Bettnässen
Das nasse Familiengeheimnis
Dienstag, 1. Juni 2010 14:43 - Von Tom RiensWenn Schulkinder nachts ins Bett machen, kann das körperliche Ursachen haben. Meist aber steckt die Psyche dahinter

Bei Wieses läuft die Waschmaschine. Sie läuft fast täglich, obwohl die Wieses nur zu dritt sind. Meistens rotiert Bettwäsche in der Trommel. Die Wohnung im dritten Stock des Altbaus riecht leicht streng nach Ammoniak. Waschen und Lüften sind nötig, denn Jens nässt nachts oft ein. Jens ist gute acht Jahre alt und macht einen eher schüchternen Eindruck. Die dunklen Augen hält er gern hinter seiner Stirntolle verborgen. Acht zu sein und ins Bett zu machen, ist fast so schwer, wie nicht einzunässen. Jens redet nicht über sein Problem. Gar nicht auszudenken, was seine Klassenkameraden sagen würden, wenn die das wüssten. Die schleudernde Maschine im Bad reicht ihm als Anklage. Bei Freunden übernachtet er nur, wenn die schon Bescheid wissen.
Wenn Kinder vom fünften Lebensjahr an keine sichere Kontrolle über ihre Blase haben und nachts mindestens zweimal pro Woche einnässen, sprechen Mediziner von Enuresis und unterscheiden zwei Formen. Bei der primären Enuresis waren die Kinder nachts noch nie sicher trocken. Bei der sekundären Enuresis konnten sie den Urin über einen längeren Zeitraum sicher halten, bevor die Blase wieder beginnt, ihre eigenen Wege zu gehen.
Jeder zehnte Siebenjährige nässt ein
Während Eltern es für einen Beleg ihrer Kompetenz halten und Erzieher Druck aufbauen, möglichst früh von Hygienearbeiten entlastet zu sein, spielen viele Kinder nicht mit. Etwa ein Viertel der Vierjährigen, jeder zehnte Siebenjährige und noch fünf Prozent der Zehnjährigen sind nicht trocken. Jungen sind doppelt so oft betroffen wie Mädchen. Ob die Zahlen zuverlässig sind, darf bezweifelt werden, da die Scham die Dunkelziffer nach oben treibt. Die Zahl der Enuretiker wird auf 600 000 bis 800 000 geschätzt. Der erste Weg sollte immer zum Kinderarzt führen. Dr. Hermann Schrüfer ist Facharzt für Kinderheilkunde und weiß aus Erfahrung, dass die Gründe der kindlichen Blasenschwäche sich nicht auf einen einfachen Nenner bringen lassen. Ob überhaupt eine Enuresis vorliegt, kann ein Arzt erst entscheiden, wenn andere organische Ursachen ausgeschlossen sind. Dazu sind Untersuchungen von Niere, Blase und Harnweg erforderlich, die gelegentlich auch zu einer Operation führen können.
Bei Maike ergaben weder Ultraschall- noch Urin- oder Blutbilduntersuchungen einen Befund. Bis vor wenigen Wochen hat die nächtliche Windel die Fünfeinhalbjährige auch nicht sonderlich gestört. Ihre Eltern drängen nicht, denn auch die beiden älteren Geschwister haben ja irgendwann unfallfrei durchgeschlafen. Aber jetzt steht die Kita-Übernachtung auf dem Programm. Während die anderen Kinder sich auf das Abenteuer freuen, findet Maike ihre Nachtwindel jetzt "Baby!" Sie will die Kita-Nacht zu Hause verbringen. Der Leidensdruck für Kinder beginnt häufig erst, wenn sie nicht mehr im Schutzraum der Familie übernachten, sondern bei Freunden, Verwandten oder auf der Kita- oder Klassenreise. Sich erst jetzt des Problems anzunehmen, ist ein Fehler, denn eine klare Enuresis-Diagnose verspricht noch keine schnelle Lösung.
Die Frage, warum manche Kinder erst spät eine zuverlässige Blasenkontrolle besitzen und jeder hundertste Erwachsene sie nie erlangt, hat die Medizin bislang nicht eindeutig beantwortet. Als mögliche Gründe werden Vererbung oder eine verlangsamte Entwicklung der Hirnanhangdrüse genannt. Hier wird das Hormon ADH oder Vasopressin gebildet, das die Harnproduktion hemmt. Es wird in einem Tag-Nacht-Rhythmus ausgeschüttet, sodass nachts weniger Urin in die Blase fließt. Ist dieser Regelkreislauf noch nicht ausgebildet, kommt es zu nassen Laken. Eine Hormonkur kann helfen, doch die Rückfallquote ist hoch. Daneben stehen Lebensmittelallergien, ADHS, Störungen im Schlafrhythmus sowie der Aufwachschwelle und der Flüssigkeitsstoffwechsel im Verdacht, Grund oder Verstärkung der primären Enuresis zu sein.
So schwer die Ursachen im Einzelfall zu bestimmen sind, so unspezifisch sind die Therapien. Da Maike morgens mal trocken, mal nass aufwacht, verzichten ihre Eltern auf Hormone und Ernährungsumstellung und setzen auf Pipi-Training. Jetzt prangt eine Magnetwand mit gelben Sonnen und grauen Wolken an der Toilette. Bei drei Sonnen gibt es eine Belohnung, bei Regen frische Bettwäsche.
Um die Erfolgschancen solcher Übungen zu steigern, empfiehlt Dr. Schrüfer, konsequent darauf zu achten, dass Kinder nach dem Abendessen nichts mehr trinken und die Blase regelmäßig entleeren. Siebenmal am Tag sollte das Minimum sein, und abends vor dem Schlafengehen ist Pipimachen Kinderpflicht. Von nächtlichen Weckmanövern rät der Kinderarzt ab. Auch wenn viele Eltern das Bettnässen darauf zurückführen, dass ihre Kinder nur schwer aufzuwecken sind und der Harndrang dafür allein nicht ausreiche, zeigen klinische Studien, dass es sowohl in Leicht- als auch in Tiefschlafphasen zum unkontrollierten Urinfluss kommt.
"Klingelhosen" helfen oft nicht
Auch "Klingelhosen" sind kein Patentrezept. Die Unterwäsche mit Feuchtigkeitssensor löst Alarm aus, sobald Urin austritt. Meist werden zuerst die Eltern wach. Gehen die Kinder nach einem Monat nachts noch nicht selbstständig auf die Toilette, sollte man den Versuch beenden.
Bei der sekundären Enuresis stehen psychische Belastungen als Ursache im Vordergrund. Der Druck, unter dem Kinder stehen, entlädt sich über die Blase. Das kann die belastete Partnerschaft der Eltern sein, das neue Geschwisterchen, Stress mit den Freunden oder Schuldruck.
Betroffene Familien kennen die Rituale, die dadurch entstehen: die ständige Sorge und Kontrolle um die Blase. Nächtliche Weckaktionen, die dennoch das stundenlange Liegen in nassen Laken nicht verhindern, was zu Blasenentzündungen führt - ein Teufelskreis. Um die Zirkel von elterlicher Kontrolle und kindlichem Kontrollverlust aufzulösen, empfiehlt Kinderarzt Schrüfer neben Homöopathie das Einzelgespräch zwischen Arzt und Kind: "Die Ergebnisse sind erstaunlich" sagt er. Nach seiner Erfahrung können Kinder mit Dritten, denen sie vertrauen, leichter darüber reden, was sie belastet, als mit den Eltern. Ist der ursprüngliche Konflikt wie etwa schulische Überforderung überwunden, kann die Windel bei der Klassenfahrt zu Hause bleiben.
Eine genaue Ursachenforschung ist vor allem dann von Nöten, wenn Kinder tagsüber einnässen oder dieses Verhalten zwar zu Hause, aber nicht bei Freunden oder Übernachtungen zu beobachten ist. "Hier stellen Kinder die Machtfrage", sagt Kinderarzt Schrüfer. "Wenn du nicht machst, was ich will, mach ich in die Hose, und du musst waschen!" Falsches Mitgefühl sei fehl am Platz. Nur weil das kleine Geschwisterkind gewindelt wird, muss kein Sechsjähriger wieder auf diese Form der Zuwendung zurückfallen. "Achtjährige, die klar sagen können: 'So kann ich Mutti provozieren' sind leichter zu behandeln als introvertierte oder sehr angepasste Kinder" sagt Schrüfer. Bei denen hilft ein Gang zum Jugendtherapeuten.
Unter seelischer Not, die sich über die Blase mitteilt, leiden Kinder vor allem, wenn sie sich verantwortlich fühlen für die Sorgen ihrer Eltern. Bei Jens entspannte sich die Blase nach etlichen Behandlungsversuchen erst, als sein Vater nach langem Suchen einen neuen Job fand.

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