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Neues Modell

Was Berliner sich von der Pflegezeit versprechen

Wenn Margit Stadlober nach der Arbeit heimkommt, hat sie noch längst nicht Feierabend. Zwar sind ihre Kinder erwachsen und brauchen keine Betreuung mehr - aber seit ein paar Jahren kommt Margit Stadlobers Mutter immer schlechter zurecht. Wie sie kümmern sich viele Berliner zu Hause um ihre pflegebedürftigen Angehörigen. Doch der Vorschlag von Familienmisterin Schröder ist umstritten.

Christian Kielmann
Foto: Christian Kielmann
Peter Stempel aus Reinickendorf kümmert sich seit drei Jahren um seine Frau Sylvia. Die heute 54-Jährige arbeitete beim Bezirksamt, 2006 erlitt sie einen schweren Schlaganfall. Peter Stempel arbeitet halbtags

Die 89-Jährige ist schwer krebskrank, seit dem vergangenen Jahr hat sich ihr Zustand so verschlechtert, dass sie nicht einmal mehr allein eine Gabel halten kann. "Es wäre das Leichteste, Mutter in ein Pflegeheim zu geben, dann würde die Pflegekasse zahlen, aber das wollen wir nicht", sagt die Zehlendorferin. Es sei ihr wichtig, bis zum Ende für ihre Mutter zu sorgen - "auch weil ich ein Vorbild für meine Kinder sein will."

Die 57-Jährige weiß, wie anstrengend die Doppelbelastung von Beruf und Pflege ist. Ohne die Unterstützung ihres Bruders und ihrer Tochter würde sie das Pensum derzeit gar nicht schaffen. Deshalb hat sie den Vorschlag von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder zur Pflege von Angehörigen gestern mit Interesse aufgenommen. Die CDU-Politikerin hatte eine zweijährige Familien-Pflegezeit vorgeschlagen: Wer 24 Monate lang halbtags arbeitet, soll zunächst 75 Prozent seines bisherigen Gehaltes weiter bekommen.

Das Modell findet Margit Stadlober "gut und verträglich". Zwar müsse man finanzielle Abstriche machen, aber das sei eher zu verkraften als eine Freistellung ganz ohne Bezüge. "Das kann sich niemand leisten." Und schließlich könne jeder in die Lage kommen, Angehörige pflegen zu müssen.

Ehemann und Pfleger zugleich

Peter Stempel aus Reinickendorf kümmert sich seit drei Jahren um seine Frau Sylvia. Die heute 54-Jährige arbeitete beim Bezirksamt, 2006 erlitt sie einen schweren Schlaganfall. "Da ist für uns eine Welt zusammengebrochen", sagt der 51-Jährige. Sieben Monate war seine Frau im Krankenhaus, heute kann sie wieder sprechen, aber ihre linke Seite blieb gelähmt. Peter Stempel wäscht seine Frau, er zieht sie an, bringt sie aus dem Bett und zur Toilette. "Morgens kommt ein Pflegedienst, aber die Mitarbeiter haben nicht so viel Zeit", sagt er. Um alles andere kümmert er sich selbst, am Wochenende ganz allein: "Das kann man auch von niemand anderem verlangen."

2007 sprach Peter Stempel mit seinem Arbeitgeber, der BSR. Das Gespräch war ein Lichtblick. "Die haben sofort zugestimmt, als ich von Teilzeit gesprochen habe." Seitdem arbeitet er täglich vier Stunden, meist ist er von 5 bis 9 Uhr als Straßen- und Grünflächenreiniger mit dem Besen im Einsatz. Halbe Stelle, halbes Gehalt - natürlich würde Peter Stempel sich über eine neue Pflegezeitregelung freuen: "Da muss endlich was passieren."

Irmtraud Schmidt indes kümmert sich zu Hause in Reinickendorf um ihren demenzkranken Ehemann. Die 68-Jährige hält Schröders Initiative für "sehr gut" - auch wenn sie selbst gar nicht direkt davon profitieren würde, weil sie nicht mehr berufstätig ist. "Doch mit so einem Modell könnte mich meine Tochter unterstützen, wenn es mit meinem Mann schlimmer wird", sagt Irmtraud Schmidt. Ihre Tochter habe schon angeboten, dass sie ganz aufhören könnte zu arbeiten, "aber das wäre mir unangenehm." Man wisse ja auch nicht, ob sie dann wieder in den Arbeitsmarkt hineinkäme.

Die Sozial- und Wohlfahrtsverbände in Deutschland begrüßten den Vorstoß der Familienministerin als "Schritt in die richtige Richtung". Zugleich forderten sie eine bessere finanzielle Absicherung für die Pflegenden. Diese dürften nicht schlechter gestellt werden als Erziehende in der Elternzeit, die für einen befristeten Zeitraum 67 Prozent ihres Nettoeinkommens erhalten, so der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Eberhard Jüttner.

Caritas-Präsident Peter Neher sagte, es müsse geklärt werden, ob die geplanten zwei Jahre am Stück genommen werden müssten oder ob eine Stückelung denkbar sei. Pflege sei nicht immer ein kontinuierlicher Prozess und verlange daher Flexibilität von den betroffenen Angehörigen.

Teilzeit ist undenkbar

Das bestätigt auch Ina Buch aus Heiligensee. Sie ist mit der Pflege ihrer 89-jährigen Mutter so ausgelastet, dass selbst an eine Teilzeitstelle nicht zu denken ist. Ihre Mutter ist schwer dement, leidet an Diabetes und Niereninsuffizienz, hört schlecht und kann kaum mehr laufen. Die 55-jährige Tochter, gelernte Arzthelferin, kauft für sie ein, kocht, zieht sie an, begleitet sie zu Ärzten, erledigt Hausarbeiten. Ina Buch würde gern zwei Tage in der Woche arbeiten - nur wann?

"Wenn fremde Helfer kommen, macht meine Mutter erst gar nicht auf, und wenn ich mal ausfalle, wird sie regelrecht depressiv und will gar nicht mehr aufstehen." Zudem könne ihre Mutter jederzeit, Tag oder Nacht, einen Schub bekommen - dann müsse sie voll einspringen.

"Einen guten Denkanstoß, mehr nicht", nennt da Susanne Hallermann von der Interessenvertretung "Wir pflegen" die Initiative von Bundesfamilienministerin Schröder. Ihrer Ansicht nach könnte das Modell vor allem für Gutverdienende eine Lösung sein. Für Selbstständige oder Hartz-IV-Empfänger dagegen sei es nicht praktikabel, und auch nicht für schwerste Pflegefälle. "Die Pflegebedürftigen und die Angehörigen müssten die Wahl zwischen verschiedenen Angeboten haben." Und doch freut sich Susanne Hallermann über den Vorstoß des Ministeriums: "Jetzt kommt vielleicht endlich mal der Stein ins Rollen."bea/nay/lp

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