Kinderbücher
Hauptsache, es glitzert! Was Eltern wollen - und Kinder wirklich gerne lesen
Samstag, 20. März 2010 02:56 - Von Astrid HerboldNormalerweise geht das hier so: Ich blättere Kataloge durch, ich mache Post-its rein, ich bestelle Bücher bei Pressestellen. Dann lese ich, lobe ich, fertig. So funktioniert das Besprechen von Kinderbüchern.
Der einzige Haken an dieser Vorgehensweise: Was der erwachsene Rezensent dem erwachsenen Käufer dabei ans Herz legt, ist oft nicht das, was dann abends auf der Bettkante auch den Kindern gefällt. Auch wenn es noch so "kongenial" illustriert, noch so "poetisch" formuliert, noch so tiefgründig erdacht und künstlerisch wertvoll umgesetzt ist. Kinder, so die leidvolle elterliche Erfahrung, haben irgendwie einen anderen Geschmack als Feuilletonisten.
Deshalb wollen wir es in diesem Frühling anders machen - basisdemokratisch, sozusagen. Die Leserschaft darf selbst aussuchen, welche neuen Bücher zur näheren Prüfung auf den Tisch kommen. Dazu habe ich eine fünfköpfige Jury verpflichtet, die so unbestechlich wie meinungsstark ist: Ida (10), Rosa (6), Alma (5), Nicolai (5) und auch noch Gustav (1).
Die kindlichen Kriterien
Auf dem Wohnzimmerfußboden kämpfen wir uns durch Berge von Vorschauheften. Unter erschwerten Bedingungen, denn Gustav ist nur daran interessiert, jedes erbeutete Papierprodukt sofort und möglichst kleinteilig zu zerreißen. Die Vorlieben der anderen vier Jungleser werden dagegen schnell deutlich: "Das will ich!" "Und das!" "Und das da auch!" Ich versuche zu erklären, warnen, locken, kanalisieren. "Wieso nicht dieses da? Oder das hier, das sieht doch auch interessant aus ..."
Aber meine Jury hat ihren eigenen Kopf: Sie reagiert nicht auf pastellfarbene Titelbilder, nicht auf zarte Zeichenstriche, nicht auf die vorsichtige Thematisierung von Sorgen, Nöten und Problemen. Das kindliche Auge siebt nach anderen Kriterien: rosa - super! glitzer - noch besser! gruselig-düster - am allerbesten! Wenn dann noch Pferde, Feen, Seeräuber oder Monster auf dem Cover sind, ist die Entscheidung gefallen.
"Café Monsterschmaus" heißt das erste Buch, nach dem die Bande lautstark verlangen, und tatsächlich ist das Pop-Up-Buch von Alex Henry und Antje von Stemm der Renner. Hinter Fensterchen und Türchen verbirgt sich krabbelndes Ungeziefer. Es gibt Rädchen zum drehen und Laschen zum ziehen. Auf der Speisekarte steht "Schlangenhaut gefüllt mit Ohrenschmalz und Haaren", das gefällt der Zielgruppe. Laut Hausregeln wird in diesem Gruselcafé in jede Suppe gespuckt und der Boden nie gefegt: "Verschütten Sie, was Sie wollen, wir lassen es liegen!" Hihi! Hoho! Noch mal!
Andere Bücher halten dagegen nicht, was ihre Titel versprechen: "Ganz schön schlau, die dumme Sau" (von Werner Holzwarth und Henning Löhlein) wird zwar zum geflügelten Satz bei unseren Teamsitzungen, aber so richtig zünden tut die Geschichte um den verzagten Sebastian Forkel nicht. Auch die obligatorischen rosa Elfenbücher (z.B. "Ein Elfe für Sofie" oder "Die kleine Elfe und der Zauberstein") werden eher wegen ihrer zuckersüßen Bildchen als wegen ihrer literarischen Qualitäten geliebt.
Etliche (noch ödere) Bilderbücher später ergreife ich meine Chance und zaubere nun doch ein paar altkluge Empfehlungen aus dem Ärmel. Und tatsächlich: Ein ziemlich textlastiges Sachbuch, das eigentlich für die Zehnjährige bestimmt war, findet spontan zwei Fans, die noch nicht mal lesen können. Für Nicolai und Alma kein Problem, sie erklären sich den Inhalt von Maja Nielsens anschaulichem historischen Sachbuch "Titanic. Entdeckung auf dem Meeresgrund" einfach gegenseitig: "Guck mal, da ist der Eisberg." "Und da gluckert das Boot unter."
Überhaupt ist die Bereitschaft, sich mit gut gemeinten Sachbüchern zu beschäftigen, offenbar eher unter Vor- und Grundschülern verbreitet. Geduldig jedenfalls lassen sich Rosa, Alma und Nicolai aus dem großformatigen "Wilde Tiere in Gefahr" von Thomas Müller vorlesen. Dass in den Texten deutlich mahnend von "Aussterben" und "zerstörtem Lebensraum" die Rede ist, überspringe ich. Sensibilisierung für Artenschutz in allen Ehren, aber wir bleiben trotzdem lieber erst mal bei der neugierigen Annäherung. Die beigelegte Tierstimmen-CD eignet sich dafür perfekt und bereitet größtes Vergnügen, vor allem, weil man dazu wild am CD Player rumdrücken darf.
Überhaupt gehen Tiere irgendwie immer: ob als anatomische Nahaufnahmen (beeindruckend fotografiert: "Fell, Federn, Schuppenkleid?" von Stéphane Frattini) oder als müde Eulenkinder, die nicht schlafen gehen dürfen (nett ausgedacht: "Die kleine Eule" von Amy Krouse Rosenthal). Auch der Kinderbuchklassiker von der größenwahnsinnigen Schnecke ("Das größte Haus der Welt" von Leo Lionni, endlich wieder lieferbar!) wird wohlwollend aufgenommen. Trotzdem, das Zeug zum Lieblingsbuch haben die Titel alle nicht so recht.
Reime kommen gut an
Eine Punktlandung bei unserer kleinen Forschergruppe schafft dafür ein auf den ersten Blick eher unauffälliger Kandidat: die Gedichtsammlung "Sieben kecke Schnirkelschnecken", herausgegeben von Sibylle Sailer und illustriert von Sabine Büchner. Die kurzen Gedichte, u.a. von Josef Guggenmoos, H.C. Artmann, Peter Hacks und Robert Gernhardt, sind so großartig ausgesucht, dass wir gar nicht mehr aufhören können mit der Reimerei. Und als der Papa abends nach Hause kommt, wird das ganze Buch gleich noch mal von vorne bis hinten vorgetragen.
Und wo wir schon mal bei gelungenen Sammelbänden sind: Auch auf zwei andere Titel haben wir uns am Ende einigen können. Einmal den Erzählband "Von Tuppi, Krawitter und Schweinchen Jo", in dem klassische Kindergeschichten von bekannten DDR-Autoren wiederauflegt wurden, und - ein bisschen moderner im Tonfall - der ähnlich dicke Band "Starke Freunde" mit Geschichten von Philipp Waechter, Roald Dahl, Christine Nöstlinger, Peter Härtling usw. Der Vorteil beider Bücher: die Auswahl ist groß, an Illustrationen wurde nicht gespart. Und wenn mal ein Text nicht gefällt, dann blättert man eben weiter. Oder liest zum fünfzigsten Mal die brüllend komischen Erlebnisse von "Fischbrötchen" im Kuhstall vor.
Ach so, und was gefällt jetzt eigentlich dem jüngsten und was dem ältesten Jurymitglied? Gustavs Geschmack ist so einseitig wie überschaubar: Er bevorzugt Bücher, an denen man erstens kauen kann und in denen sich zweitens möglichst viel bewegt. Zum Beispiel das Buch mit der Raupe mit mütterlichem Finger drin ("Rosi, die kleine Raupe") oder das Buch mit dem Panda mit mütterlichem Finger drin ("Paul, der Panda"). Zehneinhalbjährige dagegen sind, ich hatte es ja geahnt, weitgehend beratungsresistent gegen Büchertipps von Erwachsenen. Ein paar vorsichtige Vorstöße konnte ich mir trotzdem nicht verkneifen: "Hier, guck mal, ein toller Abenteuerroman über einen Flugzeugabsturz in den Anden, nach einer wahren Begebenheit." "Oder dieses hier, Kaputte Suppe, das soll auch ganz toll sein." Will sie nicht. Erstens darum, zweitens aus Prinzip und drittens weil nur die Bücher "geil" sind, die man sich alleine und selbst ausgesucht hat. Und dann zeigt Idas Finger auf alles, was blass, blutleer und scheintot ist. Und ich geb' mich geschlagen. Vorerst.
Zur Mittagszeit durch Lüdenscheid spazierte Tante Adelheid in ihrem neuen Rüschenkleid. Die Tante Adelheid ist breit. Das Rüschenkleid war nicht so weit, das Rüschenkleid war eng, peng.

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