Medizin
Schwere Geburt trotz Kaiserschnitt
Sonntag, 28. März 2010 04:08 - Von J. Schulte am HülseManche Babys sind schon ein wenig widerspenstig, bevor sie überhaupt das Licht der Welt erblicken. So war es auch bei Alexander. Der kleine Junge sorgte bereits im Bauch seiner Mutter für Aufregung: Er saß aufrecht mit gekreuzten Beinen wie ein kleiner Buddha da. Und er dachte überhaupt nicht daran, sich zu drehen, in die richtige Geburtsposition mit dem Kopf nach unten.
Er fühlte sich anscheinend pudelwohl - seine Mutter weniger. Girlene Rodrigues-Scholz musste sich gedanklich mit den zwei Alternativen für die Geburt ihres Sohnes beschäftigen: Kaiserschnitt oder vaginale Steißgeburt. Keine der beiden zur Auswahl stehenden Optionen behagte ihr sonderlich.Sie wünschte sich eigentlich eine natürliche Geburt. Doch als Alexander auch in der 37. Schwangerschaftswoche noch stur aufrecht sitzen blieb, riet ihr Gynäkologe zu einem geplanten Kaiserschnitt. Diese Operation, die im 19. Jahrhundert fast immer mit dem Tod der Mutter endete, zählt heute zu den sichersten und am häufigsten durchgeführten Eingriffen überhaupt. Mittlerweile kommt jedes dritte Kind in Deutschland per Kaiserschnitt zur Welt, die Sterblichkeit unter Müttern liegt hierzulande nur noch bei etwa 0,004 Prozent.
"Ich war trotzdem sehr enttäuscht, weil ich so gern den Geburtsvorgang erlebt hätte", sagt Girlene. Die 29-Jährige war vor der Diagnose BEL (Beckenendlage) bereits mit ihrem Mann in einem Schwangerschaftsvorbereitungskurs, hatte das Atmen und verschiedene Positionen für die Geburt geübt. Ihr Mann Marco war schon ein Semi-Profi für beruhigende Massagetechniken. Und dann das: Die Ärzte wollten zum Skalpell greifen.
Marco Rodrigues-Scholz fand die Vorstellung, dass es nun einen festen Termin gibt, an dem man ins Krankenhaus geht, sehr angenehm. "Es war ganz klar, wann wir mit allen Vorbereitungen fertig sein mussten und wann unser Sohn dann da ist", sagt der 35-Jährige. So wurde also der Geburtstermin für Alexander festgelegt. "Wir fuhren an diesem Tag ins Krankenhaus. Ohne Wehen und ohne, dass ich meine erlernten Atemtechniken anwenden musste", sagt Girlene. Vater Marco fand das alles ziemlich praktisch. "Ich konnte mir einfach an diesem Tag freinehmen und mich voll und ganz auf die Ankunft meines ersten Kindes konzentrieren", sagt er. "Männer!", kontert seine Frau lachend. Sie fand diese Art der Planung absolut unromantisch und unnatürlich. "Meinen Sohn konnte ich dann nach dem Eingriff außerdem nicht sofort in den Armen halten", fügt sie hinzu. Schließlich musste ihr Bauch erst genäht werden. Somit landete das "frisch geholte" Baby zuerst in den Armen seines Vaters. "Himmel, das war schön", sagt der glücklich.
Trotz einiger Vorteile: Eine einfache Sache ist der Kaiserschnitt ganz sicher nicht. Die Geburtsschmerzen erspart sich "frau" zwar, der Schnitt durch die Bauchdecke schmerzt später aber oft noch Tage oder gar Wochen. "Oh, ja", bestätigt Girlene. Sie konnte nicht sitzen, lachen, husten - ohne dass sie ein Stechen im Unterleib verspürte. Und selbst das Stillen sei anfangs recht unangenehm gewesen, "weil ich den Kleinen wegen der Narbe nicht auf den Schoß legen konnte".
Familie Rodrigues-Scholz sitzt mit ihren zwei Kindern im Wohnzimmer ihrer Wohnung. Alexander ist heute drei Jahre alt, Sophie gerade erst zehn Tage. Das kleine Mädchen machte während der Schwangerschaft im Gegensatz zu ihrem großen Bruder keinerlei Sperenzchen. Sie drehte sich in Mamas Bauch ganz brav richtig herum. "Ich war glücklich, dass ich beim zweiten Mal die Geburt in vollen Zügen erleben durfte", sagt Girlene. Und "in vollen Zügen" trifft es in ihrem Fall wirklich: "Es dauerte insgesamt fünfundzwanzig Stunden." Bis Wehen in den richtigen Abständen kamen, fuhren sie und ihr Mann zweimal ins Krankenhaus. Als der Muttermund auch nach zwanzig Stunden noch nicht weit genug für die Geburt geöffnet war, musste Girlene im Krankenhaus Treppen steigen. Sie schrie, wie es nun mal so ist, ihren Mann an, dass er ja keine Ahnung habe, was sie durchmache. Und dachte außerdem diverse Male: "Ich will jetzt sofort einen Kaiserschnitt!"
Aber Girlene hielt durch, obwohl ihr während des nervenaufreibenden Treppensteigens durch den Kopf schoss: "Oh, mein Gott, was tue ich mir nur an?" Und dann kam Sophie, endlich! "Die Hebamme legte sie mir sofort auf die Brust, und ich musste vor Glück weinen", sagt die Mutter. Und wenn sie sich entscheiden müsste, welche Art des "Kindbekommens" ihr lieber war, sagt sie trotz der Strapazen ad hoc: "Die natürliche Geburt!" Weil es einfach ein unbeschreibliches Gefühl sei und sie ihr Kind sofort halten, stillen, knuddeln konnte - ohne Schmerzen. Papa Marco ist sich nicht sicher, was er präferiert. "Hm", macht er und sagt dann: "Beide Kinder sind kerngesund und das ist letztlich das Wichtigste".

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