Bildung
Eingeschult und sitzen geblieben
"Mama, was passiert, wenn ich einfach nicht mehr hingehe?" - "Dann kommt der Staat und bringt dich."
Von Ulrike Schattenmann
Das war, sagt Anneke Prebensen rückblickend, etwas dramatisch ausgedrückt. Aber wie soll man einem Kind erklären, was Schulpflicht ist?
Wäre Jurek drei Tage später zur Welt gekommen, am 1. Januar und nicht am 29. Dezember, sähe sein Alltag heute anders aus. Er würde an einem Freitagvormittag im Kita-Garten herumtoben, vielleicht auch Legosteine zu einem komplizierten Raumschiff zusammensetzen oder mit seinen Kumpels 'Räuber und Polizist' spielen. Wenn man Jurek fragt, was er gerne macht, fällt ihm vieles ein. Zur Schule gehen gehört nicht dazu.
2004 hat das Land Berlin den Stichtag für die Einschulung um ein halbes Jahr nach hinten verschoben: Seitdem werden alle Kinder schulpflichtig, die am ersten August das sechste Lebensjahr vollendet haben oder es bis zum folgenden 31. Dezember vollenden werden. Auf Antrag der Eltern können sogar noch jüngere Kinder eingeschult werden. So kommt es, dass immer mehr Kinder bei der Einschulung erst knapp fünf ein halb Jahre alt sind, so wie Jurek Prebensen.
Ältere Schüler nicht erfolgreicher
Diese Entwicklung ist politisch gewollt. Bereits 1997 empfahl die Kultusministerkonferenz eine Vorverlegung der Schulpflicht. Dahinter steckt die Erkenntnis von Bildungsexperten, "dass eine spätere Einschulung generell nicht zu erfolgreicheren Schulleistungen führt - wohl aber zu älteren Schülern", wie es der Pressesprecher der Senatsverwaltung für Bildung etwas vorsichtig formuliert.
Anneke Prebensen wollte ihren Sohn eigentlich zurückstellen lassen. Jurek hat erst spät angefangen zu sprechen, ist oft krank, seit seinem ersten Lebensjahr Asthmatiker. Auch Kinderärztin und Logopädin sprechen sich dafür aus. Doch die Schulärztin ist anderer Meinung: Jurek hat all Seh- Hör- Sprach und kognitiven Tests bestanden, er ist schulfähig.
Die Mutter ist entsetzt. Es ist in Berlin kein Problem, Kinder, die noch jünger als Jurek, also bei Schulbeginn erst fünf Jahre und drei Monate sind, vorzeitig einzuschulen. Umgekehrt soll es nicht möglich sein, ein Kind zurückzustellen, das offensichtlich noch nicht so weit ist?
Die Behörden bleiben hart. Am Tag der Einschulung ist Jureks Zuckertüte prallvoll mit Geschenken und der Junge begeistert. Doch ein paar Tage später fängt der sonst so entspannte Junge an, sich zu verändern. Drischt auf seinen kleinen Bruder ein, quält die Katze, reißt am Wochenende säuberlich alle frisch eingesetzten Pflanzen aus dem Beet.
"Ich bin nicht mehr an ihn rangekommen. Es war, als ob ich keinen Kontakt mehr zu meinem Kind hätte", sagt die Mutter. Sie übt mit ihm, weil die Lehrer sagen, dass er den Stoff nicht bewältigt. Ohne Erfolg. Jurek sitzt angespannt vor seinen Arbeitsblättern, die Stirn gerunzelt und kaut auf seiner Faust herum, so lange, bis die Mundwinkel reißen.
Kinder müssen nicht nur kognitive und motorische Fähigkeiten mitbringen, sondern auch Durchhalte- und Konzentrationsvermögen und ein Minimum an Selbstorganisation, sagt sein Klassenlehrer Frank Weingärtner. "Jurek war noch nicht bereit für die Schule. Er schafft es gut, zwei Stunden mitzumachen, dann hat er keine Kraft mehr, und seine Aufmerksamkeit lässt nach." Er zeigt Arbeiten aus dem aktuellen Projekt. Die Schüler haben eine Geschichte zu ihrem Lieblingsbuch gemalt. Jureks Bild ist viel krakeliger, kindlicher als die der anderen.
Auffällig aggressiv im Unterricht war Jurek nie, sagt sein Lehrer, "das hat er wohl alles zu Hause rausgelassen." Aber der panisch gehetzte Ausdruck im Gesicht, wenn es dem Jungen zuviel wurde, entgeht Lehrern und Erziehern nicht. Dass Kinder im ersten Schuljahr überfordert sind, manche davon verhaltensauffällig werden, das sei nichts Neues, sagt Weingärtner.
Heute geht man davon aus, dass es in der Verantwortung der Schule liegt, ein Kind schulfähig zu machen - auch die schwachen und langsameren. Oder, wie es die Pädagogin Inge Hirschmann vom Grundschulverband vereinfacht: "Früher hat man aussortiert und selektiert. Heute nimmt man alles zwischen fünf und sieben Jahren und fördert."
Grundsätzlich ein guter Ansatz, meint Hirschmann, die auch Leiterin der Heinrich-Zille-Grundschule in Kreuzberg ist. "Aber so ein Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik muss auch von entsprechenden Maßnahmen begleitet werden." Mehr Rückzugsräume und mehr Pädagogen seien nötig, sagt Hirschmann, gerade kleine Kinder müssen auch mal aus der Gruppe rausgenommen werden, sich spielerisch ausprobieren können.
Von "suboptimalen Bedingungen" spricht auch Jureks Klassenlehrer. Er unterrichtet 28 Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren. Ideal wäre ein zweiter Kollege, wie es bei diesem altersgemischten Modell etwa in Skandinavien etwa üblich ist, sagt Weingärtner. Dann könnte man die Gruppe öfter teilen, auf Kinder wie Jurek besser und intensiver eingehen.
Versagensängste als Folge
In der sogenannten flexiblen Schuleingangsphase können die Kinder zwei oder drei Jahre verbleiben, bevor sie in die dritte Jahrgangsstufe aufrücken. Bei Jurek werden es wohl drei Jahre werden. Das haben seine Eltern zusammen mit Klassenlehrer und Erzieher entschieden. Jurek gilt deswegen nicht als durchgefallen, das jahrgangsübergreifende Lernen fängt die Kinder auf, die früher "sitzen geblieben" wären. Weingärtner weiß jetzt schon: "Jurek wird nicht der einzige in unserer Schule sein." Er ist allerdings der erste, bei dem das so früh, nach gut sechs Monaten in der Schule, klar ist.
Zumindest für Jurek war es offensichtlich die richtige Entscheidung. Sein roter Ausschlag im Gesicht ist mittlerweile verschwunden, er ist ausgeglichener, kaut nicht mehr auf seinen Stiften herum, und wenn es ihm zuviel wird, dann darf er einfach aufhören. "Ich hätte ihm den ganzen Stress gerne erspart", sagt seine Mutter.
Nicht alle nehmen das so leicht, warnen Pädagogen, es können sich in solchen Fällen auch Versagensängste bilden. Kinder haben feine Antennen, sie merken, wenn sie nicht dieselbe Leistung bringen wie der Rest. Wenn man Jurek fragt, was er davon hält, nächstes Jahr noch mal zu "wiederholen", sagt er nur: "Dann kann ich dreimal Fasching feiern!" Rechnen zumindest hat er schon gelernt.
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