Auswanderer
Leben, wo andere Urlaub machen
Familie Brosseit-Schrader erfüllte sich einen Traum: Sie betreibt ein Hotel auf Mallorca.
Von Anja Reinbothe
Kinderjauchzen erfüllt die malerische Bucht von Cala Llombards im Südosten Mallorcas. Der vierjährige Celino und sein eineinhalbjähriger Bruder Fabio Moritz flitzen durch den weichen Sand. Papa Dennis Brosseit (35) hinterher. Währenddessen breitet Mama Nadine Schrader das Picknick vor der türkisblauen Meereskulisse aus: Oliven, Nudelsalat, Brot, Dips. Die 33-Jährige hat das gemeinsame Mittagessen heute nach draußen an den Strand verlegt. Eine typische Siesta-Szene. Die junge Familie macht jedoch keinen Urlaub auf Mallorca - sie ist hier zu Hause.
Vor sechs Jahren entschieden Nadine und Dennis, Deutschland den Rücken zu kehren. Während eines Rotwein-Abends im heimatlichen Berlin entstand die Idee vom eigenen Hostal auf Mallorca. Beide kommen aus der Hotellerie, arbeiteten im Fünf-Sterne-Haus "Grand Hotel Esplanade". Mallorca kannte das Paar von zwei Urlauben, und die Insel gefiel beiden. Im Internet sahen sich Dennis und Nadine nach Objekten um, im September recherchierten sie vor Ort. "Unsere Wahl fiel auf das Hostal in Cala Llombard", erzählt Nadine Schrader. "Bereits im Januar waren wir mit unseren Siebensachen hier." Und noch mit einem gewissen Extra: Nadine war im fünften Monat schwanger. Ein Hindernisgrund für den Länderwechsel war dies für die werdenden Eltern nicht. "Auf Mallorca kommen schließlich auch Babys zur Welt", sagt die Steglitzerin und schmunzelt.
Die Ex-Berliner sind zwei von vielen, die ins Ausland gehen. 2008 zählte das Statistische Bundesamt 174 759 Deutsche, 2007 genau 161 105. Zu den favorisierten Traumzielen gehören die Schweiz, USA sowie Polen, Österreich, Großbritannien und Spanien. Auf Mallorca waren 2007 rund 22 000 Deutsche gemeldet. Initiativen, Behörden, Vereine stehen Auswanderern unterstützend zur Seite. Denn wer über kein finanzielles Polster verfügt, um sorglos in den Tag hinein leben zu können, braucht Arbeit und eine bezahlbare Wohnung - dazu Sprachkenntnisse und Wissen, etwa über das Steuersystem.
Ein Kredit für die Hotelpacht
Bei den jungen Berlinern haperte es zunächst an den finanziellen Mitteln. "Wir haben einen Kredit für die Hotelpacht aufgenommen, außerdem haben uns unsere Familien unterstützt", sagt Nadine. Im Anschluss musste das Hotel auf Vordermann gebracht werden. Es stand zuvor eineinhalb Jahre leer, war glücklicherweise aber möbliert. Mit viel Fleiß und Liebe zum Detail verwandelten Nadine Schrader und Dennis Brosseit das zweigeschossige Haus in ihre "Casa Poesia" mit 15 individuell eingerichteten Zimmern und zwei Appartements. Im März 2005 war Eröffnung.
So ganz nebenbei musste das Paar die gesundheitliche Versorgung regeln. Immerhin war Nadine schwanger, regelmäßige Kontrollen standen an. "Als ich zum Frauenarzt wollte, sagte man mir dort, dass dies nicht einfach so ginge", erzählt Nadine. "Ich musste erst einen Termin beim Hausarzt ausmachen, der mich überweist. Die Terminzusage kam dann mit der Post." Als Selbstständige müssen sich Nadine und Dennis in Spanien selbst versichern. "Monatlich zahlen wir etwa 250 Euro. Die Kinder sind mit versichert", sagt Nadine.
Als noch komplizierter empfanden Nicole Schrader und Dennis Brosseit allerdings die Bürokratie in Spanien. "Man glaubt es kaum, aber es sind größere Hürden zu bewältigen als in Deutschland", sagt Nadine. "Wenn du das eine oder andere Papier nicht hast, geht hier gar nichts. Daher braucht man einen vertrauenswürdigen Kontakt, der alles regelt." Sogenannte Gestorias, Arbeitsgemeinschaften aus Anwälten, Steuer- und Wirtschaftsberatern, übernehmen die Behördengänge oder machen die Buchhaltung. Letzteres ist gerade bei Selbstständigen wie Nadine und Dennis wichtig.
Doch auch bei Gestoren gibt es schwarze Schafe. "Wir haben vier oder fünf ausprobiert, die viel Geld genommen und nichts gebracht haben", sagen die beiden. Doch schließlich wurden sie fündig. Was blieb, war die Sprachbarriere. "Wir haben in Deutschland beide einen Grundkurs Spanisch an der Volkshochschule belegt. Richtig gelernt haben wir die Sprache dennoch erst vor Ort", sagt die zweifache Mutter und gesteht: "Wenn die Mallorquiner loslegen, komme ich heute noch nicht mit." Die Insulaner sprechen Mallorquinisch, einen Dialekt der katalanischen Sprache. Den beherrscht in der deutschen Familie nur der große Sohn Celino. Es ist die Unterrichtssprache des Vierjährigen in der Vorschule. Mit drei beginnt die Schulpflicht, mit einem Jahr kommen die Kleinen in den Kindergarten. "Die Spanier haben ein Kinder-Gen. Kinder gehören überall dazu, werden sehr gefördert", sagt Nadine Schrader.
Familie und Arbeit verbinden
Wie auf Kommando ertönt ein "Hola" aus Fabios Mund. Lachend stakst der Eineinhalbjährige durch den Sand auf seine Mutter zu und wirft sich in ihre Arme. Die beiden Jungs genießen eine unbeschwerte Kindheit - in einem Traumhaus. Nahe Cala Llombards, im ländlichen Städtchen Santanyi, hat die Familie ein Anwesen aus Naturstein gemietet. 170 Quadratmeter Wohnfläche, großer Garten mit Feigenbaum. Grenzenlose Freiheit, die in Deutschland aus Kostengründen für sie undenkbar wäre, sagt Nadine Schrader. "Mal abgesehen davon, dass es solch ein Haus dort gar nicht gäbe." Sie dreht sich zu Celino und reicht ihm einen Teller Nudelsalat. "Außerdem können wir hier Familie und Job verbinden. Die Kinder gehören mit zur Casa." Gegen 20 Uhr fährt Nadine mit Celino und Fabio Moritz immer nach Hause nach Santanyi. Für Dennis geht der Arbeitstag im Hotel weiter.
Und dennoch: Es gibt Momente, in denen Nadine ihre alte Heimat vermisst. "Vor allem meine Familie", sagt sie. "Es ist halt auch nicht mal schnell eine Oma als Babysitter da." Ihrem Lebensgefährten fehlen vor allem seine Freunde: "Anschluss findet man auf Mallorca nicht so einfach. Man bleibt eher in der Alemannen-Clique." Und auch der sprichwörtlichen deutschen Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit trauern die beiden manchmal hinterher. "Zum Beispiel, wenn der Strom ausfällt. Dann heißt es 'mañana'", sagt Nadine. "Doch man lernt damit zu leben, wird gelassener."
Ihr Blick schweift über den Strand zum Meer. Das Wasser glitzert in der Sonne. Als "wahren Inspirationsquell" empfindet die 33-Jährige die Insel. Nadine Schraders farbenfrohe Bilder und hübsche Dekorationen aus Strandgut und Perlen schmücken jeden Winkel der "Casa Poesia", ergänzt von Dennis Brosseits Gedichten. Missen möchten die beiden die neue Heimat nicht mehr. "Wir bleiben hier", sagt Nadine, Dennis nickt. "Ganz sicher."
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