Mehrgenerationenhaus
Gemeinsam gegen die Einsamkeit
In Charlottenburg entsteht ein Mehrgenerationenhaus für Schwule und Lesben - das erste Deutschlands
Bernd Gaiser strahlt über das ganze Gesicht. Sein Blick schweift über die Fassade des Hauses, in dem er den Rest seines Lebens verbringen will. Und je mehr er von dieser Zukunft erzählt, desto überschwänglicher wird er. "Es ist, als erreiche man nach langem Hin- und Herirren endlich sein Ziel, als komme man im sicheren Hafen an", sagt der 65-Jährige. "Ein tolles Gefühl." "Lebensort Vielfalt" heißt der Platz, den der schlanke Mann mit den weißen Haaren für sich gefunden hat. Es ist das neue Wohnprojekt der Berliner Schwulenberatung: ein Mehrgenerationenhaus mitten in Charlottenburg. In der Niebuhrstraße 59 haben die Berater vor zwei Jahren eine Immobilie gefunden und nun gekauft. 24 Wohnungen und eine Demenz-WG für acht Personen entstehen hier. Bundesweit ist es das erste Projekt dieser Art und europaweit sogar die erste Demenz-WG für Schwule. Die Nachfrage ist groß: Mehr als 120 Interessenten haben sich beworben.
Er könne es eigentlich noch gar nicht glauben, dass dies sein neues Zuhause werde, sagt Bernd Gaiser, und plötzlich klingt seine Stimme fast ein bisschen wackelig vor Rührung. Viele Sorgen hat er sich gemacht in letzter Zeit. Wie soll es weitergehen? Wo soll ich hinziehen, wenn ich nicht mehr für mich allein sorgen kann? Bernd Gaiser ist schwul, und ihm geht es wie vielen Homosexuellen in seiner Generation: Oft haben sie keine Familie und wenige soziale Kontakte. Alt zu werden heißt für sie noch mehr als für andere, einsam zu werden.
Singles, Paare, Familien
Dem haben die Initiatoren des Projekts Rechnung getragen. Ursprünglich war die Einrichtung als Seniorenheim für schwule Männer geplant. Dann stellte sich heraus, dass ein Mehrgenerationenhaus viel eher der idealen Vorstellung vom Lebensabend entspricht. Daher wird es nun eine Mischung im Haus geben. 60 Prozent der Bewohner werden schwule Männer über 55 Jahre sein, die restlichen 40 Prozent setzen sich aus jüngeren Schwulen, Lesben, hetero- oder homosexuellen Singles, Paaren oder Familien mit Kindern zusammen. "So soll auch eine Isolierung verhindert werden", sagt Marco Pulver, Projektleiter für den "Lebensort Vielfalt". Es sei nicht das Ziel, eine Insel zu schaffen, auf die sich Schwule zurückziehen. "Die Heterogesellschaft bringt Großeltern, Eltern, Kinder und Enkel hervor", so der 47-Jährige. "Das ist eine Struktur, die wir künstlich herstellen müssen."
Ganz explizit versteht sich das Haus auch als ein Ort, an dem seine Bewohner Unterstützung finden. Die Schwulenberatung kümmert sich um Männer mit Beeinträchtigungen. Viele von ihnen sind psychisch oder körperlich krank oder haben Suchterkrankungen. "Gerade Schwule haben Probleme in diesem Bereich. Manche sind Opfer von Diskriminierung oder leiden unter ihrer Isolation", erklärt Marcel de Groot, Leiter der Einrichtung. Vor allem die Älteren hätten in ihrer Jugend oft unter Vorurteilen zu leiden gehabt. "Das sitzt bei vielen tief und schürt immer noch Ängste." Man wolle sich um die kümmern, die es schwer haben, sich in der Welt zurecht zu finden. "Es ist ein Klischee, dass alle Schwulen immer nur auf Partys gehen und ganz viele Freunde haben", sagt de Groot.
Bernd Gaiser besucht ehrenamtlich alte Menschen, die allein leben. Dadurch hat er gelernt, was es bedeutet, als Schwuler alt zu sein. Vor allem die lebhafte Nachbarschaft im "Lebensort Vielfalt" reizt ihn sehr. Zurzeit lebt er in einer WG in Friedenau. Seine beiden Mitbewohner sind auch schwul und ziehen demnächst zusammen aufs Land. Er kann verstehen, dass viele alte Homosexuelle nicht ins Heim wollen. Dort müssen sie anderen Bewohnern und dem Pflegepersonal erklären, warum sie keiner besucht und sie keine Enkel haben. Sie sind Vorbehalten ausgesetzt und müssen sich rechtfertigen - von den oft trostlosen Verhältnissen in vielen Seniorenheimen einmal ganz abgesehen.
Dachterrasse und Bibliothek
Auch Gottfried Stecher (82) will nicht ins Abseits geraten. Er will mitmischen, so lange er noch kann. Seit 43 Jahren bewohnt er allein eine Wohnung in Spandau, hat immer für sich selbst gesorgt. Er ist als Statist an der Deutschen Oper tätig. "Ich ergreife gern die Initiative und stelle Dinge auf die Beine, von denen jeder was hat." Daher freut er sich vor allem auf die Hausgemeinschaft. Brian Schmidt (37) und Markus Ecker (34) gehören zur jungen Generation im Haus. Sie sind neugierig darauf, wie das Leben in einem Mehrgenerationenhaus gestaltet. Brian Schmidt arbeitet als Drag Queen. "Ich wohne in Schöneberg und werde manchmal komisch angeguckt, wenn ich geschminkt und mit Krone und Highheels meine Wohnung verlasse. Das ist dann bald vorbei." Markus Ecker hofft auf einen Familienersatz. Der Bürokaufmann sieht seine eigene Familie nur sehr selten. "Wenn ich alleine wohnen würde, würde ich wahrscheinlich vereinsamen, auch wenn ich noch nicht alt bin", sagt er.
In diesem Sommer beginnt der Innenausbau des Hauses. Alles wird auf die Bedürfnisse der künftigen Bewohner zugeschnitten. Es wird Zwei- und Dreizimmerwohnungen geben und kleine Maisonettewohnungen, barrierefrei selbstverständlich. Ein großer Fahrstuhl, in den selbst Krankenbetten passen, soll auch eingebaut werden. Daneben sind eine große Dachterrasse und eine Bibliothek geplant. Über die Hälfte des zweiten Stocks wird die Demenz-WG einnehmen. Dort soll es eine 24-Stunden-Betreuung geben, die auch gerufen werden kann, wenn einer der anderen Bewohner Hilfe braucht. Im Erdgeschoss und in der ersten Etage zieht die Schwulenberatung ein, die zurzeit ihre Büros an der benachbarten Mommsenstraße hat.
Treffpunkt für alle
Einen wichtigen Teil im "Lebensort Vielfalt" nimmt auch das Café "Wilde Oscar" ein - in Anspielung auf den englischen Schriftsteller Oscar Wilde. Im Erdgeschoss gelegen, soll es nicht nur ein Versammlungsort für die Bewohner werden, sondern auch Passanten zum Kaffeetrinken und zum Austausch willkommen heißen. Auf den 270 Quadratmetern sind zudem viele Veranstaltungen geplant, etwa Tanzkurse, Vorträge oder Partys. Und dann ist da auch noch der große Garten. Zwischen alten Kastanien, riesigen Fliederbüschen und Wildem Wein wird ein Springbrunnen plätschern und zum Verweilen einladen.
Doch bei allem Idyll: Das pulsierende, vielfältige Leben der Hauptstadt bleibt zum Greifen nah. Die Wilmersdorfer Straße ist nur wenige Meter entfernt, die Verkehrsanbindung bestens. Ein guter Grund für Gabriele Wicke, eine kleine Wohnung im "Lebensort Vielfalt" zu beziehen. Die 65-Jährige ist lesbisch und freut sich auf den Charlottenburger Kiez, die vielen Geschäfte, die Bio-Läden und die homöopathische Apotheke um die Ecke. Und dass sie mal eben in die U-Bahn springen kann, um ihre Schwester in Rudow zu besuchen.
"Keiner wird mich hier fragen, warum ich nicht geheiratet habe", sagt Gabriele Wicke. "Ich kann mich mit interessanten Menschen treffen, für sie da sein - und die Jüngeren auch mal bitten, ob sie mir eine Tüte Milch mitbringen können." Ganz anders als in einem Seniorenheim eben. Bernd Gaiser kennt die Rentnerin schon seit Jahren. Lachend sagt sie: "Siehst du, Bernd, jetzt werden wir noch miteinander über hundert Jahre alt. Ist das nicht schön?"


















