Bildung
Berliner Eltern machen den Elternführerschein
Berliner Eltern können noch einmal die Schulbank drücken - und lernen, wie sie ihre Kinder am besten erziehen. Das Ziel: Glückliche Kinder. Konkrete Ratschläge saugen die Mütter und Väter auf - doch sie haben auch Zweifel, ob sie eigentlich die richtigen sind für diesen Kurs.
Von Anette von Nayhauß
In der Reihe ganz hinten schreiben sie noch eifrig mit. Aber links wird schon mal ein bisschen gekichert. Und vorne rechts sagt einer, leicht genervt: "Das wissen wir doch längst." Ganz normaler Alltag also im Klassenraum der 6b, nur dass auf den Stühlen keine Elf- oder Zwölfjährigen hocken, sondern 19 Erwachsene.
Und die sind ganz freiwillig hier. Kein Elternabend, kein Planungskomitee für das Schulfest hält sie auf den harten Holzstühlen fest: Sie sind hier, weil sie einen Elternführerschein machen wollen. Weil sie lernen wollen, wie sie ihre Kinder fit für die Schule und für das Leben machen.
GdS - "Gesetz des Schulerfolgs" heißt der Kurs, zu dem sie sich in der evangelischen Schule Charlottenburg versammelt haben und für den die Eltern 40 Euro für zwei Kurstermine mit jeweils vier Stunden zahlen. Am Ende bekommen sie ein Zertifikat.
Die Elterntrainer Ingrid (62) und Ulrich Krenz (67) stehen vor der Klasse mit den Eltern. Sie vermitteln das von Adolf Timm entwickelte GdS Konzept. Das Ziel ist es, "eine Kultur des Lernens" in den Familien zu schaffen. Denn: Nur wenn Kinder zu Hause auf die Schule vorbereitet werden, können sie dort erfolgreich sein.
Cooler und gelassener werden
Das Interesse der Eltern ist groß. Immer wieder gibt es Nachfragen. Ob es nicht viel zu spät sei für einen solchen Kurs, wenn die Kinder schon im Grundschulalter sind, fragt ein Teilnehmer. Schließlich zeige die Hirnforschung doch, dass die Bindungsstruktur nach den ersten 36 Lebensmonaten festgelegt sei. Ganz selbstverständlich diskutieren die Eltern hier über Bindungsformen und "Quality Time", über Motivationstheorie und Potentialentwicklung. "Wir sind die falsche Zielgruppe" findet ein Vater von zwei Söhnen, sechs und zehn Jahre alt. "Damit müsste man an eine Hauptschule in Neukölln gehen, aber nicht an die evangelische Schule in Charlottenburg."
Natürlich sei das Ziel, mit dem GdS-Konzept alle Eltern zu erreichen, sagt Ingrid Krenz. "Die Frage ist nur: Wie? Die Eltern können nicht dazu gezwungen werden, an dem Kurs teilzunehmen." Deshalb haben Adolf Timm und der Jugendforscher Klaus Hurrelmann gemeinsam die Idee eines "Elternführerscheins" entwickelt, eine Fortbildungspflicht für Eltern, damit sie ihre Kinder beim Lernen unterstützen können. Sie wollen auch die Väter erreichen, die nicht einmal den Namen der Schule wissen, die ihr Kind besucht. Die Mütter, die kaum noch mit ihren Kindern reden. Die Eltern, deren Kinder jeden Abend in ihrem Zimmer vor dem eigenen Fernseher hocken. Aber die sind an diesem Abend nicht gekommen. "Schade", findet das Maja, die zwei Töchter auf der evangelischen Schule hat. Die 41-Jährige ist Elternsprecherin der dritten Klasse und sagt vorsichtig, sie hätte sich gefreut, wenn auch die Eltern dabei wären, die sich bisher weniger um ihre Kinder und deren Schulerfahrungen kümmern. Aber, gesteht sie dann ganz offen ein: Auch sie profitiere von den Tipps der beiden Elterntrainer. "Ich habe das Gefühl, dass ich vieles richtig mache - aber längst nicht alles", beschreibt sie ihre persönliche Erziehungsbilanz. "Cooler, gelassener" will sie bleiben, wenn künftig die Drittklässlerin mal wieder eine flapsige Antwort gibt und die Erstklässlerin ihre Mutter in eine lange Hausaufgabendiskussion verwickelt.
"Machen Sie das, das und das"
Wichtig sei, so Ingrid und Ulrich Krenz, dass die Kinder richtig gelobt werden. Und zwar für die Anstrengung - nicht für ihre Intelligenz. Sie ruhten sich dann auf ihren Lorbeeren aus und gäben bei Schwierigkeiten zu schnell auf. Wichtig sei, sich auf die Stärken zu konzentrieren, statt die Schwächen zu betonen. "Jeder ist gut in irgendwas", versichert Ingrid Krenz. Niemals sollten Eltern die Geschwister vergleichen. Und auf ein Lob dürfe eben kein "aber" folgen - damit werde es vergiftet. Da nicken manche der Eltern ein bisschen betroffen und malen ein Ausrufezeichen neben die mitgeschriebenen Zeilen.
Acht Stunden dauert das erste Modul des GdS-Kurses, und immer wieder gibt es diese Ausrufezeichen-Momente. Für Antje, 41 und Mutter von zwei Söhnen, ist es die "Teezeit": Die Minuten, die sich das Ehepaar Krenz täglich nur für sich genommen hat, als die Kinder klein waren, in denen - außer in wirklichen Notfällen - nichts und niemand stören durfte: Das will sie künftig auch so halten, sagt sie. Die ganz konkreten Ratschläge sind es, die die Eltern mitnehmen wollen, "nach dem Motto: Machen Sie das, das und das", sagt die zweifache Mutter Maja und lacht - sie weiß, dass kein Seminar das leisten kann. Deshalb nimmt sie die Denkanstöße und Erfahrungen des Ehepaars Krenz mit nach Hause und achtet künftig noch genauer darauf, wie sie mit ihren Töchtern umgeht. Dass ihr das "Aber" hinter einem Lob gar nicht mehr passiere, das glaube sie nicht, sagt sie selbstkritisch, "aber vielleicht kommt es ein bisschen seltener."
Genau das ist auch das Ziel, sagt Ulrich Krenz. Dass Mütter und Väter ihr eigenes Verhalten überprüfen. "Wenn die Eltern anders funktionieren, reagiert auch das Kind anders." Das fange bei Kleinigkeiten an, zum Beispiel, indem sie um etwas bitten, statt es anzuordnen. "Eigentlich geht es um selbstverständliche Dinge", betont Ingrid Krenz. "Darum, dass die Eltern sich erinnern: Was war für dich wichtig in deiner Kindheit? Wann warst Du glücklich?" Das macht das Zusammenleben in der Familie leichter - und glückliche Kinder, sagt Ingrid und Ulrich Krenz, kommen auch in der Schule besser zurecht.
Mehr zu den Kursen: www.elterntraining-berlin.de
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