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Babyklappe

Abschied von Alicia

Es ist fünf Uhr früh an einem kalten Tag Anfang Januar. Zitternd und außer Atem erreicht Susanne L. die Pforte des Krankenhauses Waldfriede. Dort wartet schon Pastorin Gabriele Stangl. Was jetzt hier geschehen soll, muss schnell gehen. Viele Worte wird es deshalb nicht geben.

Die Pastorin nimmt die junge Frau in den Arm und streicht ihr über den Kopf. "Jetzt wird alles gut", sagt sie leise. Susanne nickt und kämpft mit den Tränen. Dann drückt sie Gabriele Stangl vorsichtig ein Bündel in die Arme. Es ist ihre winzige Tochter. Ganz allein hat Susanne sie vor ein paar Stunden zur Welt gebracht. Auf der Couch im Wohnzimmer, während ihre beiden anderen Töchter ahnungslos im Nebenzimmer schliefen.

"Sie wird es gut haben", sagt Susanne zu Gabriele Stangl. Und das klingt wie eine Beschwörung. Ein letztes Mal schaut die junge Frau ihrer Tochter ins Gesicht. Dann flüstert sie der Pastorin noch einen Namen ins Ohr. Alicia soll ihre Tochter heißen. "Wenigstens mit dem zweiten Namen, bitte." Dann läuft die Susanne L. davon. Tage später wird sie Gabriele Stangl anrufen und sich nach ihrem Kind erkundigen. Jetzt aber will sie nur weg. Ganz schnell, bevor der Schmerz über diesen endgültigen Abschied übermächtig wird. Susanne beginnt zu rennen. Ohne sich noch einmal umzusehen, verschwindet sie in der Dunkelheit.

Froh, auf der Welt zu sein

Die junge Frau hat 100 Kilometer zurückgelegt, um ihr Neugeborenes in die helfenden Hände von Pastorin Stangl zu legen. Diese bringt die Kleine sofort auf die Neugeborenenstation. Dort wird sie gründlich untersucht. Zum Glück ist alles in Ordnung, dem Mädchen geht es gut. Es schläft sofort ein, als es endlich in einem Bettchen liegt. Die kleinen Hände zu Fäusten geballt, ein Lächeln im Gesicht. "Sie sah aus, als wäre sie froh, auf der Welt zu sein, trotz alledem", erinnert sich Gabriele Stangl.

Mitten in der Nacht hat Susanne Pastorin Stangl angerufen, ihr von der Geburt des Kindes erzählt und gesagt, dass sie sich jetzt auf den Weg zur Babyklappe machen wird. "Ich warte auf dich", hat Gabriele Stangl ganz ruhig geantwortet und an der Pforte ausgeharrt.

Wäre alles so gelaufen wie geplant, hätte Susanne im Krankenhaus Waldfriede anonym entbunden. So war es abgesprochen, als sie sich zum ersten Mal bei Pastorin Stangl gemeldet hat, wenige Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. Doch die Kleine war schneller. "Ich weiß nicht, was ich getan hätte, würde es die Babyklappe nicht geben", sagt Susanne L. Für sie, die sich dafür entschieden hat, ihre Tochter nach der Geburt wegzugeben, ist klar: "Die Frauen sollten selbst entscheiden können, welche Hilfe sie in Anspruch nehmen." Ob sie anonym entbinden wollen, sich an eine Adoptionsstelle oder -beratung wenden oder ihr Kind in die Babyklappe legen wollen. Das Argument der Kritiker, das Kind habe ein Recht darauf, seine Herkunft zu wissen, gilt für sie nicht. "Was nützt einem Kind sein Recht auf Kenntnis der Herkunft, wenn es nicht überlebt", sagt Susanne L. "Diese Frauen riskieren ihr Leben, wenn sie das Kind ganz allein entbinden. Und wenn die Verzweiflung groß genug ist, könnten sie ihrem Kind durchaus etwas antun nach der Geburt." Sie habe selbst erfahren, in welcher Ausnahmesituation man sich befindet, wenn man ein Kind allein zur Welt bringt, sagt Susanne L. Die 31-Jährige hat bereits zwei Töchter (2 und 4 Jahre alt). "Mein Lebensgefährte wollte kein weiteres Kind", sagt sie leise. Hinzu kommt, dass sie seit mehr als einem Jahr arbeitslos ist. "Auch mein Lebensgefährte verdient nur sehr wenig. Für drei Kinder würde unser Einkommen hinten und vorn nicht reichen", sagt Susanne L. Sie verdrängte deshalb die Schwangerschaft, solange es ging. "Ich nehme ohnehin immer mal deutlich zu und dann wieder ab. Da hat keiner Verdacht geschöpft."

In den letzten Schwangerschaftswochen bekam sie es dann aber doch mit der Angst zu tun. "Mir wurde plötzlich klar, dass etwas geschehen muss. Da habe ich mich an einen Artikel über die Babyklappe erinnert und im Internet nachgesehen, wo in meiner Nähe es eine solche Einrichtung gibt." Susanne nimmt zunächst telefonischen Kontakt zu Gabriele Stangl auf. "Endlich konnte ich mit jemandem über alles sprechen", erinnert sie sich. Schnell ist Vertrauen hergestellt. Die Pastorin kann Susanne überreden, sich im Krankenhaus untersuchen zu lassen. "Dort haben wir vereinbart, die Geburt an einem bestimmten Termin einzuleiten", sagt Susanne.

Die Kleine soll es gut haben

Als es soweit ist, bringt Susanne ihre beiden Kinder bei einer Freundin unter, der sie etwas von einem wichtigen Termin erzählt. Dann fährt sie los. Im Krankenhaus Waldfriede angekommen, überfällt Susanne plötzlich Panik: "Ich wusste doch gar nicht, wie lange das alles dauert und ob ich meine Kinder am nächsten Morgen wie immer würde wecken können. Ich habe sie schließlich noch nie allein gelassen."

Die junge Frau fährt wieder nach Hause. Nachts setzen plötzlich die Wehen ein. Zwei Stunden später ist die Kleine bereits auf der Welt. Mit einem Plastikklipp klemmt Susanne die Nabelschnur ab. Dann hält sie ihre Tochter ein Weilchen in den Armen. "Sie sieht mir ähnlich wie keines meiner beiden anderen Kinder." Voller Wehmut sagt Susanne diesen Satz.

Vom Dachboden holt sie schließlich Sachen für das Neugeborene und auch einen Kindersitz für den Transport. "Ich habe alles für eine Freundin aufgehoben", sagt sie. Sogar eine ganz kleine Windel ist noch dabei. "Was hätte ich tun sollen?" Ihre Kleine soll es gut haben, das ist Susanne wichtig. "Wir hätten ihr einfach nichts bieten können." Diese Überzeugung hilft der jungen Frau, sich von ihrem Neugeborenen zu trennen. Ein paar Tage nach der Geburt muss sie dennoch immerzu weinen. Besonders schwer fällt es ihr, den Brief an die Tochter zu schreiben, um den Pastorin Stangl sie gebeten hat. Wie soll sie ihrem Kind erklären, dass sie es weggeben will? Die 31-Jährige schreibt alles auf, was ihr durch den Kopf geht, erzählt viel von sich und den beiden Geschwistern. Später einmal soll die Kleine diesen Brief lesen und sie vielleicht ein wenig verstehen.

Susanne ist froh, dass sie durch den Kontakt mit Gabriele Stangl immer erfahren kann, wie es ihrer Tochter geht. Sie hat ihr erzählt, dass Alicia eine nette Familie im Berliner Umland gefunden hat. Dass sie geliebt wird, eine gute Zukunft vor sich hat. "Das tröstet mich irgendwie", sagt Susanne L. "Denn all das hätte sie bei mir nicht gehabt."

Ob sie sich später einmal zu erkennen geben wird, ihrer Tochter die offenen Fragen beantworten will, das weiß sie noch nicht. "Immerhin besteht die Möglichkeit."

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