Projekt
Schulalltag mit Hund: Rechnen, Lesen, Kraulen
Donnerstag, 8. April 2010 02:39 - Von Karoline BeyerBeinahe würdevoll trägt Michel einen Pantoffel durch das Zimmer. Dabei schreitet er mit hocherhobenem Kopf - als hätte er eine wichtige Aufgabe zu erledigen. Das hat er auch, denn das Zimmer ist ein Klassenzimmer und Michel ist ein Schulhund.
Er hilft den Kindern, sich im Unterricht wohler zu fühlen, sich ruhiger zu verhalten und besser zu lernen. Das funktioniert: Selbst wenn er ab und zu einen Kinderhausschuh klaut, gibt es keine große Unruhe. Heute steht der elfjährige Hilal auf, nimmt Michel den Schuh einfach weg und setzt sich wieder hin.
Betritt man das sonnige Klassenzimmer, herrscht eine beinahe gedämpfte, friedliche Stimmung. Selbst als es zur Pause läutet, springen sie nicht einfach auf.
Michel bringt nichts aus der Ruhe
Neunzehn Schüler sitzen in dem hellen Zimmer an Sechsergruppentischen, beschäftigen sich in Gruppenarbeit. Die Sonne scheint zwischen den heruntergelassenen Sonnenblenden hindurch. In einer Ecke zwischen den Stühlen liegt der sechs Monate alte Golden-Retriever-Rüde auf seiner Decke. Seit Januar geht er jeden Tag für ein paar Stunden in die jahrgangsübergreifende Klasse 4-6 a der Rudolf-Wissell-Grundschule in Wedding.
Begleitet wird er stets von Inge Dallmeier. Die 55-Jährige hat das Projekt initiiert, bereits viel mit tiergestützter Therapie gearbeitet und bildet Michel aus. Sie hat ihn ausgewählt, ist von Züchter zu Züchter gefahren, um einen Hund zu finden, den nichts aus der Ruhe bringt. "Die Kinder lernen, Regeln einzuhalten", sagt die Diplom-Sozialarbeiterin. "Es soll nicht gegessen oder getobt werden. Außerdem dürfen die Kinder in Michels Anwesenheit nicht laut sein, weil er ein viel feineres Gehör hat als die Menschen." Schlimme Worte gegen Hunde gibt es auch nicht, die Kinder haben Inge Dallmeier noch nie mit Michel schimpfen hören. Michel ohne Grund zu rufen oder ihn einfach so zu streicheln, ist ebenfalls nicht erlaubt.
Dafür gibt es extra Einzelstunden, denen die Kinder entgegen fiebern. Sie sind Belohnung für gutes Verhalten in der Klasse und während des Unterrichts. Jeweils ein Schüler zieht sich mit Inge Dallmeier und Michel in einen Nachbarraum zurück. Auf einer weichen Matte am Boden in einer Ecke sitzen sie dann und reden. Michel wird gebürstet und gestreichelt. Der Hund liegt meist ganz ruhig da oder dreht sich hingebungsvoll auf den Rücken. Manchmal beginnen die Kinder, angeregt durch die Situation, zu erzählen. Sie reden sich von der Seele, was sie belastet, und können sich entspannen. "Jetzt, wo wir Michel haben, gehe ich gern zur Schule", sagt Genesis (12). Am meisten freue sie sich immer auf die Einzelstunden, aber der Unterricht mache auch mehr Spaß, weil alle netter zueinander seien. "Michel ist einfach nur süß. Als er klein war, haben wir ihn immer im Kinderwagen rumgefahren."
Auf die Rudolf-Wissell-Grundschule in der Ellerbeker-Straße gehen 570 Kinder aus 28 Nationen. 75 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Zum Teil wird montessori-orientiert unterrichtet. Hier findet kein Frontal-Unterricht statt. Einen großen Teil des Unterrichts nimmt die Gruppenarbeit ein. Die Schüler lernen selbstständig und in jahrgangsübergreifenden Klassen, in denen jeweils die ersten und die letzten drei Schuljahre zusammengefasst werden. Michel gehört zur Klasse 4-6 a von Frau Schreyer. Sie hat die Eltern vorher über das Schulhundprojekt abstimmen lassen. Niemand hatte etwas dagegen, keines der Kinder ist allergisch. Selbst eine Mutter, die zu Beginn Bedenken hatte, habe ihre Haltung verändert, berichtet die Klassenlehrerin. "Im Gegenteil: Ich habe noch nie eine so lebendige Diskussion bei einem Elternabend erlebt. Sonst ist es nämlich oft schwierig, weil viele Eltern nicht gut deutsch sprechen." Michel hat einen Gesundheitsausweis, macht eine Begleithundeprüfung und hat schon einen Wesenstest absolviert.
Sein friedlicher Charakter hilft den Kindern, die oft nur Kampfhunde kennen, ihre Angst vor Hunden zu besiegen. "Das hier ist keine friedliche Gegend", sagt Inge Dallmeier. "Die Kinder sind oft Konflikten ausgesetzt. Durch Michel lernen sie, dass man vieles lösen kann." Der Hund hat ein Gespür für Konflikte. Gibt es Streit in der Klasse, schnappt er sich zum Beispiel mal wieder einen Hausschuh und spaziert damit herum. Dann müssen alle lachen und die Situation ist erst einmal entschärft.
Die Kinder üben auch Alltagssituationen mit Michel, fahren U-Bahn und spazieren mit ihm durch den Flughafen Tegel. Sie lernen, zu beobachten und auf seine Bedürfnisse zu achten. Ihre Erlebnisse schreiben sie im Michel-Blog auf.
Auch die Lehrerin wird ruhiger
160 Schulhunde gibt es in Deutschland, in Berlin nur zwei. Inge Dallmeier ist sehr zufrieden mit Michels Einsatz. Auch Heike Schreyer freut sich über die Fortschritte der Kinder im Umgang mit dem Hund - und über den reibungsloseren Ablauf des Unterrichts. "Michel hat durch seine bloße Anwesenheit eine beruhigende Wirkung auf alle. Die Kinder lernen, Rücksicht zu nehmen - nicht nur auf den Hund, sondern auch auf andere." Ähnliches berichten die Schüler auch über ihre Lehrerin. Genesis (12) erklärt: "Wenn wir zu Frau Schreyer sagen: 'Michel kommt heute', wird sie automatisch ruhig, auch wenn sie sich vorher aufgeregt hat."
Auch Michel braucht manchmal Ruhe und ein bisschen Abstand zu seinem Schulalltag. Wenn Inge Dallmeier merkt, dass es ihm zu viel wird, geht sie nicht in die Schule. Denn er soll trotz allem ein richtiges Hundeleben führen dürfen.

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