespreis freuen. Zum vierten Mal. Die Kreuzbergerin war ihrem Lehrer gefolgt, als dieser 2001 die Musikschule wechselte. Die Stunden sind begehrt bei dem engagierten Akkordeonlehrer, der auch als Hochschuldozent sowie als Musiker in Ensembles wie dem Rundfunk Sinfonie Orchester Berlin oder den Orchestern von Deutscher Oper oder Komischer Oper Berlin fungiert. Wer bei Scherer-Rügert lernen möchte, landet zunächst auf einer Warteliste. Dazu trägt nicht nur sein freundschaftlicher und doch niemals anbiedernder Umgang mit den Jugendlichen bei. Zugleich Fachbereichsleiter für Neue Musik, weiß Scherer-Rügert dem Akkordeon durch sein Musikrepertoire alles Schrullig-Volkstümliche zu nehmen. "Das ist es wohl auch, was bei 'Jugend musiziert' gut ankommt, dass wir viel Neue Musik spielen, auch sehr anspruchsvolle, Uraufführungen und Improvisationen. Unser Programm ist alles andere als konservativ", sagt der 48-Jährige.
Integration inbegriffen
Amira jedenfalls hat in ihrer sechsjährigen Akkordeon-Karriere noch nie ans Aufhören gedacht. Die Musikschule sei mehr als nur ein Lernort, findet auch Franziska Freund. Dem Neuköllner Umfeld mit seinem hohen Migrantenanteil versucht die Schule mit einem eigens eingerichteten Fachbereich Weltmusik gerecht zu werden. Da werden arabische Rhythmen genauso gelehrt wie das Spielen der türkischen Saz oder der griechischen Bouzouki. Die Rütli-Band probt Ethno-Orient-Pop, das internationale Ensemble Qanela ist - musikalisch gesehen - so etwas wie der Karneval der Kulturen in einem Klangkörper. Beim echten Kulturenkarneval zu Pfingsten gewannen die "Kidz 44 - Wir sind Neukölln", ein Projekt der Musikschule mit der Kurt-Löwenstein-Schule, den Preis für den besten Wagen. Gerade bei Initiativen wie dieser, wo die Musikschule in die allgemeinbildenden Schulen hineingeht, sei ein integrativer Effekt zu beobachten, sagt Musikschulleiter Daniel Busch. "Auf dem Karnevalswagen war zum Beispiel eine Kinderrockband aus dem Süden Neuköllns, die zum ersten Mal türkische Musik gespielt hat. Da wird Scheu abgebaut, da sind auch Freundschaften entstanden." Im Einzel-Instrumentalunterricht dagegen seien Kinder mit Migrationshintergrund unterdurchschnittlich vertreten, bei den klassisch türkischen oder arabischen Instrumenten blieben eher die Migrantenkinder unter sich. Busch: "Ich würde mir wünschen, dass man das noch mehr aufbrechen kann."
Amiras Vater Abdessamad Tamim weiß aus Erfahrung, wie schwierig es auch für musikinteressierte Familien sein kann, den Kindern dieses Hobby zu ermöglichen. Zwar war es damals er selbst, der immer wieder bei der Musikschule vorstellig wurde, um seiner Tochter den heiß ersehnten Platz in Scherer-Rügerts Klasse zu sichern. Das Geld für den Unterricht aber muss die Familie an anderer Stelle einsparen. Immerhin: Der Stolz über die Erfolge Amiras, über ihr gewonnenes Selbstvertrauen wiegt vieles auf. "Wir sind bei allen Vorspielen dabei und zittern mit", sagt Tamim. "Die Musik hat Amira auch als Persönlichkeit vorangebracht."
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