Arbeitende Rentner
Das Gefühl, gebraucht zu werden
Ursula Schade legt ihren Stift zur Seite und schiebt den Papierstapel weg. Sie ist Buchhalterin in Kalles Autowerkstatt in Reinickendorf. "Genug für heute", sagt die 62-Jährige, "den Rest mache ich morgen." Eigentlich sollte die kleine Dame mit den grauen Locken gar nicht mehr arbeiten, sie ist längst Rentnerin. "Aber von dem Bisschen kann ich gar nicht leben", sagt sie, "ich muss mir etwas dazuverdienen."
Von Nicole Dolif und Beatrix Fricke
In den vergangenen Jahren ist die Zahl arbeitender Rentner in Deutschland drastisch gestiegen. Das belegen die Daten der Minijob-Zentrale in Essen, die Statistiken über 400-Euro-Jobs führt. Hatten im Dezember 2006 noch 668 685 Bundesbürger über 65 Jahre einen Minijob, waren es Ende 2009 schon 741 047. Das ist ein Anstieg um fast elf Prozent. Auch in Berlin nahm die Zahl der Minijobber über 65 in diesem Zeitraum um 15 Prozent auf 192 526 zu, in Brandenburg um fast 17 Prozent auf 123 853.
Reisen sind nicht drin
Nach Ansicht von Claus Lock, Gewerkschaftssekretär bei Ver.di in Berlin und dort Ansprechpartner für Senioren, werden die wenigsten Minijobber im Rentenalter aus Langeweile tätig: "Sie kommen sonst mit ihrem Lebensunterhalt nicht klar oder sparen auf eine kleine Reise oder ein neues Auto - Dinge, die sie sich aus den laufenden Rentenzahlungen eben nicht leisten können."
Reisen hat Ursula Schade sich schon vor Jahren aus dem Kopf geschlagen. Sie wäre gern einmal durch den Panamakanal gefahren, einfach so. "Aber das ist nicht drin. Ich bekomme 782 Euro Rente ausbezahlt", sagt sie. "Davon sind knapp 500 Euro gleich weg für Miete, Strom, Heizung und Telefon." Der Rest reicht gerade so zum Leben. "Wenn ich nicht jeden Cent zweimal umdrehen will, muss ich nebenbei arbeiten", sagt Ursula Schade. Etwa zehn Stunden pro Woche ist sie als geringfügig Beschäftigte tätig, verdient sich bis zu 400 Euro dazu. Sie ärgert sich darüber, dass sie von ihrer Rente kaum leben kann, schließlich hat sie bereits 35 Jahre Erwerbstätigkeit hinter sich. Aber ein bisschen freut sie sich auch, wenn sie an ihren Arbeitsplatz kommt. Man kennt sich, man mag sich. "Es ist schön, gebraucht zu werden", sagt die alleinstehende Rentnerin. Nicht, dass sie sich sonst nicht beschäftigen könnte. Sie ist für die Grauen in der Bezirksverordneten-Versammlung in Mitte, hat ehrenamtliche Aufgaben und Verpflichtungen. "Aber das schaffe ich alles auch noch neben der Arbeit", sagt sie, "denn sie macht mir ja auch Freude."
Altersarmut vor allem im Osten
Und jammern will Ursula Schade auch gar nicht. Sie weiß, dass viele Rentner finanziell noch schlechter dran sind als sie. Vor allem bei vielen Menschen aus Ostdeutschland seien die Alterseinkünfte sehr niedrig, sagt Claus Lock. Sie erhielten oft ausschließlich gesetzliche Rentenzahlungen und hätten keine Zusatzeinkommen durch eine Betriebsrente oder Leistungen aus privater Vorsorge. Diesen Menschen gehe es finanziell im Alter dann oft schlecht.
Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung beträgt die durchschnittliche gesetzliche Altersrente von Frauen in den neuen Bundesländern 676 Euro. Frauen in den alten Bundesländern müssen sogar mit nur 473 Euro auskommen. Männern in den neuen Bundesländern stehen im Alter 1044 Euro zur Verfügung, Männern in den alten Bundesländern 970 Euro (Stichtag: 31. Dezember 2008).
Nach Ansicht von Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK, wird sich die Situation für die Rentner noch verschärfen. "Die geschlossenen Rentenbiografien werden immer seltener", sagt sie. "Immer mehr Rentner werden lange Phasen der Arbeitslosigkeit oder der Tätigkeit im Niedriglohnsektor hinter sich haben, die die Höhe des Auskommens im Alter drücken." Diese Rentner stünden dann vor der Wahl, Grundsicherung zu beantragen oder noch im Alter einen Job zu suchen. Um die Situation zu verbessern, fordert sie eine Rentenpolitik, die Altersarmut vermeiden hilft. Nach Ansicht von Ver.di-Experte Lock ist in erster Linie ein Abbau der Arbeitslosigkeit notwendig. Beide raten zugleich den Arbeitnehmern, schon frühzeitig - während des Arbeitslebens - privat vorzusorgen.
Wissen weitergeben
Ursula Schade hat noch 2500 Euro auf der hohen Kante. "Das ist meine eiserne Reserve", sagt sie. Mit dem Geld hatte sie gar nicht gerechnet. Im vergangenen Jahr wurde ihre Rente angepasst, und sie bekam diese Nachzahlung. "Erst wollte ich mir gleich einen Kühlschrank kaufen gehen, die Küche renovieren, irgendwohin fahren", sagt Ursula Schade, "aber dann habe ich das Geld doch weggelegt. Wer weiß, wie lange meine Gesundheit es noch zulässt, dass ich die Buchhaltung weitermache."
Darüber will Rudolf Siebke noch gar nicht nachdenken. Er ist zwar auch Rentner, aber einen ruhigen Ruhestand konnte er sich partout nicht vorstellen. "Ich hatte einfach keine Lust, zu Hause zu sitzen", sagt der ehemalige Qualitäts- und Technologie-Manager im Goodyear-Dunlop-Reifenwerk Fürstenwalde (Oder-Spree). Und so feierte er keinen Abschied von seinen Kollegen, sondern blieb ihnen erhalten. Der 66-Jährige gibt 20 Stunden pro Woche sein Wissen an Mitarbeiter im werkseigenen Schulungszentrum weiter. "Wenn die Leute mit einem Aha-Effekt aus dem Unterricht gehen", sagt Siebke und lacht zufrieden, "dann sind das meine Sternstunden."
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